KITZINGEN

Das Stadtbild wird sich verändern

Die Stadt Kitzingen zieht ihre Konsequenzen aus dem Volksbegehren. Reine Blumenbeete werden seltener, dafür gibt es mehr Nahrungsflächen für Insekten.
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Ein wenig verloren sitzt er da: Kurt Stöhr inmitten des umgestalteten Vorgartens am Kleistplatz. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Kurt Stöhr wundert sich. Aus einem grünen Vorgarten mit Hecken, Sträuchern und Rasen vor seinem Mietshaus am Kleistplatz ist ein Platz mit roten Steinen und halb verdorrten Pflanzen geworden. Stöhr hat sich an die Stadt und an die Presse gewandt. Eine Erklärung für den Wandel liefern die Geschäftsführerin der Stadtbetriebe GmbH, Rebecca Hick, und die Pressesprecherin der Stadt Kitzingen, Claudia Biebl. Die Bewirtschaftung einiger Außenflächen in Kitzingen wird umgestellt. Der Kleistplatz ist erst der Anfang.

Bezug zur Natur finden

Mehr Artenschutz, mehr Lebensraum für Insekten, Schmetterlinge, Fledermäuse – auch in den Städten. Spätestens mit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ hat vielerorts ein Umdenken eingesetzt. Die Stadt Kitzingen will sich dem nicht verschließen. „Wir wollen wieder einen Bezug zur Natur finden und die Natur Natur sein lassen“, meint Biebl und schränkt ein: „Natürlich nur auf den Flächen, die sich auch dafür anbieten.“ Wo es geht, da soll der gärtnerische Pflegeaufwand zurückgefahren werden. Damit liegt die Stadt Kitzingen auf einer Wellenlänge mit dem Bayerischen Städtetag, der eine entsprechende Empfehlung herausgegeben hat. „Natürlich müssen wir dabei immer die Verkehrssicherheit im Auge behalten“, weiß Biebl. Auch künftig wird es also gemähte und ungemähte Flächen in Kitzingen geben. Letztere werden im Sinne des Artenschutzes aber zunehmen. Andere Orte werden umgestaltet. So wie der Vorgarten am Kleistplatz.

Neue Wege gehen

Rund 30.000 Quadratmeter Außenfläche hat die Stadtbetriebe Kitzingen GmbH zu pflegen. Eine Menge Arbeit – die in der Vergangenheit nicht immer zur vollen Zufriedenheit erledigt wurde. Bis Ende 2017 hatte die Bau GmbH einen eigenen Gärtner dann erfolgte die Trennung. Anfang 2018 hat eine Firma die Arbeiten übernommen. „Aber mit der waren wir nicht so zufrieden“, erinnert sich Geschäftsführerin Hick. Also erfolgte erneut eine Trennung. Seit Anfang dieses Jahres ist ein neuer Auftragnehmer gefunden. Und der hat jede Menge zu tun. „Seit ungefähr zehn Jahren sind kaum mehr Bäume gefällt worden“, sagt Hick. „Viele Stellen sind zugewuchert.“ Also hat man einen neuen Weg gesucht und wollte dabei gleich die Belange des Artenschutzes mit einbeziehen. In Christian Söder konnte ein Verbündeter gefunden werden. Söder ist Leiter eines Naturschutzprojektes mit dem etwas sperrigen Titel „Zurück in die Vielfalt – Flurbereicherung nicht nur für das Graue Langohr“. Als solcher ist Söder immer wieder auf der Suche nach Flächen, die sich im Sinne des Artenschutzes optimieren lassen. Nicht nur für die besondere Fledermausart, sondern für Insekten insgesamt. Zusammen mit Gartenfachberaterin Mechthild Engert vom Landratsamt haben Hick und Söder die Flächen in der Siedlung auf der Suche nach Umgestaltungsmöglichkeiten angeschaut. Vier Standorte sind dabei zunächst gefunden worden: In der Egerländer Straße soll eine „Felsenbirnenlandschaft“ entstehen, in der Böhmerwaldstraße werden Farne und Schattenpflanzen angebaut und in der Ernst-Reuther-Straße wird ein Randstreifen nicht mehr gemäht. In der Nähe haben sich Fledermäuse in einer Attika eingenistet. Auf dem Randstreifen sollen sie Nahrung finden.

Der Kleistplatz ist ein Pilotprojekt, er wurde als Erstes umgestaltet. „Wir haben die überdüngte Blumenerde rausgenommen und spezielle Stauden eingesetzt“, erklärt Hick. Das Abbruchmaterial von der Breslauer Straße sei als Untergrund ideal, versichert Christian Söder. Die Ziegel halten die Wärme und das Wasser. „Wenn die Pflanzen erst einmal angewachsen sind, brauchen sie weniger Wasser und sind pflegeleichter als die bisherigen Lösungen“, versichert er.

Geduld ist gefragt

Bis dahin ist das Bild allerdings gewöhnungsbedürftig. Die Anlieger müssen sich also noch eine Weile gedulden. Kurt Stöhr vermutete anfangs sogar scherzhaft, dass eine Erweiterung des Wertstoffhofes vor seiner Tür geplant sei. Claudia Biebl kann gut nachvollziehen, dass die Pflanzen von den Anliegern noch nicht als blühend wahrgenommen werden. Spätestens in einem Jahr wird sich das aber ändern, versichert sie und verweist auf eine Fläche vor der Mainbernheimer Stadtmauer. Dort hat Christian Söder schon vor einem Jahr seine Pläne umgesetzt. „Und jetzt schaut es dort richtig bunt und blühend aus, ohne dass wir noch wässern müssten.“

Die Menschen in Kitzingen müssen sich also auf Veränderungen in ihrem Stadtbild einstellen. Sauber und akkurat gemähte Flächen wird es nicht mehr überall geben. Kurt Stöhr überzeugt das nicht wirklich. Immerhin: Seine Sorge, dass die Mieter die Bewässerungskosten übernehmen müssen, kann Rebecca Hick zerstreuen. Es sei ein extra Wasserzähler eingebaut worden, damit die anfangs höheren Bewässerungskosten nicht auf die Mieter umgelegt werden.

Im September, wenn auch die anderen drei Maßnahmen in der Siedlung abgeschlossen sein werden, soll ein Spaziergang für die Bürger mit Erklärungen angeboten werden. In Kürze sollen auch Schautafeln angebracht werden. Kurt Stöhr hätten diese Informationen sicher früher schon geholfen. Er ist bislang von einer mutwilligen Zerstörung der Grünanlagen ausgegangen. Dabei verfolgen die Stadt Kitzingen und die Stadtbetriebe GmbH eine ganz andere Linie: „Wir wollen ökologisch interessante und optisch ansprechende Flächen anlegen“, sagt Christian Söder. Für sein Projekt ist er auf der Suche nach neuen Mitstreitern. Gerade im Bereich der Gewerbegebiete Goldberg und ConneKT wäre er über Unterstützung dankbar.

Pilotprojekt: Im Auftrag des Bayerischen Landesamtes für Umwelt führt die Koordinationsstelle für Fledermausschutz Nordbayern an der Universität Erlangen das Artenhilfsprogramm für die im Bestand bedrohte Fledermaus Graues Langohr durch. Dieses Naturschutzprojekt läuft bis Herbst 2020. Leiter Christian Söder spricht von einem Pilotprojekt für ganz Bayern.

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