KITZINGEN

Besuch im Land der Scharia

Ein Kitzinger Lehrer auf Besuch in Saudi Arabien. "Die saudische Frau trägt unter der Abaya ebenfalls Jeans, hochhackige Pumps und Klamotten angesehener Designer."
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Moderne Kameltreiber in Saudi Arabien sind heute nicht auf vier Hufen, sondern vier Rädern unterwegs. Roland Gack hat die „Kamel-Show“ zwischen Riad (Riyadh) und Hofuf beobachtet. Foto: Fotos: gACK
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Roland Gack und seine Frau Hanne sind nicht nur Lehrer, sondern auch Abenteurer. Das Paar aus Kitzingen hat viele Länder und Kontinente bereist. Nun hat es die beiden ins Königreich Saudi Arabien gezogen. Warum sie ausgerechnet eine absolute Monarchie kennenlernen wollten, in der die mittelalterliche Auslegung des islamischen Rechts, die Scharia, Gesetz ist? Ein Land, in dem Peitschenhiebe und Korruption nichts Außergewöhnliches sind und sogar noch Hinrichtungen zelebriert werden? Im Interview berichtet der 54-jährige Roland Gack von seinen Eindrücken auf der Arabischen Halbinsel zwischen Rotem Meer und Persischem Golf.

Wie sind Sie in ein für Touristen hermetisch abgeriegeltes Land wie Saudi Arabien hineingekommen?

Roland Gack: Indem wir uns einer „besonderen Exkursion“ der Geographischen Gesellschaft Würzburg angeschlossen haben. Dr. Konrad Schliephake von der Universität Würzburg ist Generalsekretär der Gesellschaft und hat alte berufliche Kontakte nach Saudi Arabien aufleben lassen. Er hat Anfang der 80er Jahre in der Hauptstadt Riad gelebt und am Ministerium für Raumplanung und Entwicklung gearbeitet.

Und allein deshalb hat er Visa für eine ganze Reisegruppe erhalten?

So einfach nicht. Zuerst musste die deutsche Außenhandelskammer in Riad eine Art „Einladung“, ein Entsendungsschreiben, an die Gesellschaft richten. Nur mit dieser „Einladung“ konnten saudi-arabische Visa beantragt und die Flüge von Frankfurt nach Jeddah, der Hafenstadt im Westen, gebucht werden.

Wer durfte an der Reise teilnehmen?

Die 19 Teilnehmer waren allesamt Mitglieder der Geographischen Gesellschaft Würzburg, vor allem Geologen, Geografen, Stadt-, Landes- und Raumplaner sowie wir Pädagogen. Wir waren keineswegs eine „Reisegruppe“, sondern eine wissenschaftliche Delegation, die Besuchstermine in den geografischen Abteilungen der Universitäten in Jeddah und Riad wahrnahm. Ziel war es, den Austausch zwischen der Würzburger und den beiden saudischen Hochschulen zu intensivieren.

Dann konnten Sie sich also nicht frei im Land bewegen?

Doch schon. Dadurch, dass es sich bei unserer Gruppe nicht um ausländische Journalisten handelte, erhielten wir hin und wieder in informellen Gesprächen auch Einblicke in sensiblere Themenbereiche, etwa Homosexualität, Frauen- und Menschenrechte.

Hat Sie die strenge Auslegung der Scharia nicht abgeschreckt?

Dr. Konrad Schliephake hat uns von einer Schwulenhochzeit erzählt, die 2018 im Land stattgefunden hat. Die Sittenwächter hätten zwar Wind davon bekommen, aber anfangs nicht gewusst, wie sie reagieren sollten. Es kam letztlich zu einer Gerichtsverhandlung. In der Urteilsverkündung hieß es, man solle sich als Homosexueller im Krankenhaus in ärztliche Behandlung begeben. Mit Medikamenten ließe sich die „Krankheit“ möglicherweise heilen.

Heißt das, dass die Sittenwächter liberaler werden? Gibt es die gefürchteten Strafen wie Amputation, Steinigung, Auspeitschung, sogar Todesstrafe nicht mehr?

Ganz so schön ist es sicher nicht, Saudi Arabien ist noch immer ein konservatives Land, in dem es keine Meinungsfreiheit gibt. Aber ich habe schon das Gefühl, dass vom Königshaus Veränderungen ausgehen. Man sieht das auf den Straßen. Zwar müssen Frauen die Abaya tragen, ein langes Kleidungsstück, das die Körperform umspielt, und die einheimischen Frauen auch die Niqab, die das Gesicht mit Ausnahme der Augen verhüllt. Aber hin und wieder haben wir schon Frauen ohne Kopftuch gesehen und von den Sittenwächtern war weit und breit keine Spur.

Glauben Sie, Saudi Arabien wird sich der Welt noch mehr öffnen?

Davon bin ich überzeugt. Kronprinz Mohammed möchte einen moderaten Islam, der offen gegenüber der Welt und auch anderen Religionen ist. Die vom Königshaus verordnete „Vision 2030“ beinhaltet, dass Frauenrechte ausgeweitet werden. Und angesichts der Bevölkerungsexplosion muss ja auch etwas geschehen.

