KITZINGEN

Dietz am Marktplatz: Dornröschenschlaf ist beendet

Nach 13 Jahren Stillstand ist wieder Bewegung im Dietz-Haus am Kitzinger Marktplatz. Flohmarkt vom 12. bis 14. April. Langfristige Lösung ist in Sicht.
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Sie freuen sich auf drei Tage Baustellenverkauf und jede Menge Sonderposten im ehemaligen Gemischtwarenladen Dietz am Kitzinger Marktplatz: Frank Gimperlein (Stadtmarketingverein), Walter Vierrether (Aplawia-Vorstandsmitglied), Volker Schmidt (Verwalter), Christine Pfanzer und Kathrin Weber (Stadtmarketingverein). Foto: Fotos: Ralf Dieter
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Es tut sich was. Nach vielen Jahren des Stillstandes. Das Dietz-Haus am Kitzinger Marktplatz öffnet an diesem Wochenende wieder seine Türen. Erst einmal kurzfristig. Aber ein langfristiges Konzept ist in Planung.

Das Wort „Schandfleck“ hört Volker Schmidt nicht gerne. Weil es den Besitzern des Hauses und ihrer Geschichte nicht gerecht wird. Viele Kitzinger und Auswärtige haben das Anwesen, direkt am Marktplatz in 1a-Lage, in den letzten Jahren allerdings als Schandfleck wahrgenommen. Ein Brand hatte dem Gemäuer zugesetzt, der Laden war seit 2006 verwaist. Zuletzt hatte der Stadtmarketingverein mit mehreren Aktionen versucht, das Ansehen des Gebäudes und des Marktplatzes aufzuhübschen. Jetzt keimt Hoffnung auf eine langfristig sehenswerte Lösung auf.

Volker Schmidt ist seit dem Jahr 2017 als Verwalter eingesetzt. Er kennt die Besitzerfamilie Dietz gut, war mit der ältesten Tochter Jahre lang befreundet. Schon nach dem Brand im November 2013 war er als Berater hinzugezogen worden. „Aber leider nicht dauerhaft“, sagt er. Die Umstände waren nicht einfach. Die Familie musste einiges wegstecken. Vertrauen war verspielt worden.

Ein Ausleger in der Marktstraße weist noch heute auf den Ursprung des Hauses hin. Die Zinngießerfamilie Dietz begründete Anfang des 19. Jahrhunderts eine Tradition im Herzen der Stadt. Zuletzt hatten Heinrich und Mathilde Dietz Jahrzehnte lang ein Geschäft in dem Haus geführt, das seine Bezeichnung Gemischtwarenladen mehr als verdient hatte. „Hier hat man wirklich alles gefunden“, erinnert sich Walter Vierrether. Sowohl Einheimische als auch die stationierten US-Soldaten deckten sich liebend gern bei Dietz ein. Mit dem Abzug der Soldaten im Jahr 2006 schlossen Heinrich und Mathilde Dietz ihr Geschäft. „Das Haus ist dann in eine Art Dornröschenschlaf verfallen“, erinnert sich Volker Schmidt.

Die Eheleute wollten sich zur Ruhe setzen, ihre beiden Töchter hatten kein Interesse an einer Übernahme. Mehrfach seien „helfende Hände“ aufgetaucht. Menschen, die angeblich mit Rat und Tat zur Seite stehen wollten, die beiden Ruheständler laut Volker Schmidt aber „nach Strich und Faden ausgenommen haben.“ Kurz nach der Geschäftsschließung habe einer dieser selbst ernannten Helfer die Ladenbesitzerin um 25.000 Euro erleichtert. „Das Misstrauen gegenüber irgendwelchen Hilfsangeboten ist ab diesem Zeitpunkt natürlich stetig gewachsen“, sagt Schmidt.

Die beiden hätten ihren Mut verloren, durchaus vorhandene Mietangebote eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen. „Sie wollten irgendwann einfach nur in Ruhe gelassen werden“, sagt Schmidt. Mathilde habe schwere Depressionen erlitten, ihr Mann starb 2014. Vorher musste er allerdings den Brand im Erdgeschoss des Hauses miterleben. „Der wurde offiziell als Unfall bewertet“, erinnert sich Schmidt. Vor dem Fenster im Erdgeschoss war ein Sofa abgestellt, das Feuer fing. Die Flammen griffen auf das Haus über. „Die Familie hatte damit überhaupt nichts zu tun“, beteuert Schmidt. Aber sie hatte den Schaden.

