Kitzingen
Gesundheitspolitik

Der Grippe-Impfstoff wird heuer knapp

Heuer gibt es nicht genügend Impfstoff gegen die Grippe. Ärzte und Apotheker sind machtlos und geben die Schuld den Krankenkassen.
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Ein Patient erhält einen Impfstoff gegen die Grippe. Heuer sind die Impfdosen im Raum Kitzingen knapp.  Foto: Fotolia©Digitalpress
Ein Patient erhält einen Impfstoff gegen die Grippe. Heuer sind die Impfdosen im Raum Kitzingen knapp. Foto: Fotolia©Digitalpress
Harry Biemüller geht momentan durch harte Zeiten. Mehrere Male am Tag wollen sich Patienten in der Sprechstunde des in Kitzingen praktizierenden Allgemeinmediziners gegen Grippe impfen lassen. Dann muss er mit Bedauern sagen, dass kein Impfstoff in der Praxis ist. Die 150 Impfdosen, die Biemüller hatte, sind schon verbraucht. "Der Apotheken-Großhandel kann nicht liefern. Es kann sein, dass es heuer gar keinen Impfstoff mehr gibt", sagt er.

Der Sprecher der Kitzinger Hausärzte ist verärgert, weil die Grippeschutzimpfung in der Vergangenheit immer gut geklappt habe, dieses Jahr aber gar nichts funktioniere. Im Unterschied zu den Vorjahren hat die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände die Produktion eines Influenza-Impfstoffs erstmals ausgeschrieben. Als Sieger ging die Firma Novartis Vaccines hervor. Kassenpatienten sollten nur mit dem Impfstoff dieses Herstellers geimpft werden dürfen. Novartis konnte die für Bayern bestellten 1,9 Millionen Impfdosen aber nicht wie vereinbart liefern.

In anderen Jahren haben die Arztpraxen im Frühjahr über die Apotheken oder den Großhandel die benötigte Anzahl an Impfdosen bestellt. Harry Biemüller hat meistens 500 bis 600 Dosen geordert. Produziert wurde das Serum dann im Frühjahr und Sommer, so dass es im August/September zur Verfügung stand.
Biemüller: "So konnten wir in aller Ruhe zum Beispiel alle Altenheime durchimpfen."


Bruchstücke von potenziell krebserregenden Zellen


Dieses Jahr war alles anders. Im Juli bekamen Biemüller und seine Kollegen die Nachricht, mit der Auslieferung des Impfstoffs werde es bis Mitte Oktober dauern. Dieser Zeitpunkt wurde von Novartis noch einmal nach hinten verlegt auf Ende November bis Anfang Dezember. "Das ist viel zu spät", sagt Biemüller, "dann nehmen schon Erkältungen und grippale Infekte zu, so dass man nicht impfen kann."

Als er vor zwei Wochen ein Schreiben mit der Nachricht bekam, dass die AOK und andere Krankenkassen Impfstoffe von anderen pharmazeutischen Herstellern freigeben, hat der Mediziner eine Reihe von Apotheken abgeklappert - vergeblich.

Begripal heißt der Grippe-Impfstoff, von dem der Hersteller Novartis für Bayern 1,9 Millionen Dosen herstellen sollte. Als Ersatz schickte Novartis das Mittel Optaflu. Dieses Serum kam ins Gerede, weil es Bruchstücke von potenziell krebserregenden Zellen enthalten soll. Dann wiederum gab es Impfstoff, der ausflockte. Harry Biemüller: "Das zu impfen, würde ich keinem Patienten antun wollen."


Viele müssen wieder gehen


Insgesamt bedeutet das alles: Wer kein Risikopatient ist, den müssen die Ärzte wieder wegschicken.
Am vergangenen Wochenende hat der Bayerische Apothekerverband eine Umfrage unter den Kollegen vorgenommen. "Das Ergebnis ist, dass in Bayern flächendeckend ein Mangel an Impfstoffen herrscht", sagt Thomas Metz, der Pressesprecher des Verbandes. Der Kitzinger Apotheker Gunter Kittel spricht von einem "Kuddelmuddel". Jeden Tag bekomme er neue Hinweise vom Verband bezüglich des Grippeimpfstoffs für die Saison 2012/13.

Neue Informationen von Novartis gebe es derzeit nicht, sagt Thomas Metz. Die Apotheker in Bayern versuchten, so viel Impfstoff wie möglich für gesetzlich Krankenversicherte zu organisieren. Metz: "Wir schauen, ob andere Hersteller in die Bresche springen und mit den Kassen verhandeln." 800 000 Dosen konnten auf diese Weise in Bayern verteilt werden.


"Nur Renditesteigerung"


"Diese Freigabe kommt zu spät", sagt Dr. Dieter Geis aus Randersacker, der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes, in einer Pressemitteilung. Die anderen Hersteller hätten nach der verlorenen Ausschreibung ihre Produktion gedrosselt. Geis ist verärgert: Mit diesem Rabattvertrag hätten die Kassen ihre Rendite steigern wollen. "Anschließend sollten wir Ärzte gezwungen werden, nur diesen einen Impfstoff zu verwenden."

Geis will künftig wieder eine Abschaffung dieser exklusiven Rabattverträge für Schutzimpfstoffe. "Wir halten es für unverantwortlich, solche Ausschreibungen zu gestatten. Das gesundheitliche Wohl der Bürger sollte im Vordergrund stehen", meint der Mediziner.

Bleibt zu hoffen, dass es im nächsten Frühjahr zu keiner starken Grippewelle kommt. Über Jahrzehnte sei die Schutzimpfung problemlos verlaufen, sagt Harry Biemüller und fügt hinzu: "Meine Kollegen und ich wünschen uns, dass es so ein Geschiss nächstes Jahr nicht mehr gibt."
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