Wiesentheid
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Das Glück am neuen Arbeitsplatz

Die Mainfränkischen Werkstätten suchen Arbeitgeber, die Menschen mit Behinderung eine Chance geben. Die 25-jährige Mandy Hassan hat ihre Chance im Steigerwald-Landschulheim bekommen - und dort ihr Glück gefunden.
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Spaß bei der Arbeit: Mandy Hassan leiht den beiden Lehrern Ulrich Bäumler und Rudolf Baumgarten Bücher aus. Fotos: Ralf Dieter
Spaß bei der Arbeit: Mandy Hassan leiht den beiden Lehrern Ulrich Bäumler und Rudolf Baumgarten Bücher aus. Fotos: Ralf Dieter
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Es ist eine win-win-Situation. Mehr als das. Eine win-win-win-Situation. Denn drei Parteien profitieren gleichzeitig von dieser Lösung. Vielleicht sogar vier: Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Lehrer und Schüler. Deshalb würden sich die Mainfränkischen Werkstätten auch wünschen, dass sie mehr Kooperationspartner finden.

Helmar Hartner ist bei den Mainfränkischen Werkstätten für den Sozialdienst verantwortlich. Und er ist ständig auf der Suche nach Arbeitgebern, die Menschen aus den Mainfränkischen Werkstätten eine Chance geben, damit sie im Berufsleben Fuß fassen können. Wohlgemerkt: Außerhalb der Werkstätten.

Das Prinzip funktioniert ganz einfach: Die Mainfränkischen Werkstätten bleiben Arbeitgeber, bezahlen weiter Renten- und Krankenversicherung. Und der Arbeitsplatz wird quasi ausgelagert. "Früher, in den 90er Jahren, war es noch leichter, unsere Mitarbeiter auch am freien Arbeitsmarkt unterzubringen", berichtet Hartner. "Aber mit der Zeit ist es immer schwieriger geworden."

Jetzt also der Versuch mit den ausgelagerten Arbeitsplätzen. Kein leichtes Unterfangen. Etwa zehn Prozent der rund 230 Mitarbeiter in den Mainfränkischen Werkstätten kommen für das Projekt in Frage. Die Mitarbeiter müssen selbstständig arbeiten und sich sozial integrieren können. Und der Arbeitsplatz muss heimatnah liegen. Mandy Hassan gehört zu diesen zehn Prozent. Locker.

Die 25-Jährige hat eine Gehbehinderung und eine leichte Lernbehinderung. Sie hat eine Schulausbildung und sie hat in den letzten Jahren in den Mainfränkischen Werkstätten in Kitzingen und Ochsenfurt gearbeitet. Wenn alles "normal" gelaufen wäre, hätte sie dort wohl auch ihr ganzes Berufsleben verbracht. Doch Helmar Hartner hat einen Kooperationspartner gefunden. Direkt vor der Haustür von Mandy Hassan, in Wiesentheid. Das Steigerwald-Landschulheim.

Dessen Leiter, Hilmar Kirch, ist von der neuen Mitarbeiter begeistert. "Sie ist sehr wertvoll für uns geworden", sagt er. Vor den Sommerferien hat die 25-jährige ein Praktikum in der Schule gemacht. Im Vorfeld hatten sich Kirch und seine Kollegen überlegt, wie sie die junge Frau am besten einsetzen könnten. Am Ende des Praktikums waren viele Lehrer aus dem Kollegium dankbar, dass ihre Blattsammlungen wieder sauber eingeordnet waren.
Nach den Sommerferien dann der nächste Schritt. Helmar Hartner fragte bei Schulleiter Kirch und seinem Kollegen Elmar Halbritter vom angrenzenden Internat an, ob sie sich eine intensivere Zusammenarbeit vorstellen könnten: Mandy Hassan ist seither immer noch Mitarbeiterin der Mainfränkischen Werkstätten, arbeitet aber für die Schule. Ihr Wirkungskreis: die Bibliothek.

Jeden Morgen kommt sie um kurz vor 8 Uhr mit ihrem Rollator von der nahen Wohnung zur Schule gelaufen. In der Bibliothek pflegt sie die Bestände und digitalisiert die vorhandenen Daten. Sie überwacht den Zugang der Schüler zum Internet in der Bibliothek. "Sie entlastet die Lehrer damit sehr", freut sich Kirch. Die Kollegen hatten die Bibliothek bislang nämlich in Eigenregie geführt. Zusätzlich, in ihrer Freizeit. Die Öffnungszeiten waren entsprechend knapp bemessen, der Service lange nicht so umfangreich wie in diesem Schuljahr. "Sie ist zur Ansprechpartnerin für unsere Schüler geworden", freut sich Sozialkundelehrer Rudolf Baumgarten, der zusammen mit seinem Kollegen Ulrich Bäumler die Beschäftigung der 25-jährigen unterstützt hat.

Das Wiesentheider Gymnasium ist das einzige im Landkreis mit einem sozialwissenschaftlichen Zweig. Zwischen 30 und 40 Schüler pro Jahrgang wählen regelmäßig diesen Bereich. Und sie machen dank der Kooperation der Schule mit den Mainfränkischen Werkstätten auch ganz praktische und hautnahe Erfahrungen mit Behinderten.

Am Ende jeden Schuljahres fahren die Zehnt- beziehungsweise Neuntklässler des sozialen Zweigs auf Klassenfahrt mit Mitarbeitern aus den Mainfränkischen Werkstätten. Drei Schüler kümmern sich um einen Gast. Jedes Mal geht es in eine Großstadt. Jedes Mal lernen die Schüler, Verantwortung zu übernehmen. Jedes Mal kommen sie gestärkt zurück. "Sie bauen Berührungsängste ab, stärken ihre soziale Kompetenz und wachsen als Team zusammen", fasst Bäumler die Vorteile dieses Projektes zusammen.

Mandy Hassan hat auch schon ihre Erfahrungen mit den Schülern am Gymnasium gemacht. Und die sind durchweg positiv. "Manchmal fragen sie mich, ob sie meinen Rollator die Treppe hochtragen können", berichtet sie. Manchmal fragen sie auch nach ihrer Behinderung. "Das ist für mich voll okay", sagt sie. Schließlich will Mandy Hassan ein Teil der Schulgemeinschaft sein. Integriert. Ganz nach dem Motto der Inklusion: Gemeinsam leben, gemeinsam arbeiten.

Info: Arbeitgeber, die sich für das Modell der Mainfränkischen Werkstätten interessieren, können sich an Helmar Hartner, Tel. 09321/910500 wenden. Auch Behörden oder Kommunen können gerne an dem Projekt teilnehmen.

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