IPHOFEN

Das Kirchturmdenken überwinden

Auf 250 Seiten verpflichten sich sieben Kommunen, die Zukunft gemeinsam zu meistern. Das Papier liegt jetzt nach vier Jahren vor.
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Die Gemeinden rund um das Gips- und Weinstädtchen Iphofen im südöstlichen Landkreis haben ein gemeinsames ländliches Entwicklungskonzept vereinbart. Der Abschlussbericht listet 50 Projekte auf. Foto: Archivfoto: Guenther Fischer

Ingrid Reifenscheid-Eckert hatte es eilig. Forsch anfangen, war ihre Devise, und so geriet sie kurz vor dem Ziel mit der vorne aufgereihten Stuhlreihe ins Gehege. „Nix passiert!“, rief sie, als sie sich wieder gefangen und Pult und Mikrofon der Iphöfer Karl-Knauf-Halle erreicht hatte. Das hohe Tempo, das die Willanzheimer Bürgermeisterin am Mittwochabend anschlug, wird sich schwerlich übertragen lassen, wenn es darum geht, den politischen Auftrag umzusetzen, den sie und ihre Amtskollegen an diesem Abend mit auf den Weg bekommen haben.

„Wir führen Sie nicht. Etwas zu machen ist nun Ihre Aufgabe.“
Peter Doneis, Amt für ländliche Entwicklung

Fast vier Jahre nach den ersten Gesprächen und gut ein Jahr nach dem Einstieg in das Projekt liegt nun das Integrierte Ländliche Entwicklungskonzept (ILEK) für den südöstlichen Landkreis Kitzingen auf dem Tisch.

Ein Bündel gemeinsamer Interessen und Ziele der sieben Kommunen Iphofen, Mainbernheim, Markt Einersheim, Willanzheim, Rödelsee, Seinsheim und Martinsheim, aber erst mal nicht mehr als 250 Seiten bedrucktes Papier, das – wie man weiß – geduldig ist und zum Teil arge Allgemeinplätze enthält, etwa den öffentlichen Nahverkehr und die regionale Identität zu stärken.

Dass die beteiligten Städte und Gemeinden Stärken und Schwächen besitzen – die einen mehr, die anderen weniger –, dürfte allen bewusst gewesen sein. Nun haben sie es schriftlich, wissenschaftlich belegt von Professor Ralf Klein und ein paar Mitarbeitern vom Lehrstuhl für Geografie und Regionalforschung der Uni Würzburg. Sechs Handlungsfelder haben sie im Verbund mit Vertretern der Kommunen beackert. Es geht um Freizeit und Wohnen, um Landschaft und Kultur, um Energie und Daseinsvorsorge. Im Kern aber geht es darum, das alles in Zukunft nicht allein zu tun, sondern gemeinsam.

Regionale Produkte sollen gestärkt und besser vermarktet werden, Spiel-, Sport- und Grillplätze ausgebaut oder neu entwickelt werden. Die Nahversorgung soll mittels Bürgerbussen gesichert und die Kulturlandschaft mit einem Wegenetz erschlossen werden.

Es gibt die Idee, Park-und-Ride-Plätze oder Mitfahrzentralen einzurichten. Winzer und Landwirte sollen in Trockenperioden aus Brunnen und Speicherseen schöpfen können. Auch bei Fragen der Wasserver- und Abwasserentsorgung soll es Synergien geben. Schließlich geht es darum, die größte Sorge der Bürgermeister aufzugreifen: den drohenden Leerstand ihrer Ortskerne. Ein „aktives Flächen- und Immobilienmanagement“ ist hierzu geplant. Vielleicht lässt es sich verknüpfen mit einem anderen Kernpunkt – die Identität und das Image der Dörfer zu stärken, den Blick der Bürger für ihr Lebensumfeld zu schärfen, sie für die Schönheit ihrer Landschaft zu sensibilisieren. „Tourist in der eigenen Region“ sein, steht bei diesem Punkt im Konzept.

50 Projekte enthält der Abschlussbericht laut Bürgermeisterin Reifenscheid-Eckert. Es sind Vorhaben, die „weit in die Zukunft reichen“, wie sie vor den gut 70 Teilnehmern sagte. Schlüsselprojekte, so teilte Professor Klein mit, sollten „zeitnah“ umgesetzt werden. Das Amt für Ländliche Entwicklung Unterfranken wird den beteiligten Kommunen dabei behilflich sein, wie Amtsleiter Peter Doneis erklärte. „Wir begleiten Sie“, rief er den Bürgermeistern und Räten zu, „aber wir führen Sie nicht. Etwas zu machen ist nun Ihre Aufgabe.“ Immerhin, so der stellvertretende Landrat Paul Streng, signalisierten die sieben Partner mit ihrer Zusammenarbeit, „dass sie die Herausforderung des ländlichen Raums gemeinsam meistern wollen“. Der Rödelseer Vize-Bürgermeister Horst Kohlberger sprach gar romantisch von einer „Liebesheirat“.

Wie weit die Liebe geht, wird man in den nächsten Monaten sehen. Im Herbst werden sich alle Beteiligten zu einem „Umsetzungsseminar“ treffen, auf dem dann über konkrete Schritte beraten werden soll. Bis dahin soll es auch einen hauptamtlichen Manager geben, der die Arbeit der neu gegründeten Allianz koordiniert, und einen griffigen Namen für das Kind, das da nun in die Welt gesetzt ist. Doneis ermutigte die Teilnehmer, nicht die Fördergelder in den Mittelpunkt zu rücken, sondern die einzelnen Projekte. Die Bereitstellung von Zuschüssen ist künftig an das ILEK geknüpft. Doch Doneis geht es um ein anderes Ideal: das eigene Kirchturmdenken zu überwinden.

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