Die Feuerwehr holte Mathilde aus der Wohnung im Obergeschoss und brachte sie in die Klinik. Von dort ging es direkt ins Altenheim. „Dieser Vorfall hat noch mal Spuren hinterlassen“, sagt der Verwalter, der seit zwei Jahren versucht, die Dinge aufzuarbeiten und einen Weg in die Zukunft zu finden. Die durchaus vorhandenen Versicherungen für einen Schadenfall, wie den Brand von 2013, wurden nicht abgerufen. Die Ansprüche sind mittlerweile verjährt. Konten müssen überprüft, eine künftige Nutzung des Gebäudes in die Wege geleitet werden. Volker Schmidt ist von Mathilde Dietz diesbezüglich umfassend bevollmächtigt worden. „Wir planen die Zukunft des Hauses gemeinsam“, erzählt er. Oberstes Ziel ist eine langfristige Vermietung.

Im letzten Jahr hatte die GWF bereits Interesse angemeldet, wollte eine Vinothek am Kitzinger Marktplatz etablieren. „Die Gespräche waren weit gediehen“, erinnert sich der promovierte Naturwissenschaftler. Letztendlich hat sich der Vorstand der Winzergenossenschaft dagegen entschieden. Überlegungen, die städtische Tourist-Information dort zu platzieren, sind am Veto der Stadträte gescheitert. „Die wollten eher kaufen als mieten“, sagt Schmidt.

Mit dem Geschäftsführer des Stadtmarketingvereins, Frank Gimperlein, hat er über all die Zeit ein gutes Miteinander gepflegt. Das könnte jetzt zu einer interessanten Lösung führen. „Wir denken schon länger an eine Vinothek mit Weinbar in Kitzingen“, berichtet Gimperlein. Den Kontakt mit den örtlichen Winzern hat er längst aufgenommen. „Wir sind auf einem ganz guten Weg“, sagt er. Die rund 130 Quadratmeter im Erdgeschoss würden sich für diese Nutzung ideal eignen. „Wir nennen uns Weinhandelsstadt, haben aber keine Vinothek vor Ort“, erinnert Gimperlein. Mit Volker Schmidt ist er sich einig, dass sich das Gebäude in alle Richtungen hin öffnen müsse, bodentiefe Fenster sind bereits angedacht. Zunächst müsse allerdings die Finanzierung gestemmt werden.

Insgesamt verfügt das Gebäude über fast 900 Quadratmeter Fläche. Strom- und Wasserleitungen sind vorhanden. Volker Schmidt kann sich vorstellen, dass die Obergeschosse irgendwann einmal als Wohnraum angeboten werden.

An diesem Wochenende werden zunächst einmal die verbliebenen Waren im Laden verkauft. Die reichen von angestaubten Nussknackern bis hin zu neuwertigen Küchengeräten. Volker Schmidt spricht von einem Baustellenverkauf, den sich Mathilde Dietz so gewünscht hat. „Den Erlös wollen wir in die weiteren Investitionen stecken“, erklärt er. Eine erkleckliche Summe würde sicher wieder ein bisschen Vertrauen zurückgeben.

Termin: Flohmarkt vom 12. bis 14. April, jeweils von13 bis 18 Uhr. Motto: Kaufen Sie sich ein Stück Dietz.

Helfer: An den Aufräumarbeiten sind neben dem Stadtmarketingverein der Bauhof der Stadt Kitzingen, die Aplawia mit zwei freiwilligen Helfern und die Firma Rappelt beteiligt.

Lange Tradition

Johann Kilian Dietz, Sohn des Weinhändlers Johann Georg Dietz, lernte bei Caspar Gundermann in Nürnberg von 1818 bis 1822, wurde in Kitzingen Meister und eröffnete am 20. September 1827 in der Kaiserstraße 46 eine Zinngießerei.

Nach einigen Jahren nahm er den Handel mit Töpferwaren auf und erwarb 1845 das Anwesen der ehemaligen Gaststätte „Zur Goldenen Gans“ in der Marktstraße 13. Nach seinem Tod im Jahr 1894 übernahm seine Frau die Leitung und übergab das Geschäft zwei Jahre später ihrem Sohn Johann Paulus Dietz, der 1909 das gesamte Anwesen von Grund auf umbaute, den Laden nach modernen Anforderungen einrichtete und mit großen Schaufenstern versah.

1933 übergab Johann Paulus Dietz das Geschäft seinem Sohn Kilian Dietz. Der fiel 1945 bei schweren Kämpfen um Berlin. Bis in die 1950er Jahre führte dessen Frau das Geschäft weiter. Bis ins Jahr 2006 waren Heinrich und Mathilde Dietz die Ladenbesitzer.

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