KITZINGEN

"Wir haben die schönste Botschaft überhaupt"

Dekan Hanspeter Kern nimmt Abschied: Über den Unterschied zwischen Ober- und Unterfranken und die Zukunft der evangelischen Kirche.
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„Kirche wird letztendlich immer auch durch Beziehungen definiert.“ Dekan Hanspeter Kern auf der Terrasse des Dekanatsgebäudes in Kitzingen. Foto: Foto: Ralf Dieter

An diesem Sonntag beginnt eine neue Zeitrechnung. Dekan Hanspeter Kern verlässt Kitzingen. Zusammen mit Uwe Bernd Ahrens, der vor zwei Monaten verabschiedet worden ist, hat er 15 Jahre lang die Geschicke im evangelischen Dekanat Kitzingen geleitet.

Freuen Sie sich auf Ihren neuen Lebensabschnitt?

Kern: Ich freue mich darauf, wieder selbstbestimmter leben zu können. Dekan zu sein bedeutet, einen Fulltime-Job zu haben.

Sie sind 2004 von Ober- nach Unterfranken gewechselt. Eine große Herausforderung?

Kern: Eine Umstellung war das schon für mich. Von einer dörflich geprägten Gemeinschaft kam ich in ein Mittelzentrum. Und die Mentalität der Unterfranken ist tatsächlich anders.

Wie sind wir denn?

Kern: Spontaner und selbstbewusster.

Wie hat sich das geäußert?

Kern: In erfreulich vielen Menschen, die sich in der Kirche einbringen wollten und wollen. Die Menschen hier übernehmen schnell Verantwortung. Ich hatte beispielsweise immer genug Kandidaten für den Kirchenvorstand und genug Lektoren für Gottesdienste zur Verfügung. So konnten wir unser Gottesdienstangebot über die Jahre aufrecht erhalten. Lediglich an Organisten mangelt es uns.

Hat sich die Zahl der Gottesdienstbesucher in den 15 Jahren verändert?

Kern: Leider sind es weniger geworden. Viele ältere treue Gottesdienstbesucher sind oft nicht mehr in der Lage, zu kommen.

Junge Leute sind nur noch schwer zu erreichen?

Kern: Junge Menschen erreichen wir nach wie vor gut. Durch die Konfirmationsvorbereitungen, durch die Angebote des evangelischen Jugend- und Freizeitenwerkes, den Religionsunterricht, das Kigo-Team in der Stadtkirche und vieles mehr. Aber nach dieser Zeit ist oft eine Distanz zur Kirche zu beobachten. Wegzüge sind dafür verantwortlich, der Start ins Berufsleben, das geänderte Freizeitverhalten und anderes. Punktuelle Besuche treten an die Stelle von regelmäßiger Teilnahme.

Wie lässt sich das verhindern?

Kern: Kirche wird letztendlich immer auch durch Beziehungen definiert. Wenn die wegbrechen, bricht oft auch der Kontakt zur Kirche ab. Manche kommen jedoch im Alter wieder zurück. Und die Werte, die wir vermitteln, die bleiben, auch wenn der Kontakt lockerer wird.

Ist das die Hauptaufgabe der Kirche? Werte vermitteln?

Kern: Ja, christliche Werte. Wir haben die schönste Botschaft überhaupt weiterzugeben. Dass Gott die Menschen liebt und jeder in seinen Augen wertvoll ist. Und dass er Frieden und Gerechtigkeit will. Diese Botschaft wird auch weiterhin in die Gesellschaft hineinwirken. Da mache ich mir keine Sorgen. Denn das suchen die Menschen auch in Zukunft.

Auch wenn die Kirchenbänke immer leerer werden?

Kern: Wir müssen auch andere Wege der Kommunikation einschlagen. Was ja längst geschehen ist. Gottesdienste im Freien, ökumenische Angebote, diakonisches und gesellschaftliches Engagement. Nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Medien. So wirken Kirchen in der gesamten Gesellschaft.

