Schwanberg
Auszeit

Demenz: Hilfe für die helfende Hand

Barbara H. lässt ihren demenzkranken Mann Heinz nicht allein. Aber sie muss ab und zu ihre "Batterien aufladen". Dazu sind pflegende Angehörige auf dem Schwanberg eingeladen.
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Symbolbild: dpa-Archiv
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Ihre Augen haben alles gesehen. Ihre Seele hat all das gefühlt, was am Krankenbett auf einen einprasselt. Sie hat erfahren, wie es ist, nahe Verwandte zu pflegen, sie zu versorgen und ihnen Halt zu sein, bis zuletzt. Silvia Sedlacek weiß: Pflegende Angehörige leben in einem Ausnahmezustand, oft monate- und jahrelang. Sie nehmen sich selbst zurück, um denen zu helfen, die sie brauchen. "Dabei kann es passieren, dass die Pflegenden auf der Strecke bleiben", sagt die 55-Jährige. "Sie brauchen dann jemanden, der ihren Blick wieder weitet."

So jemand kann ein Familienmitglied oder Freund sein. Vielen Manchen hilft es aber auch, in einer Gruppe Gleichgesinnter "die eigene Kraftquelle zu finden" - oder wieder zu entdecken. Deshalb bietet die gelernte Krankenschwester, Trauer- und geistliche Begleiterin Silvia Sedlacek zusammen mit Dr.
Johanna Imhof, Pastorin und Krankenschwester, eine besondere "Auszeit" an: Pflegende Angehörige können vier Tage lang auf dem Schwanberg zur Abwechslung einmal sich selbst etwas Gutes tun.

Wie das funktionieren soll und warum niemand zu Hause unersetzlich ist, macht Silvia Sedlacek im Interview deutlich.

Frauen und Männer, die sich - oft rund um die Uhr - um pflegebedürftige Angehörige kümmern, haben eine Auszeit mehr als verdient. Was aber, wenn sie niemanden haben, der sie bei der Pflege vertritt?
Silvia Sedlacek: Da sind wir gleich bei einem wichtigen Punkt. Je länger eine Pflegesituation dauert und je schwerer die Krankheit des Angehörigen ist, desto größer wird die gegenseitige Abhängigkeit. Doch man darf sich nie völlig gefangen nehmen lassen. Immerhin geht es um Grundbedürfnisse des Pflegenden, wie regelmäßiges Essen in Ruhe und - endlich mal wieder - eine ungestörte Nachtruhe.

Drei ungestörte Nächte sind aber teuer erkauft, wenn der Pflegende in dieser Zeit trotzdem ständig an den Pflegebedürftigen denkt - und vielleicht deshalb doch nicht richtig zur Ruhe kommt.
Genau darum geht es auch in dem Kurs. Pflegende sollen erkennen, in welcher Rolle sie stecken, wie weit sie ihr eigenes Leben schon zurückgeschraubt haben. Es ist wichtig, dass ihnen jemand klar macht: Niemand ist unersetzlich!
Oft ist man in der Anfangsphase noch so euphorisch, dass man sich tagtäglich und jede Nacht aufopfernd um den Angehörigen kümmert und es versäumt, so genannte Ankerpunkte zu schaffen. Das kann zum Beispiel ein Nachmittag in der Woche sein, an dem eine andere Betreuungsperson ins Haus kommt und man mal in Ruhe einkaufen kann.
Es muss auch mal ein paar Tage möglich sein, dass andere Familienmitglieder die Pflege übernehmen oder dass eine Sozialstation beauftragt wird. Eventuell kann auch ein Kurzzeitpflegeplatz eine Lösung sein.

Manch einer entwickelt Schuldgefühle, wenn er den Pflegebedürftigen zugunsten des eigenen Wohls "abschiebt".
Ja, das habe ich selbst auch so erlebt. Es ist schwer, diese Schuldgefühle fallen zu lassen. Aber es ist wichtig! Man ist ja nicht nur Pflegeperson, sondern eventuell auch Ehefrau oder Ehemann, Mutter, Vater, Oma, Opa, Schwester, Patin und so weiter. Diese sozialen Kontakte sind wesentlich für die eigene Kraftquelle.
Wenn man an den Punkt kommt, an dem man nur noch funktioniert, der Opa nur mit der Wimper zu zucken braucht und schon rennt man - spätestens dann muss man über seine Grenzen nachdenken.

Sie haben eben gesagt, dass Sie selbst auch Schuldgefühle kennen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Als gelernte Krankenschwester habe ich erst in einer Klinik gearbeitet, dann in einer Sozialstation. Ende der 90er habe ich die Leitung einer Station im Altenheim übernommen. Dort habe ich erfahren, wie schwer das Sterben manchen alten Menschen fällt, besonders der Kriegsgeneration, die viel Schlimmes erlebt hat. Wir haben schon damals absolut an der Personaluntergrenze arbeiten müssen, nach drei Jahren ging das über meine Kräfte, ich habe aufgehört. Stattdessen habe ich Ausbildungen zur Trauerbegleiterin gemacht und zur klassischen Homöopathin, um alte und sterbende Menschen alternativ begleiten zu können. Und dann sind meine beiden Schwiegereltern krank geworden...

Dann waren Sie plötzlich auch persönlich betroffen.
Ja. Ich habe erlebt, was es heißt, Menschen zu pflegen, die einem nahe stehen und die an Magenkrebs im Endstadium und Demenz leiden. Es entsteht eine totale Symbiose zwischen Pflegendem und Pflegebedürftigem.

Was hat Ihnen in der Zeit geholfen?
Kleine tägliche Rituale, um den Kopf frei zu kriegen und die Batterien aufzuladen. Auch geistliche Impulse, Vertrauen zu Gott, Gespräche. Rückblickend war die Zeit schmerzhaft, aber wertvoll. Ich möchte sie nicht missen. Das Positive bleibt.

Die Interview-Fragen stellte Redakteurin Diana Fuchs.



Die eigene Kraftquelle (wieder)finden


Gutes Team Beide sind examinierte Krankenschwestern - und sie haben sich auf Anhieb verstanden, als sie sich vor einigen Jahren kennen lernten: Silvia Sedlacek arbeitet als Heilpraktikerin und ist mit mit Stefan Sedlacek, dem Geschäftsführer des Geistlichen Zentrums verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder und drei Enkel. Die 55-jährige hat selbst vielfältige Erfahrungen in der Pflege gesammelt, die sie im Kurs "Die eigene Kraftquelle finden" gern teilen will. Dr. Johanna Imhof bringt als Pfarrerin den seelsorgerischen Aspekt ins Team ein. Sie ist mit dem Theologen und Autor Paul Imhof verheiratet; das Paar hat drei Töchter.

Kurs Vom 2. bis 5. Mai (Donnerstag bis Sonntag) bieten Sedlacek und Imhof auf dem Schwanberg den Kurs "Die eigenen Kraftquelle finden" an - eine Auszeit für pflegende Angehörige. Diese sollen zur Ruhe kommen - im wahrsten Sinn des Wortes, auch zur Nachtruhe -, sich entspannen und in Gesprächen sowie beim Austausch in der Gruppe oder zu zweit, bei Kreativangeboten und in freier Natur neue Energie tanken.

Infos Die Kursgebühr beträgt 150 Euro. Unterkunft und Verpflegung im Schluss gibt es für 183 Euro. Nähere Infos unter Tel. 09323/32128, per Mail unter rezeption@schwanberg.de oder im Internet unter www.schwanberg.de ldk
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