MARKTBREIT

Der Erfinder des Rieslaners

Für Züchter ist es Nummer NI 11-17, für Weinliebhaber Rieslaner. August Ziegler hat dazu einst zwei Rebsorten gekreuzt. In Marktbreit erinnert eine Ausstellung an ihn.
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Der Rieslaner ist durch und durch ein fränkisches Gewächs. Er wurde in der Region „erfunden“. Das war vor fast einem Jahrhundert in Veitshöchheim. Damals, 1921, erhielt die neue Kreuzung aus zwei verschiedenen Weinsorten die Züchtungsnummer NI 11-17 und den schönen Namen „Mainriesling“.

Diese Bezeichnung sei jedoch langfristig wegen Verwechslungsgefahr nicht anerkannt worden, informiert die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG ) in Veitshöchheim. Und so wurde aus der innigen Verbindung von Riesling und Silvaner der Rieslaner – allerdings erst viele Jahre später: am 23. Juli 1963.

Ältesten Reben wachsen in Randersacker

Die Trauben werden bis heute in der Region angebaut. In Randersacker stehen sogar noch die Weinstöcke, aus denen der älteste Rieslaner Frankens geerntet wurde, sagt Bruno Schmitt vom Weingut „Trockene Schmitts“. Gerade hat er die Trauben zusammen mit seinem Bruder Paul in den Weinkeller geholt und kann die Geschichte, in der sein Großonkel, auch ein Bruno, eine Rolle spielt, aus dem Stegreif erzählen. Doch dazu später.

Der Vater des Rieslaners heißt August Ziegler. Auch er ist ein „fränkisches Gewächs“ und kam am 22. Oktober 1885 in Marktbreit auf die Welt. Anlass, an diesen langlebigen Zuchterfolg zu erinnern, ist also nicht etwa ein runder Jahrestag. Vielmehr ist es eine Ausstellung in Zieglers Geburtsort. Ein besonderes Datum gibt es aber: 1957 erfolgte der Sorteneintrag des Rieslaners – also vor 60 Jahren.

Der Schwerpunkt der Ausstellung im Museum Malerwinkelhaus in Marktbreit dreht sich jedoch nicht um Frankenwein. Dort sind noch bis Anfang November Münchener Bilderbogen aus dem 19. Jahrhundert zum Thema „Afrika in Bildern und das Bild von Afrika – Tiere, Menschen, Sitten und Kolonialmotive“ zu sehen. August Ziegler hat im Malerwinkelhaus einen eigenen Präsentationsplatz, weil sein Lebenslauf mit diesem Kontinent und der Kolonialzeit verbunden ist.

August Zieglers Zeit in Togo

Bevor er 1921 zum Leiter der Bayerischen Hauptstelle für Rebenzüchtung mit Sitz in Würzburg und Zuchteinrichtungen in Veitshöchheim und in Neustadt an der Haardt (ab 1936 Neustadt an der Weinstraße) ernannt wurde, war er im Reichskolonialdienst in Togo tätig. Wie sein Neffe Wolfram Ziegler recherchiert hat, war der Diplom-Landwirt und Ökonom ab 1911 im westafrikanischen Togo Leiter der Landeskulturanstalt für Saatgutzüchtung in der Nähe von Nuatjä.

Bald seien ihm weitere Funktionen übertragen worden, schreibt Wolfram Ziegler in seinem 2017 erschienenen kleinen Buch über seinen Onkel mit dem Titel „Aus dem Leben eines Franken. Dr. August Ziegler (1885-1937). Pflanzenzüchter in Togo. Rebenzüchter in Bayern“. Im Auftrag der Kolonialherren sollte der Landwirtschaftsmeister in Togo Palmölproduktion sowie Anbau von Baumwolle und Mais voranbringen und Exportmengen steigern. Er habe in der deutschen „Musterkolonie“ auch Felder mit Süßkartoffeln und Sisalhanf bestellt. Die Arbeit erledigten togolesische „Pflichtarbeiter“.

