Kitzingen
Erkrankung

Diese drei Franken leben mit Multipler Sklerose

Heike Rickel, Karlheinz Röthlein und Rainer Kessler leiden an Multipler Sklerose. Zum Welt-MS-Tag am Mittwoch erzählen sie, wie die Krankheit sie aus ihrem normalen Leben riss.
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Heike Rickel, Karlheinz Röthlein und Rainer Kessler leiden an Multipler Sklerose. Fotos: Sabine Herteux
Heike Rickel, Karlheinz Röthlein und Rainer Kessler leiden an Multipler Sklerose. Fotos: Sabine Herteux
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Seit zwei Jahren sitzt er im Rollstuhl. Lange konnte er sich noch mit Stöcken auf den Beinen halten. Konnte noch laufen. Seine Beine bewegen. Doch irgendwann ging es einfach nicht mehr. Ging vieles nicht mehr. Seinen Alltag kann Rainer Kessler jetzt nur noch sitzend erleben. Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) hat alles verändert, beherrscht sein ganzes Leben. Die Ursachen der unheilbaren Entzündungserkrankung des Zentralen Nervensystems sind bis heute noch nicht geklärt. "Als ob man auf einem Ameisenhaufen liegt", versucht der 45-Jährige, seine Krankheit zu beschreiben.

Seit 25 Jahren lebt er mit der Multiplen Sklerose. Anfangs noch einigermaßen erträglich. Doch vor zehn Jahren hat sich die Krankheit komplett gedreht. Plötzlich ging gar nichts mehr: Koordinationsstörungen, Gehstörungen, Sehstörungen.
Kessler ging auf Reha, konnte danach aber nie mehr in seinen Beruf als Hotelbetriebswirt am Frankfurter Flughafen zurückkehren. Seit 2005 ist er verrentet. Die Krankheit verläuft nicht mehr in Schüben wie zu Beginn, dafür schleichend - langsam, aber immer weiter fort. "Jeden Morgen frage ich mich: Habe ich Spastiken? Habe ich Schmerzen? Kann ich duschen? Ich muss jeden Tag neu planen", sagt Kessler.

Karlheinz Röthlein war 38 Jahre alt, als er erfuhr, dass er MS-Patient ist. Schon lange vor der Diagnose hat er gemerkt, dass etwas nicht stimmt: "Ich bin früh schon gelaufen, als ob ich besoffen wäre", erinnert sich der 65-Jährige. Fünf Jahre konnte er als Schreiner im ehemaligen Stadttheater in Würzburg noch arbeiten, dann wurden die Schübe häufiger. "Einmal habe ich während dem Autofahren auf dem rechten Auge plötzlich nichts mehr gesehen. Inzwischen ist es besser geworden, und ich sehe immerhin schwarz-weiß."

Belastung für die Familie

Auch bei ihm verläuft die MS schleichend. Der Rollstuhl gehört mittlerweile zu seinem festen Inventar, kurze Strecken kann Röthlein mithilfe von Stöcken aber noch selbst laufen. Die Krankheit hat die Oberhand übernommen. In seinem Leben. Und im Familienleben. "Ich nehme es leichter als meine Frau, sie hat mit der MS mehr Arbeit", findet der Schwarzenauer. "Wir haben früher beide gern getanzt. Mit der Krankheit haben wir uns aber zurückgezogen. Wir wollen kein Hindernis sein. Da verliert man schon Freundschaften", bedauert seine Frau Rosmarie.

Auch Heike Rickel musste erst lernen, sich mit der Krankheit zu arrangieren. In Großlangheim mit dem Rollstuhl zu fahren, möchte sie noch nicht. Zwar wissen die meisten über ihre Erkrankung Bescheid. Dennoch glaubt sie, wären manche irritiert und würden gucken. Wirklich angewiesen ist die 45-Jährige auf den Rollstuhl aber noch nicht. Sie kann laufen, ganz selbstständig. Vor über zehn Jahren bekam sie die Diagnose. "Den Behindertenausweis abzuholen, war für mich ein schlimmer Moment. Ich habe meinen Mann geschickt", erzählt Rickel. Auch sie hatte schon ein paar Jahre, bevor die Krankheit festgestellt wurde, erste Empfindungs- und Sehstörungen.

Im Gegensatz zu Kessler und Röthlein - die Forschung war mittlerweile weiter fortgeschritten - bekam sie zur Behandlung sofort Spritzen mit Interferon, um die Schübe hinauszuschieben und erträglicher zu machen. Inzwischen helfen aber auch sie nicht mehr, da die MS auch bei ihr nicht mehr schubförmig, sondern schleichend verläuft. Jetzt bekommt sie alle drei Monate Chemoinfusionen. "Seitdem ist die Krankheit stehen geblieben", freut sich Rickel.

Alle drei, Kessler, Röthlein und Rickel, haben sich bei der MS-Selbsthilfegruppe in Mainbernheim kennengelernt. "Es ist wichtig, dass man sich mit der Krankheit auseinandersetzt und sie akzeptiert", findet Rickel. Zwar gebe es immer wieder Momente, in denen man mit seinem Schicksal hadert, da sind sich alle einig. Von der Angst, wie es weitergeht, wollen sie sich aber auf keinen Fall leiten lassen: "Das tut weder mir noch der Krankheit gut", sagt Röthlein. Deswegen haben er, Kessler und Rickel auch nur einen Wunsch: Dass es genau so bleibt, wie es jetzt ist. Denn, Röthlein weiß: "Besser wird es bestimmt nicht mehr."

MS-Selbsthilfegruppe:

Die MS-Selbsthilfegruppe wurde 1989 von Herbert Gahr gegründet. Als er 2008 starb, entschloss sich seine Frau Angelika, die Arbeit ihres Mannes fortzuführen. Die Gruppe bietet nicht nur Betroffenen, sondern auch den Angehörigen Hilfe an. "Wir freuen uns immer über Neuzugänge. Bei uns wird nicht gejammert, wir sind fröhlich und aufgeschlossen", sagt Heike Rickel. Die Gruppe trifft sich immer am zweiten Samstag im Monat um 14.30 Uhr im katholischen Pfarrheim in Mainbernheim. Beim nächsten Treffen, am 15. Juni, unternimmt sie einen gemeinsamen Ausflug ins Steiff-Museum nach Giengen an der Brenz. Wer mitkommen möchte, meldet sich bei Heike Rickel, Telefon 09325/6792.

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