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Burnout der Bäume

Die Buche war eine Hoffnungsträgerin in Sachen Waldumbau. Nun verdurstet auch sie. Was bedeutet das? Förster Behr redet Tacheles.
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Viele braune Flecken am Steigerwaldrand: Förster Klaus Behr ist entsetzt darüber, wie vielen Buchen der Klimawandel den Garaus macht. DIANA FUCHS Foto: Fotos:
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Klaus Behr hat gehofft und gebangt. Jetzt ist er traurig: „Dass unsere Wälder so rasch und massiv unter dem Klimawandel leiden würden, wer hätte das gedacht?!“ Der Förster steht am Rand des Steigerwalds auf einer kleinen Anhöhe und lässt seinen Blick über die Wälder wandern. Diese sind in diesem Jahr nicht einheitlich grün wie sonst um diese Zeit, sondern mit grau-braunen Flecken gesprenkelt. „Wir hier in Franken, speziell im warm-trockenen Weinland rund um Kitzingen, sind ganz vorne mit dabei: Uns erwischt der Klimawandel als Erste!“ Die Wälder, eine Lebensgrundlage unserer Kinder und Enkel, seien „ernsthaft bedroht“. Behr: „Der Klimawandel ist nach den beiden Dürresommern 2015 und 2018 erstmals hautnah erlebbar.“

Behr, 64 Jahre, gebürtiger Bamberger, stammt aus einer Försterfamilie und ist schon sein ganzes Berufsleben lang mit den Wäldern des Steigerwalds verbunden: bis 2005 als Forstamtsleiter in Eltmann und seitdem als Leiter des Bereichs Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen. „Ich spüre, wie weit sich die meisten Menschen von der Natur entfernt haben und deshalb die bedrohlichen Zeichen vor ihren Augen nicht erkennen“, sagt er und deutet auf die Flecken an den Waldhängen. „Das sind die Kronen abgestorbener Buchen.“

Buchen?! Dass der Kampf um die Fichte und gegen die Borkenkäfer in den fränkischen Trockengebieten langfristig kaum zu gewinnen sein würde, darauf hatten sich die Förster innerlich eingestellt. Die Buche dagegen galt zumindest in den fränkischen Mittelgebirgen als widerstandsfähige Leitbaumart der natürlichen Waldgesellschaft. In Sachen Waldumbau hatten die Fachleute unter anderem auf sie gesetzt. „Niemand von uns hätte gedacht, dass es der Rotbuche so rasch an den Kragen geht! Das ist schockierend!“ Der Klimawandel mit seinen Witterungsextremen habe damit „eine neue Dimension erreicht“.

Betroffen sind nahezu alle Baumarten. Auf über 100 000 Kubikmeter schätzen die Förster im Landkreis Kitzingen den Schadholzanfall durch den Sturm Fabienne sowie Dürre- und Insektenschäden. Das entspricht in etwa drei Prozent des Holzvorrates – „das klingt wenig, ist aber wahnsinnig viel“!

Da die Bäume durch Trockenheit und Hitze stark geschwächt sind, haben Schädlinge ein leichtes Spiel – vom Borkenkäfer über den Kiefernprachtkäfer und Schmetterlingsraupen an der Eiche bis hin zur Rußrindenkrankheit beim Bergahorn und zum Eschentriebsterben. „Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.“

Und der Regen der letzten Wochen? Lässt er nicht auf Erholung hoffen? „Besser als Nichts.“ Trotzdem winkt Klaus Behr ab: Die Wasserspeicher in den Waldböden seien noch lange nicht wieder aufgefüllt. Besonders auf den Sand- und Tonböden, auf südseitigen Hängen, an flachgründigen Hangkanten und Kuppen gehe das Sterben unaufhaltsam weiter.