Sollten sich Kirchen in politische Entscheidungen vor Ort einmischen?

Kern: Unbedingt, jedoch sachlich, konstruktiv und ohne öffentliche Stimmungsmache. Denken Sie nur an die Diskussionen rund um das Notwohngebiet in der Kitzinger Siedlung. Die Kirchen haben in ökumenischer Verbundenheit das Gespräch gesucht und auf Stadt und Landratsamt eingewirkt. Es ist auch unserem Einsatz zu verdanken, dass es jetzt zwei Sozialarbeiterinnen dort gibt. In den Stadt- und Gemeinderäten sitzen nach wie vor viele Christen, die unsere Werte weitertragen.

Kitzingen ist eine geteilte Stadt, was die Zahl der Katholiken und Protestanten angeht. Fast gleich viele leben hier.

Kern: Ja, seit 1650 ist das hier so. Ich habe die Ökumene in Kitzingen als sehr positiv erlebt. Wir feiern gemeinsame Gemeindefeste, haben ein gemeinsames Kirchenmusikprogramm, arbeiten im diakonischen Bereich Hand in Hand, organisieren gemeinsame Gottesdienste und vieles mehr. Die Zusammenarbeit und der ökumenische Austausch sind hier intensiver geworden.

Wird diese Zusammenarbeit weiter wachsen?

Kern: Anders geht es künftig nicht. Als Kirche in der Stadt werden wir gemeinsam auch viel aufmerksamer wahrgenommen.

Zumal die personelle Situation auch in der evangelischen Kirche nicht einfacher wird.

Kern: Ein neuer Landesstellenplan wird gerade erstellt. Kürzungen sind auch hier in Kitzingen wahrscheinlich. Die Zahl der Gemeindemitglieder ist in den letzten 15 Jahren um rund zehn Prozent gesunken. Das wirkt sich irgendwann auch auf die Stellenbesetzung aus.

Wird es Zusammenlegungen zu Pfarreiengemeinschaften nach dem katholischen Vorbild geben?

Kern: Da sind wir anders aufgestellt. Wir arbeiten gerade an dem Projekt „Profil und Konzentration“. Da werden viele Vorschläge eingebracht. Wir wollen künftig mehr in Regionen denken.

Das heißt?

Kern: Kirchengemeinden werden künftig enger zusammenarbeiten, Teams über Gemeindegrenzen hinweg werden sich bilden und ihre Stärken bündeln. Wichtig ist uns, dass wir als Kirche vor Ort präsent und lebendig bleiben.

Haben Sie keine Sorgen, dass die Kirche irgendwann einmal überflüssig ist?

Kern: Kirche wird immer gefragt sein, weil sie sinngebende Werte wie Nächstenliebe, soziale Verantwortung oder gegenseitige Wertschätzung vermittelt und lebt. Ihr Dienst an der Gesellschaft findet nach wie vor große Zustimmung, und zwar quer durch alle Altersgruppen. Ich nenne hier neben Gottesdienst und Seelsorge nur die Jugendarbeit, die Kindergärten, die Diakonie oder das kulturelle Wirken in den Chören und der Kirchenmusik. Zwar bröckelt es am Rand, wo die Beziehung zur Kirche geringer ist, aber die Bereitschaft mitzuarbeiten ist nach meiner Erfahrung sogar gestiegen. Der Trend entwickelt sich in Richtung ganz oder gar nicht dabei sein.

Sie können jetzt erst mal durchschnaufen.

Kern: Darauf freue ich mich tatsächlich. Die Einträge im Kalender dünnen langsam aus. Ich habe sehr gerne als Pfarrer und Dekan gearbeitet, künftig kann ich mich in meiner Heimat im Steigerwald mehr den Dingen zuwenden, die bisher hintan stehen mussten.

Keine Gottesdienste mehr halten?

Kern: Doch, natürlich. Die ersten Anfragen habe ich schon erhalten (lacht).

Etwa 21.000 evangelische Christen leben in den 21 Kirchengemeinden und 18 Pfarreien des Dekanats.

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