WÜRZBURG

Erwachsene Menschen mit Behinderung haben endlich eine medizinische Anlaufstelle

Das MZEB am Würzburger Blindeninstitut nimmt Betroffenen und ihren Angehörigen den Schrecken vorm Arztbesuch.
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Vertrauensbeweis: Pascal Reis lässt sich von Dr. Anja Klafke abhören. Sehr zur Freude seiner Eltern Margit und Manfred. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Routine ist seit ein paar Wochen für Dr. Anja Klafke ein Fremdwort. Sie lernt jeden Tag etwas Neues dazu, steht jeden Tag vor einer neuen Herausforderung. Dabei schaut die Ärztin auf eine mehr als zehnjährige Berufserfahrung zurück, war in verschiedenen Kliniken im In- und Ausland tätig. Seit September 2017 leitet sie das Medizinische Behandlungszentrums für Menschen mit Behinderung (MZEB) in Würzburg. Im Oktober sind die neuen Räume auf dem Gelände des Blindeninstituts eingeweiht worden. Familie Reis ist aus dem Raum Miltenberg angereist. Vater Manfred, Mutter Margit und Sohn Pascal. Der ist 29 Jahre alt und ein ganz besonderer Mensch.

„Pascal lässt sich nicht

anfassen. Blut abnehmen geht gar nicht.“

Margit Reis, über ihren Sohn

Mit zweieinhalb Jahren wurde bei ihm Autismus diagnostiziert. Pascal spricht nicht. „Wir haben unsere eigene Sprache gefunden“, sagt sein Vater. Einkaufen, Schule, Urlaub: Alles Herausforderungen, die mit viel Flexibilität und Kreativität gemeistert wurden. Zu den größten Hürden gehörten und gehören die Arztbesuche. „Pascal lässt sich nicht anfassen“, erklärt Margit Reis. Fieber messen? In den Hals schauen? Was bei den kleinsten Patienten problemlos funktioniert, ist bei Pascal schier unmöglich. „Blut abnehmen geht gar nicht“, sagt seine Mutter. Jeder Arztbesuch ist für die Familie Reis eine große Belastung.

Mit Schrecken erinnern sich die Eltern daran, wie Pascal Weisheitszähne wuchsen, die entfernt werden mussten. Die Anästhesie beim Zahnarzt funktionierte gar nicht, Pascal wehrte sich mit Leibeskräften. Nächster Versuch in der Tagesklinik. Dort warteten schon etliche Schwestern im Vorbereitungsraum auf den „Problempatienten“. Pascal machte dicht, tobte.

Eine Stunde hat es gedauert, bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Letztendlich konnte ein Arzt doch noch einen Zugang legen, unter Narkose wurden dem jungen Mann die Weisheitszähne gezogen. Die Erfahrungen haben ihre Spuren hinterlassen. „Pascal hat ein gutes Gedächtnis“, sagt seine Mutter. Die Zahnarztpraxis betritt er nicht mehr. Die Kontrollen finden dank der Flexibilität der Ärztin mittlerweile auf der Treppe im Hausflur statt. Nach Praxisende, wenn einigermaßen Ruhe eingekehrt ist und Pascal sich etwas sicherer fühlt.

2015 ist bei dem jungen Mann Morbus Crohn diagnostiziert worden. Eine Ultraschalluntersuchung wäre dringend nötig. Manfred und Margit Reis setzen ihre Hoffnung in Dr. Anja Klafke und ihr Team vom MZEB. Mindestens fünf der insgesamt 15 Mitarbeiter sind dort jeden Tag in den behindertengerecht gestalteten Räumen präsent. Ein Arzt und zwei Therapeuten kümmern sich um einen Patienten. Oberstes Prinzip: Zeit lassen, nichts überstürzen, auf die Wünsche des Patienten und dessen Begleitpersonen eingehen.

Bei Pascals erstem Besuch ist Dr. Klafke mit ihm nach draußen gegangen. Eine Runde spazieren. Vertrauen fassen. Bloß keine Traumatisierung provozieren. Alles ganz ruhig angehen. Beim zweiten Besuch durfte sie Pascal schon mit dem Stethoskop abhören. Ein großer Schritt nach vorne. „Unsere Patienten sollen spüren, dass es ihnen bei uns gut geht“, erklärt Dr. Klafke. Nicht nur sie. Auch ihre Begleitpersonen werden ernst genommen, bekommen den Raum, den sie brauchen. „Wir hören ihnen zu, nehmen ihre Sorgen ernst und beratschlagen zusammen mögliche Therapieformen“, erklärt Dr. Klafke.

„Unser Wunsch ist es immer gewesen, nicht alles immer wieder von vorne erklären zu müssen“, sagt Margit Reis. Im MZEB geht dieser Wunsch in Erfüllung.

Die großen und hellen Räume, das angenehme Ambiente, das freundliche und hilfsbereite Team: All das schätzen Pascals Eltern an der neuen Einrichtung. „Es gibt keine Wartezeiten und während der Behandlung keinen Zeitdruck“, freut sich Manfred Reis. Der übliche Stress, der sich ansonsten schon im Vorfeld der Arzttermine eingestellt hat, werde dadurch erheblich reduziert. „Unser Sohn kann sich auf die Situation viel besser einlassen.“

Dr. Klafke versteht die Einrichtung auch als Angebot an alle Fach- und Hausärzte in der Region. Fortbildungen werden angeboten, die Diagnosen weitergegeben und erläutert. Dass die Kollegen gar nicht die zeitlichen und infrastrukturellen Ressourcen haben, um sich intensiv um so außergewöhnliche Patienten zu kümmern, ist ihr völlig klar. Genug Manövrierplatz für Rollstühle, ein ebenerdiger Zugang, ein angenehmes Raumklima, ein Ruheraum, andere Gerüche, speziell geschultes Personal – all das können die meisten Praxen gar nicht vorhalten. „Der Hausarzt hat Zeitdruck, wir können uns die nötige Zeit nehmen.“

„Unsere Patienten sollen spüren, dass es ihnen bei uns gut geht.“
Dr. Anja Klafke, Leiterin MZEB

An Arbeit wird es Dr. Klafke und dem insgesamt 15-köpfigen Team in absehbarer Zeit nicht mangeln. Schon jetzt ist das MZEB auf Wochen hinaus ausgebucht. „Akutpatienten nehmen wir nicht an“, betont die Ärztin. Ansonsten sind alle Erwachsenen ab einer Behinderung von 70 Prozent willkommen – und das sind unterfrankenweit eine ganze Menge. Auf 10 000 Patienten und mehr schätzt Dr. Klafke das Patientenpotenzial im Einzugsgebiet, das über Unterfranken hinausreicht. Es sind sowohl Menschen wie Pascal, mit angeborenen Behinderungen, als auch Menschen, die beispielsweise nach Unfällen mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen und Krankheiten zu kämpfen haben.

Jeder Tag im MZEB ist anders, jeder Patient auch. „Wir lernen täglich dazu“, versichert Dr. Klafke. Ihr Ziel: „Im Laufe der Zeit ein Vertrauensverhältnis zu allen Patienten aufbauen, damit medizinische Behandlungen weniger Ängste verursachen.“

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