WÜRZBURG

Den Augen zuliebe: Raus mit Euch!

Immer mehr Menschen sind kurzsichtig. Wer das Risiko vermindern will, muss sein Verhalten ändern. Tageslicht spielt dabei eine entscheidende Rolle.
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Zu wenig Licht und zu nah am Handy oder Tablet, das tut den Augen nicht gut - und schon gar nicht denen von Kindern. Kurzsichtigkeit droht.Symbol Foto: Foto: Grötsch
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Kitzingen/Würzburg Wir starren aufs Handy, arbeiten am Computer, lesen E-Books, sitzen vor dem Fernseher – und das alles täglich stundenlang. Kann das für unsere Augen gut sein? Prof. Dr. Martin Nentwich, stellvertretender Direktor der Uni-Augenklinik Würzburg informiert anlässlich der „Woche des Sehens“ über die Zusammenhänge.

Frage: Die Menschen verbringen immer mehr Zeit am Handy, Tablet, Computer und der Spielekonsole. Brauchen deshalb immer mehr Menschen eine Brille?

Prof. Martin Nentwich: So einfach kann man das nicht sagen. Wir wissen, dass sich die Rate an Kurzsichtigkeit in den letzten Jahren massiv erhöht hat. Studien zeigen, dass 15 Prozent der 75-Jährigen kurzsichtig sind. Bei den 50-Jährigen sind es 34 Prozent und bei den 25-Jährigen 46 Prozent. Das geht darauf zurück, dass sich die Lebensgewohnheiten geändert haben.

Was genau hat sich geändert?

Prof. Nentwich: Wir sind zu wenig draußen, das ist der wichtigste Punkt. Und wir arbeiten zu viel in der Nähe. Da gehören Tablet und Handy dazu, aber auch das Lesen. Übrigens gibt es auch über den Zusammenhang zwischen dem Bildungsabschluss und der Kurzsichtigkeit Studien: Mittelschüler haben demnach seltener eine Brille aufgrund einer Kurzsichtigkeit als Abiturienten und Studenten. Je höher der Abschluss, desto höher die Quote der Kurzsichtigen.

Ist es also besser, weniger zu lesen?

Prof. Nentwich: Nein, darauf kann man es nicht beschränken. Lesen ist wichtig. Es fördert die Fantasie und macht schlau. Aber es kommt auf die Umstände an. Früher hieß es immer, unter der Bettdecke zu lesen, mache die Augen schlecht. Das stimmt auch – weil da zwei Aspekte drin sind: Unter der Bettdecke ist es trotz Taschenlampe viel zu dunkel, und man geht mit den Augen viel zu nah ran an das Buch.

Heute greifen viele Kinder nicht mehr zum Buch, sondern zum Handy und Tablet oder sie sitzen vor dem Computer. Ist das schlechter für die Augen?

Prof. Nentwich: Ob Buch oder Tablet, spielt nicht die entscheidende Rolle. Die Röhrenbildschirme der früheren Computer waren für die Augen bei längerem Davorsitzen belastend. Aber heute ist die Bildschirm-Qualität viel besser. Das Wesentliche ist wie gesagt, dass die Kinder viel zu nah an die Smartphones und Tablets rangehen, und dass es dabei zu dunkel ist.

Wie viel Licht braucht denn das Auge? Und wieviel bekommt es?

Prof. Nentwich: Wenn wir in Räumen sind, empfinden wir eine Beleuchtungsstärke von 500 Lux als schön hell. Aber draußen ist es sehr viel heller: Wenn die Sonne scheint, sind es 100.000 Lux und selbst bei schlechtem Wetter 5.000 bis 10.000 Lux. Die kann man drinnen nicht erreichen. Aber diese Helligkeit ist es, die das Auge braucht. Auch da gibt es übrigens interessante Studien.

Die da wären?

Prof. Nentwich: Man hat Hühnchen in einem eher dunklen Raum aufgezogen und andere auf einem Balkon. Die im Raum sind kurzsichtig geworden.

Wie können wir diese Erkenntnisse nutzen?

Prof. Nentwich: Wir sollten präventiv handeln: Schon zwei Stunden täglich raus zu gehen, reduziert bei Kindern das Risiko, kurzsichtig zu werden, um die Hälfte. Das finde ich sehr eindrucksvoll. Und wer als Heranwachsender schon kurzsichtig ist, reduziert das Risiko einer Verschlechterung, wenn er zusätzlich 40 Minuten rausgeht, um 20 Prozent.

Warum sprechen Sie vor allem über Kinder und Jugendliche?

