Goßmannsdorf am Main

Der Kirchturm als Kinderstube

Albert Hofmann kümmert sich um das Uhrwerk und die Glocken des Gotteshauses. In diesem Jahr begleitete er auch zwei junge Turmfalken wochenlang mit seiner Kamera.
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Ohne Scheu: Die kleinen Turmfalken betrachten den Fotografen durch die Lamellen des Kirchturms hindurch mit Interesse.FOTOs: Albert Hofmann Foto: Albert Hofmann
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Die Dame seines Herzens heißt nicht Esmeralda, sondern Marianne. Aber Albert Hofmann ist ja auch nicht der Glöckner von Notre Dame, sondern der von Goßmannsdorf. So jedenfalls bezeichnet sich der 67-Jährige scherzhaft selbst. Im Auftrag der Stadt Ochsenfurt sieht er im Kirchturm nach der Uhr und nach den Glocken. Und weil sie so gut zu beobachten waren, hat er in diesem Jahr auch den Lebensweg der jungen Goßmannsdorfer Turmfalken fotografisch dokumentiert.

Nur ein paar Minuten zu Fuß sind es vom Haus des Pensionärs im Altort bis zur Kirche. Wenn er länger im Turm zu tun hat, schaltet er vorher das Läutwerk ab, denn unmittelbar neben den großen Glocken ist das Dröhnen ohrenbetäubend. Der Aufstieg im Innern des alten Kirchturms ist abenteuerlich. Große Füße finden kaum Platz auf den kurzen, ausgelatschten und nach unten abfallenden Treppenstufen aus Holz. Staubige Luft, Vogeldreck und Federn bilden das Inventar.

„Hier hat einer seine Brut nicht durchgebracht“, erklärt Albert Hofmann auf dem Weg nach oben. Durch eine Ritze zwischen zwei Treppenstufen sind vier braune Falkeneier zu sehen, die schon seit längerer Zeit verlassen dort liegen. Albert Hofmann kennt die Lieblingsplätze der Vögel, von denen einige den Kirchturm ganz gegen den Willen der Menschen doch bewohnen.

„Es gibt Fledermäuse, Falken, Krähen, Tauben – alles Mögliche“, verrät der 67-Jährige, der seit fünf Jahren vor allem die Mechanik der Glocken wartet und deshalb oft im Turm zu tun hat. „Da sitzt auch schon eine“, sagt er und deutet auf eine Öffnung im Mauerwerk, wo sich die Silhouette einer Taube gegen den hellen Himmel abhebt.

Hofmanns besonderes Interesse gilt aber den Turmfalken, die seit Jahren in der Goßmannsdorfer Kirche brüten. Zwei Paare hat er in diesem Jahr beobachtet. Eines davon zog seine beiden Jungen auf einem Sims hinter der Uhr groß. Viel Federlesens machen die Raubvögel beim Bezug ihres Brutplatzes im wahrsten Sinne des Wortes nicht: Die Eier legen sie, wenn sie nicht ein verlassenes Nest finden, auch auf dem bloßen Stein ab. Die Goßmannsdorfer Falken begnügten sich mit einem Haufen alten Taubendrecks.

Bilder aus nächster Nähe sind Hofmann gelungen. Er hat einfach durch die Lamellen hindurch fotografiert, die die Vögel am Betreten des Turms hindern sollen. „Die waren ganz entspannt“, erzählt er.

Die ersten Bilder zeigen zwei missgelaunt wirkende weiße Küken, deren flauschige Daunen im weiteren Verlauf der Dokumentation dem hellbraunen getupften Gefieder erwachsener Turmfalken weichen. Ob sie wohl aufgrund der Tatsache, dass sie auf getrocknetem Taubenmist aufwachsen mussten, mit der Gesamtsituation unzufrieden waren? Wahrscheinlicher ist, dass junge Falken einfach gewohnheitsmäßig einen mürrischen Gesichtsausdruck zur Schau tragen. Grund zur Klage hatten sie jedenfalls nicht, denn der Speiseplan bot die typische Falken-Kost: „Ich habe gefilmt, wie die Eltern ihre Jungen mit Mäusen gefüttert haben“, sagt Hofmann.

Die hohen Temperaturen des Sommers haben ihm in die Hände gespielt. Denn um vom etwas kühleren Luftzug aus dem Turm zu profitieren, rückten die kleinen Vögel dicht an die Lamellen heran – und damit direkt vor Hofmanns Linse.

Jetzt hat der gelernte Feinmechaniker nichts mehr zu fotografieren, denn die Jungfalken sind längst selbstständig. Und Albert Hofmann bleiben nur noch seine gewohnten Tätigkeiten im Turm.

Die übrigens auch nicht ohne sind. Wenn an der Mechanik der Glocken etwas nicht in Ordnung ist, repariert Hofmann den Schaden selbst. Vorausgesetzt, es ist nichts Gravierendes.

Um an die öligen Ketten der Glocken zu gelangen, muss der 67-Jährige geschickt durchs Gebälk turnen. Und die Ketten, die reißen schon mal. Nach jedem Gewitter, nach jedem Sturm steigt er erneut hinauf und schaut nach, ob das marode Bauwerk Blessuren davon getragen hat.

„Ich bin halt der Überwacher“, schmunzelt er. Ein Überwacher, der viel Zeit und Aufmerksamkeit in seine Aufgabe investiert. Seine Frau besteht deshalb darauf, dass er sein Handy mitnimmt, wenn er auf den Turm steigt. Sie möchte einfach wissen, ob es ihm da oben gut geht. Bei seinen Glocken und seinen Falken.

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