KITZINGEN

Blitzen statt schneiden?

Schönheit ist vielen Menschen lieb und teuer. OP-freies Lifting boomt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Nach der Behandlung mit dem Plasma-Pen trägt Melanie Faltermeier eine entzündungshemmende Heilcreme auf..
+16 Bilder

Der Geruch bleibt noch eine Weile in der Nase hängen. Wer mit seinem Haarschopf schon mal zu nahe an eine Kerze gekommen ist, weiß: Versengte menschliche Zellen stinken ein bisschen. Der Person, deren Zellen da gerade verdampfen, scheint das nicht viel auszumachen. Ganz ruhig liegt sie da, mit geschlossenen Augen. Sie atmet gleichmäßig. Auf die Frage, ob sie Schmerzen hat, antwortet sie: „Nein, nur ein kleines Ziehen ab und zu.“

Wir befinden uns mitten in einem Facelifting. Allerdings nicht in einem OP-Saal. Am Schlossberg in Rödelsee hat Melanie Faltermeier das Untergeschoss ihres Wohnhauses zu einer Kosmetikpraxis umgebaut. In verschiedenen Räumen bietet die gelernte Zahnarzthelferin, die bei einem Schönheits-Chirurgen gearbeitet und sich schließlich als Kosmetikerin selbstständig gemacht hat, unterschiedliche Schönheits-Dienste an. Seit kurzem auch Lid- und Facelifting, Hals- und Bauchstraffung, ganz ohne Operation.

Wie das geht? Mit einem so genannten Plasma-Pen, der aussieht wie ein besonders dicker, schwarzer Kugelschreiber. Aus dessen Spitze ragt ein feiner Draht. Der Plasma- Pen erzeugt elektrische Ladung, indem er die Umgebungsluft ionisiert. Durch die entstehende Plasmawolke, die als kleiner Blitz an der Spitze des Pens zu sehen ist, wird auf der Haut eine thermische Reaktion ausgelöst: Da, wo der heiße Blitz die Haut trifft, zieht sie sich zusammen. „Auf diese Art kann man überschüssige Haut abtragen und Falten mindern“, sagt Melanie Faltermeier. „Nur die obere Hautschicht wird getroffen. In der Tiefe werden gleichzeitig die Fibroblasten angeregt, was ebenfalls zur Straffung der Haut beiträgt.“ Fibroblasten sind bewegliche Zellen im Bindegewebe.

„Es ist wichtig, die Haut nicht direkt mit dem Pen zu berühren, sondern etwa einen halben Millimeter Abstand zu lassen“, erklärt die 44-Jährige. „Durch den Spannungsunterschied zwischen dem Pen und der Haut springt der kleine Blitz über.“ Er rufe eine „gewollte Entzündungsreaktion“ hervor, die das Immunsystem aktiviere.

Das Geschäft boomt. Melanie Faltermeier hat Kunden jeden Alters. Und es werden immer mehr. „Auch Männer kommen häufig. Und ältere Frauen, die in ihrem Leben noch mal richtig durchstarten wollen.“

Die Frau, die gerade behandelt wird, ist 67 Jahre alt. Sie hat Monate lang überlegt, ob sie die neuartige Falten-weg-Methode ausprobieren soll oder nicht. Nachdem sie den ersten Termin „vor lauter Schiss“ abgesagt hatte, liegt sie nun doch unter einer hellen Lampe im Behandlungszimmer. Melanie Faltermeier trägt weißen Mundschutz und schwarze Hygienehandschuhe. Zuerst wischt sie eine rosé-farbene Vorbehandlungscreme von der rechten Gesichtshälfte. Sie nimmt den schwarzen Plasma-Pen wie einen Stift in die Hand und visiert die Falten und Krähenfüßchen auf dem Gesicht der Frau an. Etwa einen Millimeter rechts und links jeder tieferen Furche zieht sie einen Linie voller Brennpunkte. Am Kinn und an anderen Stellen mit „Erdbeerhaut“ – man könnte auch Mini-Orangenhaut dazu sagen – wischt sie mit dem Pen flächig über die Poren. „Punkten und Sprühen sind verschiedene Techniken. Die muss man beherrschen.“

Keine Langzeitstudien

Eine staatlich festgelegte Ausbildung für Facelift per Plasma-Pen gibt es nicht. Melanie Faltermeier hat sich insgesamt mehrere Wochen lang bei Markus Müller ausbilden lassen, der den „deutschen Plasma-Pen“ entwickelt hat. „Es gibt natürlich auch Leute, die sich in China einen Pen bestellen und nach einem Vier-Stunden-Kurs einfach an Menschen loslegen“, gibt Faltermeier zu bedenken.

