SCHWARZENAU/LANDKREIS KT

Bunte Vielfalt

Bei der Suche nach einer Alternative für den Anbau von Mais für die Bestückung von Biogasanlagen wird die LWG fündig. Jetzt ist die Politik gefragt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Ernte des „Veitshöchheimer Hanfmix“ auf der Versuchsanlage bei Schwarzenau ist gelaufen. Foto: Fotos: Ralf Dieter
+3 Bilder

Keine Pflanzenschutzmittel, keine Erosion, keine Bodenbearbeitung – und noch dazu neuer Lebensraum für Insekten und andere Lebewesen. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Könnte aber bald Wirklichkeit werden.

Benedikt Kretzer ist sichtlich zufrieden. Das Erntefahrzeug dreht seine Runden und der Versuchstechniker für Ansaaten von der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG) verfolgt begeistert, wie viel Biomasse im Hänger des Begleitfahrzeugs landet. Auf 0,8 Hektar haben er und seine Kollegen auf einer Versuchsfläche bei Schwarzenau eine ganz besondere Saatmischung ausgebracht: den „Veitshöchheimer Hanfmix“. Zwei Jahre ist das jetzt her. „Und schauen Sie sich das mal an“, sagt er und deutet auf die Fläche.

Mehr als mannshoch stehen Silberdisteln, Stockrosen und Sonnenblumen auf dem Feld. Insgesamt 28 verschiedene Pflanzen sind in der Saatmischung enthalten, deren Namen in die Irre führt. Hanf macht lediglich zwei Prozent der Menge aus. „Aber er ist wichtig, weil er den Boden lockert und Unkräuter vertreibt“, erklärt Kretzer.

„Die allermeisten Landwirte sind an einer ökologisch sinnvollen Ergänzung zum Maisanbau interessiert.“
Dominik Kretzer Versuchstechniker bei der LWG

Manche Pflanzen, wie die Sonnenblumen oder der Hanf; blühen nur im ersten Jahr. Andere, wie die Eselsdistel; nur in den ersten zwei Jahren. Der Fenchel oder die Stockrosen kommen erst ab dem dritten Jahr. Geerntet wird Mitte/Ende Juli, auf jeden Fall vor der Samenreife. „Die blühen alle noch mal nach“, sagt Kretzer und läuft über den ersten abgeernteten Streifen. In ein paar Wochen werden die Pflanzen wieder mannshoch gewachsen sein und teilweise bis Mitte Oktober blühen. „Bis dahin finden die Insekten Pollen“, erklärt Kretzer.

Entsprechend begeistert ist auch Dr. Ina Heidinger vom Institut für Bienenkunde und Imkerei an der LWG. Etwa 560 Wildbienenarten gibt es nach ihren Worten in Deutschland. Die meisten würden sich im „Veitshöchheimer Hanfmix“ pudelwohl fühlen. „Diese hoch gewachsenen Felder geben auch Kleintieren wie Hasen, Hamstern und selbst Rehen Deckung“, erklärt sie. Eine Rückzugsmöglichkeit, die auf den Maisfeldern nur während weniger Wochen im Jahr denkbar ist.

Mindestens fünf Jahre wachsen die Pflanzen, die im „Veitshöchheimer Hanfmix“ vermischt wurden, immer wieder nach – ohne dass der Landwirt den Boden bearbeiten müsste. Pflanzenschutzmittel muss er gleich gar nicht ausbringen. Die ersten Experimente mit möglichen Alternativen für den industriellen Maisanbau starteten an der LWG bereits 2011 – und sind über die Jahre immer weiter verfeinert worden. „Damals startete die Biogaswelle“, erinnert Kretzer. Um die Anlagen zu füttern, wurde großflächig Mais angebaut. Mit den bekannten Nachteilen. „Mais ist halt eine typische Monokultur“, sagt Kretzer. Züchterisch ist er über die Jahrzehnte immer wieder weiter entwickelt worden mit dem einzigen Ziel, möglichst viel Biomasse zu liefern. Gerade im Norden Deutschlands deckt er oft riesige Flächen ab, entzieht dem Boden wichtige Nähr- und Stickstoffe. Entstanden sind so Flächen, die weder für Bienen noch für Insekten attraktiv sind. Flächen, die der Landwirt immer wieder mit Herbiziden bearbeiten muss.

Mit dem „Veitshöchheimer Hanfmix“ ist jetzt eine mögliche Ergänzung gefunden worden. Zwischen 40 und 50 Prozent des Methanertrages von Mais liefert die Mischung. Dafür braucht die Mischung ganz wenig Dünger, muss nur einmal ausgebracht werden und kann mindestens fünf Jahre hintereinander geerntet werden und bietet den Bienen mehr als doppelt so viele Pollen wie der Mais. „Die allermeisten Landwirte sind an einer ökologisch sinnvollen Ergänzung zum Maisanbau interessiert“, ist Kretzer sicher. Er weiß aber auch: Ohne Fördermittel wird ein großflächiger Einsatz nicht funktionieren. „Die Politik ist gefragt.“

Die beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema, hat vor wenigen Tagen strengere Regeln für den Arten- und Umweltschutz beschlossen. „Alternativpflanzen sind eine super Idee“, sagt Landtagsabgeordnete Barbara Becker (CSU), die im Arbeitskreis Umwelt und Verbraucherschutz mitarbeitet. Entsprechende Versuchsflächen gebe es nicht nur bei Schwarzenau, sondern auch in Oberfranken. Deren Daten würden jetzt ausgewertet und analysiert.

„Eine Förderung von

Alternativpflanzen ist politisch unbedingt gewollt.“

Barbara Becker, Landtagsabgeordnete CSU

Die Frage laute, wie hoch die Ertragseinbußen für Landwirte ausfallen, die auf die Wildpflanzenmischungen setzen – und welchen Mehraufwand sie möglicherweise haben. „Danach richtet sich die Höhe einer möglichen Förderung“, erläutert die Abgeordnete.

Dominik Kretzer hat die Rechnung schon einmal überschlagen und kommt dabei auf eine Fördersumme von 350 bis 450 Euro pro Hektar. Eine Summe, die Barbara Becker als realistisch einstuft. „Eine Förderung von Alternativpflanzen ist politisch unbedingt gewollt“, betont sie und hofft, dass die Gelder schon vor der nächsten Aussaat im Frühjahr 2020 zur Verfügung stehen.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren