Kitzingen

Der Glaube an eine Revolution

Die katholische Kirche sucht Priester. Tausende Ehemalige stünden bereit.
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Ein Bild, das Stefan Menz stolz macht: Es zeigt seine Tochter Maria mit Bischof Friedhelm. Maria hatte letztes Jahr beim Jubiläum der Erlöserschwestern im Dom ministriert.
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Er ist mit ganzem Herzen Priester. Auch wenn er den Beruf nicht mehr ausüben darf. Stefan Menz ist seit acht Jahren verheiratet, hat zwei Kinder. Er liebt seine Familie. Und er hätte liebend gerne als katholischer Pfarrer weitergearbeitet. Ein Widerspruch? Vielleicht nicht mehr lange.

2007 wurde die Initiative „Priester im Dialog“ gegründet. Sie ging auf eine bemerkenswerte Aktion des Klosters Münsterschwarzach zurück. Dort wurden ehemalige Ordensmitglieder, die sich für die Gründung einer Familie entschieden hatten, bereits sieben Jahre vorher mitsamt ihren Frauen und Kindern zu einem Treffen eingeladen. Der verstorbene Generalvikar der Diözese Würzburg, Dr. Karl Hillenbrand, griff diese Initiative auf. Seither tauschen sich rund 40 ehemalige Priester und hochrangige Vertreter der Diözese zweimal im Jahr aus. Der Heidenfelder Stefan Menz ist seit 2009 dabei. Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass suspendierte Priester eines Tages doch wieder ihrer Berufung nachgehen können. Seine Hoffnung erfährt in diesen Zeiten neue Nahrung.

Zu mutigen Vorschlägen und einem freien Denken ruft Papst Franziskus seine Bischöfe und die Gläubigen in aller Welt auf. In der Erzdiözese München-Freising hat die Würzburger Initiative längst Nachahmer gefunden. Der Priestermangel in der katholischen Kirche wirkt sich vielfältig aus. „Es hat noch nie so viele Reformen in so kurzer Zeit gegeben“, erinnert der 44-Jährige. Und noch keine Phase, in der so sehr um neue Zugangswege zum Priestertum gerungen wird.

Was bei evangelischen oder anglikanischen Pfarrern völlig normal ist, wird auch in der katholischen Ostkirche längst praktiziert. Verheiratete Männer dürfen Priester werden. In der Schweiz wurden lange Zeit bis in die 2000er Jahre dispensierte Geistliche als ehrenamtliche Gemeindeleiter eingesetzt. Im restlichen Westeuropa heißt es: entweder – oder. Früher oder später wird sich auch in Deutschland etwas tun. Davon ist Stefan Menz überzeugt. „Der Druck nimmt zu, zumal der Zölibat kein wesentlicher Bestandteil des Glaubens ist.“

Ein Riesen Potenzial

Mehr als 70 000 Priester sind weltweit dispensiert – haben eine Befreiung von ihren priesterlichen Pflichten erhalten. Alleine in der Erzdiözese München-Freising wird die Zahl auf über 400 geschätzt. Menschen, die eine gute Ausbildung genossen haben, die sich einst mit ganzem Herzen für den Priesterberuf entschieden haben. „Ein Riesen- Potenzial“, betont Stefan Menz. Ein Potenzial, das quasi mit den Hufen scharrt. „Wir sind wie Rennpferde, die eingesperrt werden.“

Schon als Kind fühlte sich Menz zum katholischen Glauben hingezogen. Er war Ministrant, Gruppenleiter bei der KJG. In der Berufsschule hat ihn der Religionslehrer auf die Idee gebracht, Priester zu werden. Er holte sein Abitur bei den Salesianern nach, trat ins Würzburger Priesterseminar ein, studierte Theologie und Philosophie. Einprägsam sei für ihn ein Besuch in Prag gewesen. Dort habe er einige katholische Priester kennengelernt, die jahrzehntelang im Untergrund gewirkt haben, aber auch verheiratet waren – mit Erlaubnis des Papstes. Was er damals lernte: Der Zölibat ist nicht heilsnotwendig.

Etwa sechs Jahre wirkte er als Diakon und Kaplan, zuletzt in Dettelbach, wo er ein Jahr lang als Priester auf der vakanten Pfarrerstelle tätig war. Er zelebrierte mehr als 100 Trauungen, Taufen und Beerdigungen, er nahm Menschen die Beichte ab, begleitete sie in Hochzeiten und manche bis in den Tod. Von 2007 bis 2009 arbeitete er als Religionslehrer in Aschaffenburg. Es sollte seine – vorerst – letzte Station für die katholische Kirche sein. Stefan Menz hatte sich in eine Frau verliebt.

Eineinhalb Jahre haben sie mit der Situation und mit ihren Gefühlen gerungen. Dann war beiden klar: Bloß kein Doppelleben führen, ehrlich sein. Stefan Menz suchte das Gespräch mit Bischof Friedhelm. „Der reagierte bestürzt und wollte mir Zeit zum Überlegen geben“, erinnert er sich. Doch Stefan Menz hatte lang genug überlegt. Er entschied sich für eine Familie. „Für mich bedeutet das aber keine Entscheidung gegen die katholische Kirche“, betont er. „Ganz im Gegenteil!“. Er wollte und will den Weg weiter gehen – mit seiner Kirche und in seiner Kirche, auch als kritischer und aufmerksamer Begleiter. Möglich ist das schon jetzt.

Als Lektor, Kommunionhelfer, Wortgottesdienstleiter und als Aushilfsministrant ist er mittlerweile immer wieder tätig. Er begleitet Menschen in Extremsituationen, ist besonders in der Sterbebegleitung und als Psychoonkologe engagiert. Theologisch spreche nichts dagegen. „Das Sakrament der Priesterweihe gilt immer“, erklärt er. „Einmal Priester – immer Priester!“

Der klerikal Neid

Einen offiziellen Auftrag von der Diözese hat er für diese Tätigkeiten mittlerweile von Bischof Friedhelm erhalten. „Aber mein Wirken wird von manchen Mitbrüdern mehr geduldet und kritisch beäugt als gern gesehen“, weiß er. Wie sagte schon Papst Johannes Paul II: „Der klerikale Neid ist die schlimmste Form von Neid, die es gibt“. Stefan Menz hat beruflich Fuß gefasst. Anderen ehemaligen Priestern geht es weitaus schlechter. Als Taxifahrer oder mit Hilfsjobs müssen sie sich durchschlagen, manche leben von Hartz IV. „Es kommt ganz darauf an, in welcher Diözese man lebt“, sagt Menz. „Auf die Einstellung der verantwortlichen Personen vor Ort.“

In Würzburg hat er viele wohlwollende Zuschriften nach seiner Entscheidung erhalten – von der Bevölkerung, aber auch von Ordensleuten und aus dem Klerus. Der 44-Jährige hätte liebend gerne in der Kirche weiter gearbeitet. So wie die meisten „Ehemaligen“. Der Gründer der Bewegung „Priester im Dialog“, der gebürtige Gerolzhöfer Edgar Büttner, versichert, dass die meisten sofort wieder einsteigen würden. Vorausgesetzt, die katholische Kirche trifft eine mutige und angesichts ihrer Geschichte revolutionäre Entscheidung.

Stefan Menz ist gar nicht gegen den Zölibat. „Warum auch? Ich habe ihn auch aus ganzem Herzen gelebt. Ich finde ihn sogar gut und erfüllend! Nur die Verpflichtung dazu, die sollte fallen.“

Johannes Hofmann, Volkach

Die Katholische Kirche ist nicht beschränkt auf die römisch-katholische Kirche, in der es die Verbindung von Priestersein und Ehelosigkeit gibt.

In den mit Rom vereinigten Ostkirchen leben auch verheiratete Priester. Bei den Mönchen geht es um ein Gelübde, das wesenhaft zum Mönchsdasein gehört. Übrigens kennt auch die anglikanische Kirchengemeinschaft ein freiwilliges Zölibat für Geweihte. Ich rechne in absehbarer Zeit nicht mit einer Aufhebung des Pflichtzölibats. FOTO: pfg volkach

Dr. Wunibald Müller

Der ehemalige Leiter des Recollectio-Hauses in Schwarzach meint: „Ja, es wird noch zu meiner Lebenszeit neben dem ledigen Priester, den es hoffentlich auch weiterhin geben wird, offiziell auch den verheirateten Priester in der katholischen Kirche geben. Das ist das Gebot der Stunde und wird den Priestern, den Gläubigen und der Kirche gerecht. Auf diese Weise kann das jeweilige Charisma des einzelnen Priesters am besten für den Dienst fruchtbar gemacht werden.“ FOTO: Theresa Müller

Gerhard Spöckl

Wird es in absehbarer Zeit verheiratete Priester in der katholischen Kirche geben? Diese Frage stellten wir an Persönlichkeiten aus der Diözese Würzburg.

Ich persönlich finde den Lebensentwurf des ehelosen Priester als sehr geeignet, auch in der heutigen Zeit, der Grundintention Jesu nachzufolgen. Jeder sollte sich die Frage bei seiner Lebensentscheidung stellen: Was ist der Weg, der für mich der Weg ist, den Gott für mich erdacht hat?

Durch die Veränderungen, die Papst Franziskus angestoßen hat, kann ich mir jedoch gut vorstellen, dass beide Lebensformen, verheiratete Priester und ehelose Priester, denkbar sind. Ob es in absehbarer Zeit beide Formen geben wird, wage ich nicht zu beurteilen. Sicherlich wird sich die Kirche in den kommenden Jahrzehnten verändern und da darf es keine Denkverbote geben. Für mich gilt eher die Frage: Wie gelingt es, dass Kirche auch in Zukunft für die Menschen da ist? Wie kann sie eine Antwort auf die Fragen der Zeit geben? Der Wert des Zölibates ist ein hoher Wert, der gut gelebt, sicherlich auf Jesus hinweisen kann. Es wird sicherlich Zeit ins Land fließen, bis beides – ähnlich wie den verheirateten und unverheirateten Diakon – geben wird. FOTO: Waltraud Ludwig

Suspendierung

Bei einer Suspendierung wird dem Diakon oder Priester die Ausübung von Amtshandlungen untersagt. Sie wird vom Ortsbischof verhängt und ist als vorübergehende Maßnahme gedacht. Als sogenannte Beugestrafe soll sie bezwecken, dass der Betroffene die Verhaltensweisen oder Auffassungen, die mit der kirchlichen Lehre nicht vereinbar sind und zu der Suspendierung geführt haben, aufgibt. Dazu gehört etwa die Einladung evangelischer Christen zur Kommunion. Zudem werden Priester und Diakone von ihrem Dienst suspendiert, wenn Verdacht auf sexuellen Missbrauch besteht. Auch Kleriker, die ihrem Bischof gegenüber oder öffentlich bekunden, dass sie entgegen ihrem Enthaltsamkeitsversprechen in einer Partnerschaft leben wollen, werden suspendiert.


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