Wie meinen Sie das?

Zur Zeit gibt es rund 35 Millionen Saudis. Bis 2040 wird die Bevölkerung auf 50 bis 55 Millionen anwachsen. Mehr als die Hälfte der Einwohner sind jünger als 30 Jahre – dieser Tatsache muss und wird das Land Rechnung tragen. Zum wirtschaftlichen und gesellschaftliche Reformkurs des Königshauses gehört es auch, die ausländischen „Expads“ immer mehr durch hochqualifizierte saudische Studienabgänger und einheimische Arbeitskräfte zu ersetzen. Saudi Arabien will sich auch hinsichtlich des Tourismus' öffnen.

Wie äußert sich das?

Man hat uns verschiedene Projekte vorgestellt, etwa „Neom“, eine komplett neue Stadt, die im Nordwesten des Landes geschaffen wird, oder das „Red Sea Project“ – etwa 50 Urlaubsinselchen im Roten Meer, die nach dem Muster der Malediven für den Tourismus erschlossen werden sollen. Und man hat uns vom größten Freizeitpark der Welt erzählt, „Qyidda“, der ähnlich wie Disneyland viele Menschen begeistern soll.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt der Reise?

Am meisten beeindruckt hat mich die Bautätigkeit der „Royal Commission“ in den Industriestädten Jubail und Yanbu im Osten des Landes, am Persischen Golf – beide Städte explodieren förmlich, bedingt durch den Ausbau der petrochemischen Industriestandorte. Hier entstehen topmoderne Lebensräume, Freizeitanlagen, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, dass einem schon beim Betrachten der Pläne ganz schwindelig werden kann.

Hatten Sie schon vor der Reise einen persönlichen Bezug zu Saudi Arabien?

Mein Vater war in den 60er Jahren bei der Frankfurter Baufirma Holzmann angestellt. Er erhielt damals ein Arbeitsangebot für den Ausbau der Wüstenoase Al Ahsa in Hofuf. Diesen Ort jetzt mit eigenen Augen zu sehen, war sehr spannend. Die Oasenstadt war übrigens auch schon früher im großen Diercke-Weltatlas abgedruckt, so dass alle deutschen Erdkundeschüler zumindest Landkartenkontakt dorthin hatten. Außerdem wollten meine Frau und ich schon 2005 einmal nach Saudi Arabien reisen. Hanne hatte ein Stellenangebot für die Schulleitung der Deutschen Schule Jeddah erhalten und wir wollen uns vor Ort die Arbeitsbedingungen anschauen. Damals haben wir erfahren, dass man keine Erlaubnis bekommt, einfach mal so ins Land zu reisen.

Durften Sie auch Mekka und Medina besuchen?

Nein. Nicht-Muslimen ist das streng verboten. Sie sind gezwungen, diese beiden religiösen und geschichtsträchtigen Stätten weiträumig zu umfahren. Es gibt ja nicht einmal Überflugrechte.

Wo im Land waren Sie unterwegs?

Wir haben das Herz der saudischen Erdgas- und Ölindustrie bereist. Die beiden größten Städte Jeddah und Riyadh standen mit offiziellen Besuchen der Universitäten auf dem Programm und auf dem Lande waren wir bei den Felsformationen in Al Ula sowie in der Näbatäerstadt Madain Saleh. Über den King Fahd Causeway und dessen Grenzübergang mitten im Meer sind wir schließlich in den liberaleren Nachbarstaat Bahrain eingereist. Dort durften sich die Frauen ihres schwarzen Abaya-Gewandes entledigen und wieder Jeans, Kleid und kurzärmelige Bluse tragen.

Sind in Bahrain Saudis anzutreffen?

Am muslimischen Wochenende – von Donnerstag bis Samstag – frönen nicht wenige Saudis dem freieren Lebensgefühl dort. Wir haben das hautnah miterlebt. Ich kann versichern: Die saudische Frau trägt unter der Abaya ebenfalls Jeans, hochhackige Pumps und Klamotten angesehener Designer und Modelabels.

Welches Fazit ziehen Sie nach zwei Wochen in Saudi Arabien?

Ich habe sehr viel gelernt. Das, was wir gesehen haben, ist das Eine. Das andere ist der Blick hinter die Kulissen, mit dem uns Konrad Schliephake immer wieder landestypische Zusammenhänge verstehen ließ. Auch für meine Arbeit als Lehrer war die Reise gewinnbringend. Ich kann meinen Schülern jetzt zum Beispiel erzählen, dass nicht alle Männer in langem, weißen Gewand und Kopftuch mit Kordelring milliardenschwere Ölscheichs sind. Diese männliche Tracht ist in heißen Ländern so praktisch, dass sie sich auch im 21. Jahrhundert behauptet.

Zur Person: Roland Gack ist Förderlehrer und unterrichtet seit 2012 in der St. Hedwig-Grundschule Kitzingen. Seine Frau Hanne, mit der er seit 25 Jahren verheiratet ist, ist Lehrerin an der Mittelschule Kitzingen-Siedlung.

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