Mönchsondheim
Schläge

Der Rohrstock ist noch da

Karl Haßold ist ein humorvoller, friedliebender Mensch - obwohl er als Kind öfter mal die Rute gespürt hat. Der 74-Jährige plädiert heute für einen Mittelweg in der Erziehung.
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Lisbeth und Karl Haßold haben in der Alten Schule von Mönchsondheim die Schulbank gedrückt. Und zumindest Karl hat dann und wann die Rute des Lehrers gespürt.
Lisbeth und Karl Haßold haben in der Alten Schule von Mönchsondheim die Schulbank gedrückt. Und zumindest Karl hat dann und wann die Rute des Lehrers gespürt.
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Wie sich das dünne, lange Rohr anfühlte, weiß Karl Haßold noch genau. Oft war es ein einfacher Haselnussstecken, denn "der ist nicht so leicht gebrochen". Wenn die Schüler nicht spurten, schwang der Lehrer den Stock. "In der Nachkriegszeit war das gang und gäbe, auch daheim setzte es leicht mal was." Wenn Haßold heute, am "Tag der gewaltfreien Erziehung", an diese Zeiten zurückdenkt, ist trotz allem keine Bitterkeit zu spüren. Der Mönchsondheimer sieht die Sache so: "Bei uns ist´s mit den Schlägen ein bisschen übertrieben worden. Aber heute wird dafür oft viel zu lasch mit den Kindern umgegangen."



Der 74-Jährige und seine gleichaltrige Frau Lisbeth, die im Iphöfer Ortsteil den Laden betreiben, erinnern sich daran, dass bis zu acht Klassen in einem Raum unterrichtet wurden - von einem Lehrer.
"Wenn der nicht ein bisschen Druck gemacht hätte, dann hätte er keine Chance gehabt", sagt Karl Haßold wahrheitsgemäß: "Wir haben schon so einige Lausbuben in unseren Reihen gehabt..."

Wenn man in der Schule etwas angestellt hatte, musste man nach vorne zur Tafel kommen und die Finger ausstrecken, die dann Bekanntschaft mit dem Rohrstock machten. "Das hat ganz schön gepfitzt", weiß Haßold aus Erfahrung. Daheim habe man von diesen Züchtigungen nichts erzählt - auch dann nicht, wenn man sich wirklich ungerecht behandelt fühlte. "Sonst hätte es passieren können, dass es gleich nochmal was gegeben hätte."
Wenn man weinte, konnte das ähnlich ausgehen. "Dann hieß es: 'Jetzt weißt' wenigstens, warum Du heulst.'"

"Schlimme Fälle sind auch mal übergelegt worden", berichtet Lisbeth, die selbst "sehr folgsam war" und sich deshalb nicht daran erinnert, ungerechterweise einmal eine "gefangen" zu haben. Doch sie hat noch das Bild vor Augen, als der Pfarrer die Ohren eines unfolgsamen Schülers zwischen den Händen rieb, bis sie ganz rot leuchteten. "Und ein Lehrer hat immer die Ohrläppchen lang gezogen", fügt Karl Haßold an. "Oder mit dem Zeigefingerknöchel Kopf- nüsse ausgeteilt."

Diese körperlichen Attacken seien "sicher nicht immer richtig" gewesen, sind sich Lisbeth und Karl Haßold einig. Ihre eigene Tochter haben die Haßolds "schon viel milder" erzogen, als sie selbst aufwuchsen. Und ihre Enkelin, die das Armin-Knab-Gymnasium Kitzingen besucht, kann sich wohl gar nicht vorstellen, dass Schläge in Omas und Opas Schulzeit noch Alltag waren. "Aber heutzutage möchte ich kein Lehrer sein!", stellt Lisbeth Haßold fest. So manchem Schüler mangele es deutlich an Respekt vor Erwachsenen.

Deshalb sind die Haßolds dafür, zwischen Gewalt- und antiautoritärer Erziehung "ein gesundes Mittelmaß zu finden". Kinder müssten schon erfahren, was richtig ist und was nicht. "Sie brauchen Grenzen." Man müsse die Grenzen ja nicht mit dem Rohrstock ziehen.




ZITAT AUS DEM GESETZESTEXT
"Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig." (Paragraf 1631 Bürgerliches Gesatz-Buch, Abs. 2 - beschlossen im Jahr 2000)



Über 90 Prozent aller Eltern halten eine gewaltfreie Erziehung für das Ideale. Trotzdem wenden 40 Prozent Gewalt an - vom Klaps über die Ohrfeige bis hin zur Tracht Prügel, zeigt eine Umfrage der Zeitschrift Eltern (2012). Oft wird Überforderung als Grund für die Aggression genannt.


Tag für gewaltfreie Erziehung "Die Würde der Kinder ist unantastbar." Dafür setzt sich der Deutsche Kinderschutzbund e.V. ein - unter
anderem alljährlich am 30. April
beim "Tag für gewaltfreie Erziehung".

In Kitzingen Andreas Laurien,
Diplom-Psychologe und Leiter der Beratungsstelle in der Güterhallstraße, stellt fest: "Das Bewusstsein 'Schlagen ist schlecht' ist gewachsen. Oft fehlen aber Alternativen." Dabei seien andere Ventile für die Wut erlernbar. Die beste Erste-Hilfe-Maßnahme sei stets "rausgehen, räumliche Distanz schaffen".

Früher und heute Statt Gehorsam und Strenge dominieren heute soziale Werte bei der Erziehung: "Damit Kinder gemeinschaftsfähige Menschen werden, setzt man auf Beteiligung und Einsicht", sagt Laurien.

Gefährlich Ganz schlecht sei das "Hü-Hott-Prinzip". Eltern dürften nicht "mal so, mal so" agieren, sondern müssten konsequent bleiben. "Es gibt nicht diskutierbare Grenzen. Klarheit und Struktur sind das Wichtigste für Kinder."

Info Beratungsstelle für Kinder,
Jugendliche und Erwachsene,
Tel. 09321/7817, E-Mail: Erziehungsberatung-Kitzingen@t-online.de.

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