Viel Zeit blieb August Ziegler nicht für seine Ackerbauversuche. Sie fanden mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 ein schnelles Ende. Der Pflanzenforscher wurde Soldat, im August 1914 Kriegsgefangener der Franzosen und erst im Oktober 1919 entlassen. Er lebte danach in München, heiratete 1920 und kehrte ein Jahr später als Leiter der Bayerischen Hauptstelle für Rebenzüchtung in seine Heimat nach Franken beziehungsweise nach Würzburg und Veitshöchheim zurück.

Forschungen bei der Rebenzüchtung

Ziel seiner Forschungen bei der Rebenzüchtung, heute ist es die Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG), waren ertragssichere Weinreben, die sich unterschiedlichen Klimabedingungen und Bodenarten anpassen – und der Reblaus trotzen konnten. Bis heute taucht der gefürchtete Schädling in Franken auf, zuletzt in Obereisenheim .

Auf speziellen Flächen am Veitshöchheimer Roßberg, wo Ziegler sich ein Wohnhaus gebaut haben soll, wurde hochwertiges und sortenreines Setzholz herangezüchtet und Winzern zur Verfügung gestellt. „Die besten Rebstöcke hinsichtlich Ertrag und Wuchs werden durch Augenstecklinge oder Stupfer vermehrt und als Stämme in einem Zuchtweinberg gepflanzt und einer eingehenden Beobachtung und Prüfung unterzogen“, steht in einem Bericht Zieglers aus dieser Zeit.

Dazu wurden kurz nach seinem Amtsantritt auch eine Rebenanerkennung und 1924 ein Rebenhochzuchtregister eingeführt mit dem Zweck, „die Züchtung der Reben in Deutschland und bewährten Rebenzuchten die ihnen gebührende Achtung und Anerkennung zu sichern“. Und letztlich trägt der Wissenschaftler entscheidend zur Bekämpfung der Reblaus bei, indem er amerikanische Stöcke als Pfropfunterlage für die klassischen fränkischen Silvaner- und Rieslingreben verwendete.

Wegweisende Entscheidung August Zieglers

Daneben forschte Ziegler auch über Kreuzungszüchtungen, um Edelreben zu erhalten. „Es ist wohl nicht besonders zu erwähnen, dass bei dieser Feinarbeit die peinlichste Trennung und Sorgfalt zu üben ist“, so Ziegler. So kam es unter anderen zum Rieslaner. Die Sämlinge nannte er „NI 11-17“. Setzlinge haben sich bis heute erhalten.

Als 1937 August Ziegler mit bereits 51 Jahren starb, wohl an den Folgen einer Malaria aus der Zeit in Togo, sah es allerdings zunächst so aus, als gerate der Rieslaner in Vergessenheit. Sein Neffe Wolfram Ziegler fand in einem LWG-Bericht aus dem Jahr 2002 den Hinweis, dass sein Onkel jedoch schon früh eine wegweisende Entscheidung getroffen hatte, die zum Weiterleben beitrug.

Da die Fläche auf dem Veitshöchheimer Roßberg nicht ausreichte, wurden 400 Rieslaner-Reben auf einer Parzelle in der Lage „Sonnenstuhl“ in Randersacker des Winzers Bruno Schmitt gepflanzt. Er habe über all die Jahre die Stöcke gehegt und gepflegt und beobachtet, heißt es.

Und bis heute haben in dem Weinort die Nachfahren beziehungsweise das Weingut „Trockene Schmitts“ sowie „Schmitt's Kinder“ Rieslaner im Angebot.

Rieslaner wird 1954 Bundessieger

Einer dieser Nachfahren von Bruno Schmitt, sein Großneffe und Namensvetter, erzählt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg ein Kellermeister des Staatlichen Hofkellers in Würzburg, der die Rebenzüchtung in Veitshöchheim wiederaufbauen sollte, Zieglers Züchtungsbücher studiert habe und auf die 400 Setzlinge gestoßen sei. Diese seien dann 1952 auf Bitte dieses Kellermeisters nicht mehr zusammen mit den daneben stehenden Rieslingtrauben ausgebaut worden, sondern erstmals getrennt, so der Großneffe.

Der erste Wein aus dieser Ernte „hat gleich für Furore gesorgt und wurde 1954 bei der Deutschen Weinprämierung in Mainz Bundessieger“, sagt Schmitt. „Bis heute zählt der Rieslaner zu den Spitzenweinen, vor allem im edelsüßen Bereich.“ Dennoch wird laut Schmitt immer weniger Rieslaner angebaut. Ein „Elternteil“ – der Riesling – werde stärker nachgefragt.