Während die 44-Jährige sich Millimeter für Millimeter im Gesicht der Kundin vorarbeitet, bildet sich ab und zu auch der eine oder andere Blutstropfen auf deren Haut. „Das ist nicht schlimm und entsteht dadurch, dass Äderchen nahe an der Oberfläche liegen“, erklärt Faltermeier. Ihre Kundin beteuert derweil: „Es tut wirklich nicht weh.“ Sie darf sich zwischendurch auch mal hinsetzen, um den Grad der Straffung direkt zu verfolgen oder bei Bedarf zu beeinflussen.

„Das ist einer der Vorteile im Vergleich zu einer Operation in Narkose“, meint Melanie Faltermeier. Und die Nachteile? Die zweifache Mutter schüttelt den Kopf. Aber was ist mit fehlenden Langzeitstudien? Dadurch, dass es die Methode erst wenige Jahre gibt, kann sie nicht langfristig getestet sein. „Ich sehe da überhaupt kein gesundheitliches Risiko“, sagt Faltermeier. „Außer, jemand führt das Lifting unsachgemäß durch. Dann könnte er neue Falten und Narben erschaffen.“

Nach gut anderthalb Stunden ist die Kosmetikerin fertig. Sie trägt noch eine getönte, antiseptisch wirkende Heilsalbe auf, ehe sie der Kundin mehrere Aufbauprodukte überreicht – „die Haut braucht jetzt viel Pflege“. Die Patientin dankt, zahlt – für ein komplettes Facelifting kommt man auf einen vierstelligen Betrag – und lächelt: „Ich hatte mir alles viel schlimmer vorgestellt.“

„Der dritte Tag nach dem Lifting ist normalerweise der schlimmste“, schaut Faltermeier voraus. „Dann beginnt der Schorf über den Mini-Wunden abzufallen.“ Nach zehn Tagen – je nach Typ mehr oder weniger – „wird man nichts mehr von der Behandlung sehen“, verspricht die zweifache Mutter, die sich selbst als „Ästhetik-Freak“ bezeichnet. „Ich mag Schönheit einfach, weil sie bewirkt, dass man sich gut fühlt.“

Psychologe hinterfragt Situation

Dass dieses Gefühl durchaus trügerisch sein kann, weiß Andreas Laurien, Diplompsychologe und Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in der Kitzinger Güterhallstraße. Dem neuen Lifting-Boom steht er mit gemischten Gefühlen gegenüber. „Mir begegnen in der Beratungsstelle junge Menschen, die unzufrieden mit ihrem Körper sind, die nie ungeschminkt aus dem Haus gehen können, die nicht nur mit ihrem Gesicht hadern, sondern auch mit ihren Genitalien. Wir leben in einer pornografisierten Welt, einer Bilderwelt, in der Bildbearbeitungsprogramme dafür sorgen, dass man oft nicht mehr weiß, was Realität ist und was nicht.“

Das verunsichere viele. Es entstünden Zweifel, was normal ist und was nicht. „Wir leben auch in einer Welt der Machbarkeits-Phantasien. Wir möchten alles beeinflussen und kontrollieren können.“ Viele wünschten sich einen Jungbrunnen; das sei ein uralter Menschheitstraum. Warum? „Weil sie denken, wenn ich jünger aussehe, bin ich für andere Menschen attraktiver.“ Was tut Laurien in solchen Fällen? „Wir führen Gespräche zu Selbstwert und Attraktivität.“ Attraktivität habe ganz viel mit „zu etwas stehen“ zu tun – wer zu etwas stehen könne, sei attraktiver als jemand mit makellos gebügelter Haut. „Das Selbstbewusstsein ist der entscheidende Faktor der Attraktivität – und Selbstbewusstsein erreicht man nicht durch Modifikationen des Körpers.“

Verwandte Artikel
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren