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Damit hat keiner gerechnet

Schüler starten nach dem angeblich besonders schwierigen Mathe-Abitur eine Petition.Innerhalb von vier Tagen unterschreiben fast 60.000 Menschen.
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Immer mehr Schüler fallen durchs Abitur
Konzentration ist angesagt bei den Abiturprüfungen. Das Mathe-Abitur fanden viele Schüler zu anspruchsvoll. Foto: ArchivFoto: Jens Wolf/DPA

Die Aufregung ist groß. Womöglich ist sie auch kontraproduktiv. Morgen geht das Abitur schließlich weiter. Konzentration ist gefragt.

„So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Monika Rahner. Und das ist kein Wunder. Eine Petition von Schülern, die sich direkt nach einer Abiprüfung ans Kultusministerium wenden, hat es in der Geschichte des Freistaates bislang nicht gegeben. Am Freitag startete „Lisa Müller“ die Petition auf der Plattform „change.org“. Der Wortlaut: „Wir Abiturienten bitten darum, den Notenschlüssel des Mathematik-Abiturs in Bayern 2019 zu senken und dem Schwierigkeitsgrad anzupassen.“ Bis zum gestrigen Nachmittag hatten rund 59000 (Stand 16.30 Uhr) unterschrieben.

„Es war sicher nicht

einfach, aber die Wut danach ist einfach zu groß.“

Hilmar Kirch, Schulleiter Wiesentheid

Dieter Hörning gehört nicht zu den Unterzeichnern. Hörning ist Fachbetreuer Mathematik am Egbert-Gymnasium in Münsterschwarzach. Gestern hat er sich mit seinen Kollegen beraten. Ihr Eindruck: Das Mathe-Abitur 2019 war durchaus anspruchsvoll, hat sich aber nicht besonders abgehoben gegenüber den Vorjahren. Die Unterzeichner der Petition sehen das anders. „Lisa Müller“ schreibt: „2016 war es anspruchsvoll, 2017 war es machbar, 2018 war es nahezu leicht und 2019 enthielt es plötzlich Aufgabenstellungen, die vorher kaum einer gesehen hatte.“ Eine Einschätzung, der nicht nur Dieter Hörning widerspricht. Eine ganze Menge Standardaufgaben seien dabei gewesen und die langen Textanteile, die von den Schülern im Netz kritisiert werden, seien im Vorfeld geübt worden. „Das dürfte eigentlich keine Überraschung gewesen sein.“

Ähnlich sieht es Hilmar Kirch, Leiter des Steigerwald-Landschulheims in Wiesentheid. Anspruchsvoll, aber machbar, seien die Prüfungen gewesen. Dass die Idee hinter einer Rechnung in einem größeren Textteil abgefragt werde, sei für manche Schüler womöglich ungewohnt gewesen. „Aber daran sollte man sich nicht festbeißen“, rät Kirch, der die Aufregung rund um das Mathe-Abitur für überzogen hält. „Es war sicher nicht einfach, aber die Wut danach ist einfach zu groß.“

Die „Wut“ bricht sich vor allem in den sozialen Netzwerken Bahn, in den Schulen selbst ist der Protest kaum geäußert worden. „Bei uns haben weder Schüler noch Eltern angerufen“, sagt der Leiter des Marktbreiter Gymnasiums, Friedhelm Klöhr, der sich über die Ausmaße des Protestes wundert. „Ein typisch medialer Selbstläufer“, urteilt er. „Völlig übertrieben.“ Zumal die Abiturienten an diesem Mittwoch schon wieder ranmüssen. „Die Panikmache ist kontraproduktiv für die Konzentration.“

Ruhig Blut bewahren, rät denn auch Monika Rahner, Leiterin des AKG in Kitzingen. Die Matheprüfungen seien sicherlich nicht leicht gewesen, aber die Aufgabenformen seien selbstverständlich alle schon in Klausuren und im Unterricht vorgekommen. Die Lehrkräfte hätten schon mit den Korrekturen begonnen, eine Tendenz, ob die Ergebnisse tatsächlicher schlechter ausfallen, als in den Jahren zuvor, will und darf keiner der Befragten abgeben.

„Das Ministerium würde ein Eigentor schießen, wenn es nach außen hin reagiert. “
Friedhelm Klöhr, Schulleiter Marktbreit

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) hatte schon am Wochenende angekündigt, die Aufgaben noch einmal unter die Lupe nehmen zu lassen. „Wir nehmen das natürlich ernst und werden das sorgfältig prüfen.“ Am gestrigen Montag wollte er sich bereits mit den Experten in seinem Ministerium besprechen. Die SPD im bayerischen Landtag hatte den Schülern am Sonntag ihre Unterstützung zugesagt. Die Präsidenten des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, sprach im Bayerischen Fernsehen davon, dass die Aufgaben offenbar auch eine Herausforderung für viele Mathelehrer dargestellt hätten. Eine Aussage, die Hilmar Kirch verwundert. „Das ist fast schon anmaßend, dass eine gelernte Volksschul-Lehrerin so über das Mathe-Abitur spricht.“

Die Aufregung ist groß, Monika Rahner ist nun gespannt, wie sich das Kultusministerium positionieren wird. Eine Prognose will sie, im Gegensatz zu Friedhelm Klöhr, nicht abgeben. „Das Ministerium würde ein Eigentor schießen, wenn es nach außen hin reagiert“, meint der Leiter des Marktbreiter Gymnasiums und erinnert daran, dass die Lehrer beim Korrigieren trotz eines vorgegebenen Bewertungsschlüssels immer gewisse Freiräume hätten.

Ob die ganze Aufregung umsonst war, wird sich spätestens am 31. Mai zeigen. Dann werden die Abiturnoten für das Jahr 2019 bekanntgegeben. Danach können die Schüler, die sich verbessern wollen, freiwillig in die mündliche Prüfung. Schon jetzt kündigen viele Schüler im Netz an, auf diese Möglichkeit zurückgreifen zu wollen.

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