Prof. Nentwich: Weil das Auge vor allem in der Kindheit und Jugend wächst. Es ist im Alter von etwa 15 Jahren bei den meisten Menschen ausgewachsen.

Was passiert mit den Augen, wenn man kurzsichtig wird?

Prof. Nentwich: Es gibt zwei Formen von Kurzsichtigkeit: Die häufigste Art ist die Achsenmyopie. Da ist der Augapfel zu lang, der Brennpunkt liegt vor der Netzhaut, das Bild sieht unscharf aus. Seltener ist die Brechungsmyopie, hier passt die Brechkraft der Hornhaut oder der Linse nicht.

Wie lange ist der Augapfel normalerweise?

Prof. Nentwich: Bei einem Babyauge 16 Millimeter, beim Erwachsenen circa 23,5 Millimeter. Während der Körper viele Jahre wächst, wächst das Auge vor allem bis zum dritten Lebensjahr, dann gibt es noch einen Schub bis zum achten und einen bis zum 15. Lebensjahr. Jeder Millimeter, den das Auge zu lang ist, macht übrigens drei Dioptrien aus.

Gibt es Länder, in denen es besonders viele Kurzsichtige gibt?

Prof. Nentwich: Vor allem in den Städten in Südostasien hat sich die Kurzsichtigkeit massiv verstärkt, von 20 auf über 80 Prozent. Dort sind die Kinder fast nur noch in Räumen, sitzen 16 Stunden in der Woche an Hausaufgaben und sonst in der Schule. Sie kommen nur raus, wenn sie in die Schule und nach Hause gefahren werden. Da werden jetzt teilweise extra helle Klassenzimmer mit Fenstern, vielen Oberlichtern und starkem Licht gebaut. Und es gibt in Asien Projekte, in denen Kinder mit Metallbügeln dazu gebracht werden, ausreichend Abstand beim Lesen und Schreiben zu halten.

Das sind extreme Methoden. Wie weit sollte denn das Buch oder Smartphone vom Auge entfernt sein?

Prof. Nentwich: Mindestens 30 Zentimeter. Je weiter entfernt, desto besser.

Und wie oft sollte man Pausen einlegen?

Prof. Nentwich: Bei Computerarbeit wird empfohlen, nach 30 Minuten eine zehnminütige Pause einzulegen.

Das Verhalten spielt also eine wichtige Rolle? Oder lässt sich medizinisch etwas machen?

Prof. Nentwich: Es gibt zwar in Asien Studien, ob man mit Augentropfen die Kurzsichtigkeit mindern kann, aber wenn überhaupt, dann nur ein ganz kleines bisschen. Das ist auch keine zugelassene Therapie und es gibt bisher keine größeren europäischen Studien dazu. Wer glaubt, mit ein paar Augentropfen wäre es getan, der irrt. Das Wesentliche ist, sein Verhalten zu ändern: Ganz viel nach draußen gehen.

Woche des Sehens

Aktionstag: Im Rahmen der bundesweiten „Woche des Sehens“ vom 8. bis 15. Oktober lädt die Augenklinik des Universitätsklinikums Würzburg am heutigen Mittwoch, 9. Oktober, ab 14.30 Uhr zu einem Tag der offenen Tür ein. Neben Präsentationen, Besichtigungen, Beratungen und Infoständen gibt es einen Vortragsblock, bei dem Experten über die Volkskrankheiten Glaukom, Grauer Star und Altersbedingte Makula-Degeneration sowie die Chancen der Hornhauttransplantation referieren. Ab 14.30 Uhr bis zirka 16 Uhr werden in den Räumen der Poliklinik in der Josef-Schneider-Str. 11 allgemeine und spezielle Augenuntersuchungen demonstriert. Um 15.15 Uhr gibt es eine Führung durch die Räume der Augenklinik, bei der moderne Untersuchungsmethoden vorgestellt werden. Auch das Blindeninstitut Würzburg beteiligt sich an diesem Aktionstag. Die Besucher können die Sehhilfenberatung und die neue Beratung für Patienten mit neurologischen Sehauffälligkeiten kennenlernen.

Gefahr für die Augen: Prof. Dr. Nentwich, stellvertretender Direktor der Uni-Augenklinik, weist anlässlich der „Woche des Sehens“ auf besondere Gefahren für die Augen hin. Besonders bei Kindern gibt es häufig schwere Augenverletzungen durch Laserpointer und Paintball-Pistolen. Auch Flüssigwaschmittelpads können sehr gefährlich sein – beißen Kinder darauf, führt das nicht nur zu schweren Verätzungen im Hals, sondern die Flüssigkeit spritzt auch in die Augen und kann dort zu schweren Schäden führen. red

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