KITZINGEN

Die Kunst des lebendigen Kunstunterrichts

Dr. Harald Knobling geht nach 37 Jahren in Ruhestand.
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Das Atelier im eigenen Garten hat Dr. Harald Knobling in den letzten Jahren vernachlässigt. Ab sofort will er dort wieder kreativ werden. Foto: FotoS: Ralf Dieter
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Fast 35 Jahre war er als Kunstlehrer am Armin-Knab-Gymnasium aktiv. Er hat in dieser Zeit mehr als 3000 Schüler unterrichtet. Jetzt ist Dr. Harald Knobling in den Ruhestand verabschiedet worden.

Wobei Ruhestand bei ihm das völlig falsche Wort ist. Pläne hat der Kunstlehrer a.D. und Stadtheimatpfleger mehr als genug. Seinen Beruf und den täglichen Kontakt mit jungen Menschen wird er allerdings vermissen.

Viele Menschen fallen mit dem Eintritt in den Ruhestand in ein Loch.

Dr. Harald Knobling (lacht): Ich sicher nicht. Ich habe keine Angst vor dieser Zeit. Im Gegenteil.

Worauf freuen Sie sich?

Knobling: Auf ein wenig Ruhe und Muse. Ich würde gerne wieder stärker künstlerisch aktiv werden. Mein Atelier hat in den letzten drei Jahren ein Schattendasein gefristet. Außerdem arbeite ich noch an einer Reihe kunstgeschichtlicher Themen, die ich in den nächsten Jahren publizieren will.

Ist der Beruf des Kunstlehrers so fordernd?

Knobling: Wenn man ihn liebt und sich auch außerhalb der Unterrichtszeiten mit seinen Schülern trifft, sicher.

Warum außerhalb der regulären Unterrichtszeiten?

Knobling: Weil wir viele Aktionen gemeinsam geplant und umgesetzt haben. Das ist in der Regel sehr zeit- aufwändig, sehr fordernd, aber auch sehr bereichernd für alle.

Warum bereichernd?

Knobling: Weil man sich selbst jung fühlt, wenn man mit jungen Menschen zusammenarbeiten kann.

Sie sind 1984 als Kunstlehrer nach Kitzingen gekommen. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Eindruck?

Knobling: Klar. Ich war ja vorher viel unterwegs. In Braunschweig und Nürnberg habe ich an der Kunstakademie studiert, in Regensburg mein Referendariat absolviert. Meine erste Stelle hatte ich in Laufen in Oberbayern, direkt an der Grenze zu Österreich. Eine absolute Urlaubsregion. Der erste Eindruck von Kitzingen war dagegen erst mal nicht so toll, sogar ein wenig trist.

Warum?

Knobling: Na ja, viele Häuser waren nicht renoviert, die beiden Mainufer waren lange nicht so anziehend wie heute. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren zum Positiven gewandelt. Es ist eine ganz andere Atmosphäre entstanden.

Das AKG hat sich auch gewandelt.

Knobling: Und wie. Wir hatten damals etwa 700 Schüler, jetzt sind es weit über 1000. Wir waren ungefähr 50 Lehrkräfte, jetzt sind wir rund 100. Die meisten Kollegen unterrichteten damals im Anzug. Das ist alles lockerer geworden.

Der Kunst-Unterricht auch?

Knobling: Na ja, was heißt lockerer? Wir haben heute natürlich andere Medien, mit denen wir arbeiten können und die Themen haben sich gewandelt. Aber wir haben damals schon interessante und teils provokante Aktionen durchgeführt und uns am zeitgenössischen Kunstgeschehen orientiert.

Zum Beispiel?

Knobling: In meinem ersten Jahr an der Schule haben wir Anfang Januar bei fast allen Eltern die abgeschmückten Weihnachtsbäume abgeholt und sie auf dem ehemaligen Kitzinger Schlachthofgelände zu einem grünen Kreuz drapiert und dieses Kreuz dann angezündet. Dazu haben Schüler Texte über die Zerstörung der Wälder verlesen. Damals wie heute ein wichtiges Thema. Die Aktion hatte eine große Symbolik.

Da fragten und fragen sich sicher viele, was das mit Kunst zu tun haben soll.

Knobling: Klar. Und die Antwort ist ganz einfach. Es werden Bewusstseinsprozesse in Gang gesetzt, junge Menschen durch das Ansprechen ihrer Sinne zum Nachdenken animiert.

Wie haben die Eltern damals reagiert und Ihr Vorgesetzter?

Knobling: Da gab es eine große Neugier und es herrschte so etwas wie Toleranz vor. Alle standen dieser Aktion irgendwie wohlwollend gegenüber. Der damalige Direktor kam sogar dazu und hat sich das Ganze angeschaut und angehört.

Im Lauf der Jahre folgten weitere Aktionen. Sie haben mit ihren Schülern das Tierheim und den Durchgang zum Gartenschaugelände bemalt und zuletzt einen Koffer gestaltet, der jetzt im Rosengarten als Denkmal an die Deportation der Juden während des Zweiten Weltkrieges erinnert. Liegt darin die Aufgabe eines Kunstunterrichtes?

Knobling: Auch.

Warum?

Knobling: Schüler lassen sich durch solche Aktionen an die Kunst heranführen. Sie erleben, welche unterschiedlichen Wege es gibt, Menschen zu erreichen. Und welche vielfältigen Materialien. Idealerweise werden durch solche Aktionen alle Sinne angesprochen. Ein Ziel des Kunstunterrichts ist es, die Wahrnehmung zu schulen, junge Menschen zum Nachdenken anzuregen.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass Kunst oder Musik im Schulunterricht nichts zu suchen haben.

Knobling: Ganz gefährlich. Zusammen mit dem Theaterspielen sind das doch die einzigen Möglichkeiten, beide Gehirnhälften anzuregen, ganzheitlich zu agieren. Unser Ziel muss es doch sein, mündige Bürger heranzuziehen. Menschen, die sich die Welt erschließen können und offen sind für andere Denk- und Herangehensweisen. Der Künstler Joseph Beuys hat uns da einen Weg aufgezeigt.

Inklusive Referendariat unterrichten Sie seit 37 Jahren. Sie klingen gar nicht so, als wären Sie amtsmüde.

Knobling: Bin ich auch nicht.

Beneidenswert.

Knobling: Wissen Sie: Ich habe meinen Traumberuf gefunden. Mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten, ist einfach erfrischend. Sie sind freier und ursprünglicher als die meisten Erwachsenen, ihre Meinungen weniger vorgeformt. Sie lassen sich in der Regel für eine Sache begeistern. Das ist gar keine so große Kunst (lacht.)

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