Kitzingen

Die Gärtner sind angefressen

Biber, Nilgänse, Krähen und Co. machen die Arbeit immer schwieriger.
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Heiner Lang ist nicht nur auf den Marder sauer, der seine Australop-Hühner getötet hat. Den Etwashäuser Gärtner regen auch die Krähen, Tauben, Biber, Feldhasen und Nilgänse auf, die in den letzten Jahren überhand genommen haben und die Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Flächen erschweren. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Der Grund für die Trauer von Heiner Lang ist nicht zu übersehen. Verstreut liegen sie da, die Körper verrenkt, leblos. Etwa 45 seiner geliebten Australop-Hühner hat der Marder getötet. Heiner Lang weiß, dass er in diesem Fall eine Mitschuld trägt. Er hat am Abend zuvor vergessen, das Schloss zum Innengatter abzuschließen. An einer anderen Entwicklung ist er allerdings unschuldig. Und die regt ihn mindestens so auf, wie die toten Tiere zu seinen Füßen.

„So kann es nicht weitergehen“, sagt der 77-jährige Gärtnermeister aus Etwashausen. „Der Umgang mit der Natur ist uns total entglitten.“ Lang zählt die Sorgentiere aus landwirtschaftlicher und gärtnerischer Sicht auf: Krähen, Tauben, Nil- und Kanadagänse, Wildschweine, Feldhasen und, nicht zu vergessen, den Biber. Sie alle machen den Gärtnern und Landwirten im Landkreis Kitzingen seit drei bis vier Jahren das Berufsleben schwer. „Wir müssen diese Tiere wieder bekämpfen können“, fordert er. „Damit wir wieder normale Stückzahlen haben.“

140 Biber in 35 Revieren sind im Landkreis Kitzingen heimisch geworden, sie besetzen mittlerweile jeden geeigneten Bach. „Das aufgestaute Wasser läuft in unsere Kulturen und macht sie kaputt“, ärgert sich Heiner Lang. Die Sonnenblumen sind vor den Tauben nicht sicher, seltenere Pflanzen wie Schafgarbe, Bartnelken oder Goldbandgras werden von den Krähen zerstört. Der Feldhase macht sich über die Salatköpfe her, Nilgänse tun sich am Getreide, an Klee, Feldfutter, Winterraps und vielem mehr gütlich.

„Es ist schon

fünf nach zwölf“

Georg Hünnerkopf Jagdberater

Etwa 400 Nilgänse hat Herbert Pfriem, Ortsobmann von Großlangheim und Mitglied im Kitzinger Jagdbeirat, Ende April des letzten Jahres in einem Getreidefeld bei Hörblach ausgemacht. Wie die Rasenmäher seien sie über den Bioweizen hergefallen. Konsequenz: Totalschaden auf etwa 0,3 Hektar.

Auf der anderen Mainseite, bei Dettelbach, haben Landwirte auch schon über die Gänse geklagt. In Albertshofen und Segnitz sind sie ebenfalls gesichtet worden. „Man kann sie kaum vergrämen“, sagt Wilfried Distler vom Bauernverband in Kitzingen. Werden sie von einem Acker vertrieben, machen sie es sich ein paar hundert Meter weiter auf dem nächsten gemütlich.

Jagdberater Georg Hünnerkopf weiß um die Problematik. Und er weiß, dass es höchste Zeit wird zu reagieren. „Es ist schon fünf nach zwölf“, versichert er. Sehr schlau seien die Gänse, wüssten genau, wo sie in Sicherheit sind. Und dort richten sie nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch ökologischen Schaden aus. „Sie sind Nesträuber und vertreiben andere Wasservögel.“ Hünnerkopf plant deshalb für den Landkreis Kitzingen ein Pilotprojekt. Ab dem kommenden Jahr soll die Nilgans ganzjährig bejagt werden dürfen. Im Moment ist das nur vom 1. August bis 15. Januar möglich.

Die Nil- und Kanadagänse stellen entlang des Mains das größte Problem dar. Im Bereich Großlangheim/Wiesenbronn machen sich dagegen immer häufiger Krähen über Maiskörner und Sonnenblumensamen her. „Die vermehren sich wie verrückt“, sagt Pfriem. Für die Schäden, die von Rehen und Wildschweinen verursacht werden, erhalten die Landwirte eine Entschädigung. Auch bei den Bibern gibt es einen bayernweiten Fonds. „Das Geld reicht aber nicht aus“, betont der Geschäftsführer des Bauernverbands im Kreis Kitzingen, Rudolf Bender.

Für die Schäden, die von Nilgänsen, Saatkrähen oder Feldhasen verursacht werden, gibt es bislang keine Entschädigung. „Dabei nimmt die Zahl der Landwirte, die sich bei uns beschweren, zu“, sagt Fachberater Distler. Eine exakte Schadenshöhe lasse sich schwer beziffern, bislang haben die meisten Landwirte die Schäden klaglos selbst reguliert. „Für den Einzelnen hält sich der Verlust in der Regel in Grenzen“, sagt Bender. „Aber insgesamt können wir diese Entwicklung nicht mehr tolerieren.“

Der Bauernverband hat seine Mitglieder jetzt dazu aufgerufen, alle Schäden ein Jahr lang zu dokumentieren. „Wir brauchen verlässliche Zahlen für die Diskussionen mit den Behörden und der Politik“, erklärt Herbert Pfriem und betont, dass eine gute Zusammenarbeit mit dem Naturschutz im Sinne des Bauernverbandes ist. Es sei nachvollziehbar, dass sich die Bevölkerung eine möglichst große Tiervielfalt im Landkreis wünsche. „Aber wir Produzenten dürfen nicht allein gelassen werden“, fordert er.

Das sieht der Etwashäuser Gärtner Christian Gräbner ähnlich. Er hatte in diesem Frühjahr bei seinen jungen Kulturen zum Teil massive Schäden zu beklagen. „Eine Salatsorte scheint dem Feldhasen besonders zu schmecken“, sagt er. Bei rund 50 Prozent lag der Schaden – obwohl er die Fläche mit Vlies abgedeckt hatte. Im letzten Sommer hatte er mit den Krähen zu kämpfen, die bei extremer Trockenheit in den feuchten Pflanztöpfen herumpickten und etliche umwarfen. Gänse waren auch schon auf seinen Feldern.

Die Untere Naturschutzbehörde ist über die Beschwerden der Gärtner und Landwirte im Bilde, die Jäger sind eingeschaltet. Heiner Lang hätte alle Parteien gerne zeitnah an einem Tisch versammelt. Es sei höchste Zeit, dass sich etwas verändert.

-> „Das Maß ist voll,“ Seite 12


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