Wiesentheid
Sprache

Dialektsprecher sind auf dem Vormarsch

Früher war es verpönt, im Klassenzimmer etwas anderes als Hochdeutsch zu sprechen. Das hat sich geändert. Die Mundart gehört nun sogar zum Unterrichtsstoff. Auch außerhalb der Schulen stehen immer mehr Menschen zu ihrer Mundart.
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German Bertele und Irina Reuß schreiben Dialektwörter für Kartoffel an die Tafel. Foto: Sabine Paulus
German Bertele und Irina Reuß schreiben Dialektwörter für Kartoffel an die Tafel. Foto: Sabine Paulus

Irina Reuß besucht die 12. Klasse des Gymnasiums in Wiesentheid. "Karotten" heißen bei ihr - ganz einfach - "Karotten". Irinas Opa aber sagt "Gelbe Rüben". "Kartoffeln" werden vom Großvater als "Grumbern " bezeichnet. "Manche der von ihm gebrauchten Ausdrücke kenne ich gar nicht", gesteht Irina.

Bei ihrem Lehrer German Bertele hört sich die Kartoffel ganz anders an. "Bodabira", Bodenbirne, sagt er dazu. Bertele stammt aus dem Allgäu. Er hat fünf Jahre lang mit seinen Schülern das "Fränki"-Projekt am Steigerwald-Landschulheim bearbeitet. Jeweils die Achtklässler wurden dabei zu Forschern und untersuchten die Dialekte an ihrem Heimatort und in der Umgebung. Einige schrieben auch Mundartgedichte. Das Gymnasium arbeitete dabei mit dem Unterfränkischen Dialektinstitut (UDI) zusammen.


Dialekt ist nichts Schlechtes

"Kindern sollte man vermitteln, dass Dialekt nichts Schlechtes ist", sagt Monika Fritz-Scheuplein. Erzieher sollten die Balance halten und die Kleinen im Kindergarten ruhig "Gelbe Rübe" statt "Karotte" sagen lassen, rät die promovierte Sprachwissenschaftlerin. Sie arbeitet seit 2003 am UDI. Von 1991 bis 2003 hat sie bei der Erstellung des Sprachatlas von Unterfranken mitgewirkt.

Dabei konnten die Forscher eine wichtige Dialektgrenze ausmachen. Im Westen wird Rheinfränkisch-Hessisch, also Mitteldeutsch, gesprochen, im Osten Ostfränkisch, das zum oberdeutschen Sprachraum gehört. Die Grenze in Form eines Linienbündels verläuft durch den Spessart. Westlich des Mittelgebirges hatte das Erzstift Mainz seine Ländereien, östlich davon übte das Hochstift Würzburg seine Herrschaft aus. Es gab also unterschiedliche Kirchenherren.

Das ist aber nicht der einzige Grund für das Entstehen der Grenze. Jeder kann sich vorstellen, dass die Menschen früher großen Respekt vor dem riesigen Waldgebiet hatten. Sie pflegten keinen Kontakt mit den Bewohnern auf der anderen Seite des Spessarts. Es gab keinen Handel und geheiratet wurde nur jemand von der vertrauten Gegend.
Auch das Hochdeutsche war einst ein Dialekt, der sich durch eine Lautverschiebung herausgebildet hat. Aus dem niederdeutschen "maken" wurde das hochdeutsche "machen", aus "Water" wurde "Wasser", aus "Appel" wurde "Apfel".

Dialekteausdrücke - Unterschied Aschaffenburg zu Würzburg by Infranken.de

Der Dialekt lässt sich nicht ganz verbergen

Monika Fritz-Scheuplein stammt aus Mellrichstadt. Die Sprachwissenschaftlerin gesteht, dass man immer ein bisschen ihren Rhöner Dialekt hören könne, auch wenn sie zum Beispiel ein Referat hält. "Dass sich der Dialekt nicht ganz verbergen lässt, finde ich nicht schlimm", sagt Fritz-Scheuplein, die vor Kurzem in der Alten Synagoge in Kitzingen über dieses Thema referiert hat. Man brauche sich nicht dafür zu schämen. Dialekt zu sprechen, sei nicht deplatziert. Im Gegenteil: Fritz-Scheuplein stellt sogar einen Boom fest. Im Comedy-Bereich werde der Dialekt als Stilmittel bewusst eingesetzt. Und es gebe immer mehr lokale und regionale Theatergruppen mit jungen Leuten als Akteure, die bewusst Dialekt sprechen. "Das zeugt doch von einer positiven Einstellung zum Dialekt", sagt Fritz-Scheuplein erfreut.

"Es gab eine Zeit, in der Dialekt verpönt war", sagt Bertele. Dass Schulkinder tunlichst Hochdeutsch sprechen sollten, hatte sicherlich damit zu tun, dass sich die Pädagogen zu viele Sorgen um die Rechtschreibung machten. Man schreibt auch im Deutschen eben nicht so, wie man spricht. Junge Schüler müssen dies erst lernen. Freilich versuchen die meisten Kinder und Jugendlichen, beim Sprechen möglichst nah an die Schriftsprache heranzukommen. Aber der Dialekt, an den ihre Ohren gewöhnt sind, färbt durch. Und wenn sie dann tatsächlich mal "Grumbern" sagen, wird ihnen kaum ein Lehrer böse sein.

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