Eine wirtschaftlich direkt zu spürende Folge: Der Holzmarkt bei Fichte und Kiefer, den europaweit besonders betroffenen Baumarten, ist total zusammengebrochen. Viele Waldbesitzer schlagen die toten Nadelbäume gar nicht gleich ein, weil sich der Aufwand nicht mehr lohnt: Für einen Festmeter Kiefernholz, das nach dem Absterben des Baumes vom Bläuepilz besiedelt wird, gibt es gerade noch 33 Euro, weit weniger als die Hälfte des normalen Preises. „Das deckt gerade einmal die Arbeitskosten bei Sammelhieben.“

Die Grasmücke bleibt einfach da

Dass der Temperaturanstieg Veränderungen mit sich bringen wird, ist seit langem klar, die Geschwindigkeit dieser Veränderungen aber überrascht die Fachleute. „Wir arbeiten seit Jahren intensiv und vorausschauend am Waldumbau hin zu klimatoleranten Waldgesellschaften“, betont Behr, während er ein eingezäuntes Areal im Gemeindewald Wiesentheid ansteuert. Innerhalb des Zaunes erreichen junge Eichen schon Schulterhöhe. Außerhalb finden sich keine Sprösslinge größer als 20 Zentimeter. „Alle Eichen, die nicht eingezäunt sind, werden immer wieder vom Rehwild verbissen.“

Dabei sollen sich nach den Vorgaben des Bayerischen Wald- und Jagdgesetzes alle vorkommenden Baumarten auf natürlichem Wege und im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen entwickeln können. „Gerade bei der besonders klimaresistenten Eiche klappt das vielfach überhaupt nicht.“ Also müssen Jungbestände umzäunt werden, damit sich die durch den Eichelhäher gut verbreitete Eiche entwickeln kann. Damit gemischte Bestände entstehen, wird die Naturverjüngung in der Regel durch Pflanzung von klimatoleranten Baumarten wie Hainbuche, Winterlinde, Feldahorn, Elsbeere, Speierling, Roteiche oder Esskastanie ergänzt. „Der Waldumbau ginge schneller und auf viel größerer Fläche voran, wenn wir keine Zäune bräuchten.“ Zudem könnten sich die Waldbesitzer die enormen Kosten von 3.000 bis 4.000 Euro pro Hektar sparen.

Wie könnte das funktionieren? Der Forstamtsleiter sagt: „Wir brauchen in den nächsten Jahrzehnten, während des intensiven Waldumbaus, abgesenkte und an die natürliche Waldentwicklung angepasste Wildbestände! In dieser Zeit stehen auch unsere Jäger in einer besonderen Verantwortung!“

Wie schnell sich Wechselbeziehungen zwischen Flora und Fauna mit dem Temperaturanstieg verändern, zeigt der Fachmann an einem weiteren Beispiel: Misteldrosseln und Grasmücken sind heimische Zugvögel, die bislang ausschließlich in südlichen Gefilden überwinterten. Durch den Klimawandel sind die Wintermonate aber auch bei uns so warm, dass viele Vögel hierbleiben und sich von November bis Februar von den reifenden Mistelbeeren ernähren. So verbreitet sich diese Schmarotzerpflanze enorm. „Die vielen Misteln saugen die ohnehin geschwächten Kiefern vollständig aus!“

Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma? „Wir alle, jeder von uns, muss bereit sein, seine Lebensweise zu überdenken.“ Nur wenn wir unseren Standard drosseln und einschneidende Maßnahmen zur Verringerung des CO2-Ausstoßes mittragen, werden wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten können, sagt Behr. „Das wird mit schmerzlichen Einschnitten in lieb gewonnene Gewohnheiten verbunden sein. Aber es gibt keine Alternative!“

Klaus Behr selbst hat für sich entschieden, künftig nicht mehr zu fliegen. „Ich glaube, dies vor meinen inzwischen sieben Enkelkindern nicht mehr verantworten zu können. Selbst ein Kurzstreckenflug produziert viel mehr CO2, als jedem von uns pro Jahr unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten zusteht.“ Als Förster wünscht er sich, dass der Blick auf die grau-braun gesprenkelten Wälder „viele andere Menschen ebenfalls erschreckt, traurig macht, zum Nachdenken und Handeln bringt“.

Info: Das langjährige Temperaturmittel, gemessen von 1961 bis 1990, betrug an der Wetterstation Iphofen 9,2 °C. Der Durchschnitt der letzten 10 Jahre lag bei 10,2 °C. In den Dürrejahren 2015 und 2018 waren es 11,9 und 12,2°C sowie Niederschlagsdefizite von -31 und -21%.

(Quelle: Agrarmeteorologie Bayern)

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