SCHNEPFENBACH

Der Traum vom 36.000-er

Auf dem Weg in den ersten Stock passiert man die Skyline von New York. Runter in den Keller geht es vorbei an Schloss Neuschwanstein. Im Gang hängt gar die ganze Welt – allesamt bestehen die Bilder aus vielen kleinen Teilen. Wer das Haus von Ottmar Barthel betritt, der sieht sofort: Hier wohnt ein Puzzlefan.
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Wie heißen die Hauptstädte der Staaten, wie viele Einwohner haben sie? All das hat Ottmar Barthel von diesem Puzzle gelernt. Foto: Fotos: Daniela Röllinger

Auf dem Weg in den ersten Stock passiert man die Skyline von New York. Runter in den Keller geht es vorbei an Schloss Neuschwanstein. Im Gang hängt gar die ganze Welt – allesamt bestehen die Bilder aus vielen kleinen Teilen. Wer das Haus von Ottmar Barthel betritt, der sieht sofort: Hier wohnt ein Puzzlefan.

Toni legt seinem Opa die Hand auf den Unterarm, blickt ihn streng an und sagt: „Aber du machst es nicht!“ Das fast fertige Puzzle soll liegen bleiben, bis er wieder aus dem Kindergarten kommt und selbst die noch fehlenden Teile platzieren kann. Der Dreijährige ist sichtlich stolz, dass er mit seinem Opa an dem aus 1000 Stücken bestehenden Bild arbeiten darf. Und Ottmar Barthel freut sich, dass er seine Leidenschaft an seinen Enkel weitergegeben hat. Keine Frage: Das Puzzle und die Einzelteile werden den Esstisch noch ein paar Stunden blockieren.

Schon über 40 Jahre ist es her, dass Ottmar Barthel das Puzzeln für sich entdeckt hat. Aus 500 Teilen bestand das allererste Bild, das er damals zusammengesetzt hat. Im Laufe der Zeit wurden es natürlich immer neue Puzzles, immer andere Motive, immer mehr Teile. Sein bislang größtes besteht aus 7500 kleinen Stückchen und nimmt fast die ganze Wand am Treppenaufgang ein. Aber er hat sich noch weit mehr vorgenommen.

Dass er ein Puzzle aus „nur“ 1000 Teilen legt, ist die Ausnahme – und außergewöhnlich ist auch, dass er das Bild schon zum wiederholten Mal zusammensetzt. Das tut er, weil es ihm Spaß macht, gemeinsam mit seinem Enkel zu puzzeln. Normalerweise aber macht Ottmar Barthel jedes Puzzle nur ein einziges Mal. Dann wird es auf eine Holzplatte geklebt, versiegelt und findet einen Platz an der Wand.

4000 bis 5000 Stücke sind es meist, aus denen Ottmar Barthel ein Bild zusammenfügt. Das braucht Platz und Zeit, deshalb geht er seinem Hobby im Keller oder im Wintergarten nach, setzt das Bild auf einer großen Platte zusammen, damit der Esstisch nicht so lange blockiert wird. Natürlich müssen die vielen Teile zu Beginn nach Farben vorsortiert werden, in Schüsseln und Kartons. „Wir fangen mit dem Rand an“, weiß schon der dreijährige Toni. Danach werden die klar erkennbaren Teile des Motivs platziert, Linien am Horizont, die Ränder von Gebäuden, Bergen oder Bäumen. Toni hat viel Spaß daran und fast schon einen Kennerblick dafür, wo welches Teil hinkommt.

Für Toni ist das Puzzeln spannend und es macht ihm Spaß. Auch für seinen Opa ist es mehr als ein bloßer Zeitvertreib: „Das ist Entspannung pur. Da kann ich total abschalten“, sagt der Bauunternehmer. Darüber vergisst er schon mal die Zeit: „Ich sitze oft die halbe Nacht daran.“

Dass das Hobby entspannt, den Alltag entschleunigt und somit zum Stressabbau beiträgt, ist wissenschaftlich belegt, genauso wie die Tatsache, dass es die Konzentrationsfähigkeit bei Kindern erhöht und die Lernfähigkeit verbessert. Die Universität Ulm und der Ravensburger Spieleverlag beispielsweise erforschten 2018 gemeinsam das Puzzeln als kognitives Training und als Entspannungstechnik. „Im Projekt „Jigsaw Puzzles As Cognitive Enrichment“ (PACE) zeigte sich, dass das Puzzeln zahlreiche kognitive Fähigkeiten, darunter schlussfolgerndes Denken, Aufmerksamkeit und Gedächtnis, beansprucht“, heißt es in der Pressemitteilung über die Studie. „Zudem waren die kognitiven Fähigkeiten bei Erwachsenen ebenso wie die aktuelle psychische Gesundheit umso besser, je mehr sie in ihrem Leben gepuzzelt hatten.“ Derzeit wird untersucht, ob Erwachsene, die mit dem Puzzeln beginnen, davon kognitiv und psychisch profitieren können. Es könnte also auch dann einen Schutzfaktor gegen geistigen Abbau im Alter darstellen, wenn man erst später mit dem Hobby beginnt.

Ottmar Barthel fasziniert am Puzzeln allerdings noch etwas anderes: „Man lernt viel.“ So hat er gleich drei Welt-Puzzles: Zwei riesige Karten und einen Globus. Der ist übrigens sein einziges 3-D-Puzzle. „Ich mach' die flachen lieber.“ Die Weltkarten hat er nicht nur in vielen Stunden Arbeit zusammengesetzt, sondern er steht auch häufig davor und betrachtet sie. Wo welches Land genau liegt, hat er so gelernt, wie die Hauptstädte heißen und die Flaggen aussehen. Und welche Städte mehr als eine Million Einwohner haben. „Sydney, Melbourne, Brisbane, Perth und Adelaide“, zählt er für Australien auf und muss gar nicht mal mehr auf die Karte schauen. Ein Wissen, das ihm Freude macht. „Wenn dann der Jauch im Fernsehen was fragt, weiß ich das oft – oder ich kann nachschauen.“

Einige Jahre kam sein Hobby aus beruflichen Gründen etwas zu kurz, doch seit sein Enkel zur Welt gekommen ist, nimmt er sich wieder die Zeit dafür. Und der 59-Jährige freut sich schon auf seine Rente, denn dann hat er nicht nur bildlich gesprochen Großes vor: „Wenn ich Rentner bin, mache ich ein 32.000er oder ein 36.000er“, sagt er, blickt sich um und fügt lachend an: „Ich überlege schon, wo ich das dann hinhänge.“

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