KITZINGEN/WÜRZBURG/OCHSENFURT

Besser als gut

Wie ehrenamtliche Mitarbeiter psychisch erkrankten Menschen helfen können.
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Die hauptamtlichen Mitarbeiter des sozialpsychiatrischen Dienstes des BRK stehen hinter ihren ehrenamtlichen Helfern. Sabrina Böck und Anna Glosser tun das in der kleinen Bücherei des BRK in Würzburg sprichwörtlich. Silvia Muschler und Heidi Drescher sind seit etlichen Jahren ehrenamtlich tätig. Foto: Foto: Ralf Dieter

„Es geht mir besser als gut.“ Die Frau, die diesen erfreulichen Satz spricht, will ihren echten Namen nicht in der Zeitung stehen haben. Denn es ging ihr auch schon mal schlechter als schlecht. Dass ihr das Leben wieder Freude macht, hat sie unter anderem den ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bayerischen Roten Kreuzes zu verdanken.

Der sozialpsychiatrische Dienst des BRK ist in Kitzingen, Ochsenfurt und Würzburg präsent. Neun hauptamtliche Mitarbeiter helfen Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren Angehörigen durch vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten. Bei Nina Müller (Name von der Red. geändert) war es eine schwere Depression, die ihr vor rund fünf Jahren die Lebensfreude raubte. Sie begab sich in ärztliche Behandlung, kam in eine Klinik – und wusste nach ihrer Entlassung nicht so recht, wie es weiter gehen sollte. „Die Klinik hatte mir den Kontakt zum BRK vermittelt“, erzählt sie. Eine hauptamtliche Psychologin zeichnete ihr die weiteren Möglichkeiten auf. Nina Müller entschied sich, in die WG einzuziehen, die das BRK in Kitzingen für psychisch kranke Frauen bereithält. „Innerhalb von acht Wochen war alles über die Bühne“, freut sie sich.

Vier Frauen leben in der Kitzinger WG. Analog gibt es eine Männer-WG in der Stadt. In Würzburg stellt das BRK zwei Wohnungen für zwei gemischte WGs bereit. „Die Bewohner können hier positive Beziehungserfahrungen sammeln“, formuliert Sozialpädagogin Anna Glosser den Vorteil. „Sie können zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen.“ Nina Müller nickt. „Wir reden viel miteinander, es ist immer ein Ansprechpartner vor Ort“, bestätigt sie. Jeder Bewohner spürt – aus eigener Erfahrung heraus – wenn ein Mitbewohner in eine kritische Phase kommt, wenn es ihm oder ihr schlecht geht. „In diesen Zeiten kann ich in meinem geschützten Rahmen bleiben und bin doch nicht alleine“, erklärt die 31-Jährige.

Ein geschützter Rahmen ist für psychisch erkrankte Menschen in der Regel essenziell. Spazieren gehen, ins Café setzen, Schaufenster anschauen: All das kann für die Betroffenen zu einer schier unüberwindbaren Herausforderung werden. „Manchmal sind mir Menschen und Geräusche einfach zu viel“, erklärt Nina Müller. Der Wunsch, sich ins Schneckenhaus zurückzuziehen, wird übermächtig. Wie gut, dass es ehrenamtliche Helfer wie Silvia Muschler gibt. Die Kitzingerin hatte vor Jahren in der Zeitung von der Suche des BRK nach ehrenamtlichen Helfern gelesen. „Ich hatte Zeit übrig“, erinnert sie sich. „Und das Thema hat mich angesprochen.“

Muschler absolvierte einen Einführungslehrgang und nahm dann eine Einzelbetreuung auf. Regelmäßig hat sie sich mit ihrer ersten Klientin, einer Hartz-IV-Empfängerin, getroffen. „Das miteinander reden hat ihr sichtbar gut getan“, erinnert sich Muschler. Sie hat ihr auch bei organisatorischen Dingen geholfen, Ordner angelegt, Verträge durchgeschaut.

Seit zwei Jahren steht sie Nina Müller zur Seite. Etwa alle 14 Tage verabreden sich die Frauen für zwei Stunden. „Daraus werden meistens vier Stunden“, sagt Muschler und lacht. Die beiden waren schon auf dem Schwanberg, im Botanischen Garten und sind zusammen shoppen gegangen. Warum ihr die Bürgerhelferin so gut tut, bringt Nina Müller auf den Punkt: „In schlechten Phasen fehlt mir der Antrieb für alles“, sagt sie. Eine Motivation von außen hilft. „Jemand der mich ablenkt oder mich ganz konkret bei der Erledigung von Aufgaben unterstützt.“ Und noch einen Vorteil birgt der Kontakt zur Bürgerhelferin: Mit Silvia Muschler kann sie auch mal ungezwungen und ehrlich über ihre hauptamtlichen Betreuer beim BRK reden. „Da gibt es ein großes Vertrauensverhältnis“, sagt sie und lächelt.

49 ehrenamtliche Helfer hat der sozialpsychiatrische Dienst des BRK derzeit. Klingt viel, ist für die drei Städte Würzburg, Kitzingen und Ochsenfurt aber zu wenig. „Wir suchen immer neue Helfer“, sagt Anna Glosser. Menschen wie Heidi Drescher, die seit zwei Jahren eine Lesegruppe für psychisch erkrankte Menschen leitet. Einmal im Monat treffen sich die Interessierten in den Räumen des BRK in der Frankfurter Straße in Würzburg. Dort ist eine kleine Bücherei aufgebaut, aus der Drescher immer wieder neue Anregungen zieht. „Wir lesen themenbezogene Geschichten“, berichtet sie. Danach ergibt sich immer ein Gesprächsfaden, ein Angebot, von sich und seinen Bedürfnissen zu erzählen.

Heidi Drescher ist Rentnerin, Silvia Muschler ist berufstätig. Die jüngsten Helfer sind Studenten. „Jeder über 18 Jahre ist willkommen“, versichert Anna Glosser. Jeder kann seine Ideen und seine Talente einbringen. Ob Freizeitgruppe, Handarbeitsgruppe, Sportgruppe oder Kunstgruppe: Fast jedes Betätigungsfeld ist abgedeckt. Einmal die Woche treffen sich Ehrenamtliche mit Klienten zum Frühstückscafé, bereiten die Speisen gemeinsam zu.

Neue Anregungen und Ideen sind durchaus willkommen. „Jeder kann sich und seine Interessen einbringen“, versichert Glosser. Das BRK bietet seinen ehrenamtlichen Helfern übers Jahr verteilt etliche Fortbildungen an: Vom Yoga über die Gesprächsführung bis hin zur Selbstfürsorge. „Wir werden hier gut betreut“, sagt Heidi Drescher und lächelt. Den hauptamtlichen Mitarbeitern des BRK ist eines schon lange klar: Zufriedene ehrenamtliche Mitarbeiter sind die Voraussetzung dafür, dass sich mehr psychisch kranke Menschen so fühlen können wie Nina Müller: besser als gut.

Kontakt: Wer sich ehrenamtlich einbringen möchte, kann sich an die Beratungsstelle für seelische und soziale Gesundheit, Frankfurter Straße 10, Tel. 0931/413080, wenden. Infos gibt es auch im Netz: www.kvwuerzburg.brk.de

Entlohnung: Bürgerhelfer erhalten eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 8,50 Euro. Der Zeitaufwand: maximal 20 Stunden pro Monat.

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