„Aber der Rieslaner übertrifft den Riesling in der Qualität“, so Schmitt, der sich 2002 mit seinem Bruder Paul zusammengetan hat zu den „Trockenen Schmitts“.

Mainriesling vom Randersackerer Sonnenstuhl

Von der legendären Ernte des jungen Weins steht ein Bocksbeutel in der Museumsscheune in Castell. Auf dem Etikett des damaligen Weinguts Bruno Schmitt steht „1953er Randersackerer Sonnenstuhl – Mainriesling“ (siehe Foto). Ebenso wird in der Museumsscheune ein Bocksbeutel aus dem Jahr 1963 aufbewahrt, gefüllt mit Wein vom Casteller Schlossberg, der erstmals Rieslaner genannt wurde. Denn in diesem Jahr wurde aus dem Mainriesling der Rieslaner.

Zur Namensfindung hätten sich 1963 unter anderen Vertreter des Staatlichen Hofkellers, des Würzburger Bürgerspitals, des Domänenamts Castell und Paul Schmitt aus Randersacker (der Großvater von Bruno und Paul Schmitt) im Casteller Schloss getroffen, kann in den „Casteller Nachrichten“ Nummer 43 aus dem Jahr 2013 nachgelesen werden. Die Teilnehmer dieser kleinen Versammlung einigten sich auf die neue Bezeichnung.

Seltenes Tröpfchen

Auch das Fürstlich Castell'sche Domänenamt trug nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wiederaufbau bei: Dort wurde ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Rebenzüchtung Sorten in einem Versuchsweinberg getestet – darunter die Zieglersche Kreuzung NI 11-17.

Abkömmlinge der Züchtung wachsen auch auf anderen Weinbergen rund um Würzburg – von Homburg über Thüngersheim bis Dettelbach und Wiesenbronn, von Obereisenheim, Nordheim, Volkach und Sommerach bis Iphofen und Sulzfeld. Und vereinzelt auf „Wingerte“ in der Pfalz und in Rheinhessen; insgesamt gibt es laut LWG in Deutschland jedoch nur rund 82 Hektar Rieslaner-Rebfläche (Stand 2012). Ein seltenes Tröpfchen also, und eines, das künftig aufgrund seiner späten Reife und Anfälligkeit für Krankheiten wohl noch seltener werden wird – aber eine „Spezialität, und deshalb in guten Lagen besonders bei hohen Qualitäten ein gefragter, langlebiger Wein mit nuancenreichem Bukett“, so die LWG.

August Ziegler in Togo und Veitshöchheim

Die Ausstellung „Afrika in Bildern und das Bild von Afrika – Tiere, Menschen, Sitten und Kolonialmotive im Münchener Bilderbogen“ inklusive „Dr. August Ziegler, ein Marktbreiter 'vor Ort'“ ist im Museum Malerwinkelhaus Marktbreit bis 5. November zu sehen: Do 14 bis 20 Uhr, Fr, Sa, So 14 bis 17 Uhr. Dort werden unter anderen Glasplatten-Fotos von Zieglers Zeit in Togo gezeigt. Museumsleiterin Simone Michel-von Dungern schildert in einem Heft zur Ausstellung Hintergründe. Infos: www.malerwinkelhaus.de

Mehr über Rieslaner und Rebenzucht, aber auch über August Ziegler selbst, den „Vater des Rieslaners“, steht im Buch, das sein Neffe Wolfram Ziegler geschrieben hat: „Aus dem Leben eines Franken – Dr. August Ziegler (1885-1937). Pflanzenzüchter in Togo, Rebenzüchter in Bayern“ (hrsg. von Gudrun Wolfschmidt, 76 Seiten, Verlag tredition, Hamburg, 10,50 Euro). Das Vorwort stammt von Josef Engelhart, Weinbautechniker und Ampelograph an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim. CJ

„Es ist wohl nicht besonders zu erwähnen, dass bei dieser Feinarbeit die peinlichste Sorgfalt zu üben ist.“
August Ziegler über seine Kreuzungszüchtungen

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