Kitzingen
Gerichtsverhandlung

Beleidigung einer Politesse wird bestraft

Das alles wegen zweier unbedachter Worte: Durch eine Beleidigung wird ein einfaches Knöllchen zum wohl teuersten Strafzettel im Leben des Angeklagten. Staatsanwältin und Verteidiger feilschen um die Geldauflage.
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Sie wisse nicht, ob sie die Beleidigung überhaupt vorlesen solle, vertraut die Staatsanwältin dem Richter kurz vor der Verhandlung an. Nicht etwa, weil das Schimpfwort extrem verletzend ist, sondern weil die Staatsanwältin bezweifelt, den Dialekt des Angeklagten korrekt wiedergeben zu können. Sie versuchte es trotzdem. In ihrer Aussprache klang die Beleidigung ziemlich seltsam, nur der Inhalt der Beschimpfung war noch skurriler:

"Wir zwei treffen uns nochmal unter vier Augen, blöde Sullen" , soll der Angeklagte einer Politesse am 20. März dieses Jahres zugerufen haben.

Der 51-jährige Angeklagte belieferte damals ein Gasthaus mit Getränken, musste sein Auto mit der Ware jedoch auf der anderen Straßenseite abstellen. Er trug die Getränke in das Gasthaus und räumte die Flaschen auch noch ein. Zurück am Auto, fand er ein Knöllchen vor. Er konnte es nicht fassen. "Ich hab mich hinreißen lassen", räumte der Getränkehändler vor Gericht ein.
Leicht aufgebracht fand er bald die Politesse und stellte sie zur Rede. "Ich verstehe den Strafzettel immer noch nicht. Ich war gerade beim Be- und Entladen", betonte der Angeklagte während der Verhandlung des Öfteren. "Ich durfte dort parken." Darauf beharrte er den ganzen Prozess durch und stellte die Entscheidung der Politesse regelmäßig in Frage.

"Für die Verhandlung ist das Knöllchen völlig unwichtig", müssen Staatsanwältin und Richter den 51-Jährigen ständig erinnern. "Es geht um die Beleidigung."

Die habe es gar nicht gegeben, wehrt der Angeklagte ab. Es sei nämlich nur Folgendes passiert: Die Politesse begründete den Strafzettel damit, dass sie zwölf Minuten lang das Auto des Angeklagten beobachtet habe. In der Zeit hätte sie den Getränkehändler nicht beim Ausladen gesehen. Er müsse halt schneller arbeiten, soll die Politesse dem 51-Jährigen darauf hin geraten haben. "Da bin ich mir verarscht vorgekommen. Ich bin Geschäftsmann - ich weiß, dass ich schnell arbeiten muss", begründete er seine nächste Handlung. Er zerknüllte das Knöllchen, warf es der Politesse vor die Füße und lief zurück zum Auto.

Ob er schon mal eine Anzeige wegen Umweltverschmutzung bekommen hätte, rief die Politesse dem aufgebrachten Getränkehändler hinterher.

Darauf habe er nicht weiter reagiert, behauptet der Angeklagte. Stattdessen sei er einfach in sein Auto gestiegen und weggefahren. Es habe keine Beleidigung geschweige denn etwas von wegen "blöde Sullen" gegeben. "Dieses Wort gibt es weder in meinem Haus, noch kommt es von meinen Lippen".
Dem widerspricht die Politesse, die jetzt als Zeugin aussagt. "Die Unterhaltung war sehr kurz, aber sehr lautstark", erinnert sie sich. Auf dem Weg zu seinem Auto habe der Angeklagte sich zu ihr gewandt und gerufen: "Wir zwei treffen uns nochmal unter vier Augen, blöde Sullen."

Der Angeklagte schüttelt während der Aussage der Zeugin mehrmals den Kopf. "Ich kenne das Wort zwar", räumt er ein. "Ich habe es aber nie zu der Zeugin gesagt."

Jetzt schüttelt die Zeugin wiederum den Kopf: "Er hat mich beleidigt", versichert sie. Außerdem habe sie ihm nie geraten, schneller zu arbeiten. "Das steht mir gar nicht zu."
Darauf gehen der Angeklagte und sein Verteidiger nicht weiter ein, stattdessen stellen sie weiterhin die Rechtfertigung für den Strafzettel in Frage. "Es geht nicht um den Strafzettel", betont die Staatsanwältin erneut und mit lauterer Stimme als sonst. Mit ihrer Geduld geht es langsam zu Ende. Ihr Eindruck: Zu oft will der Angeklagte von der Beleidigung ablenken. Sie ist von dessen Schuld längst überzeugt.

Zwei verschiedene Aussagen

Der Verteidiger sieht das anders: "Hier haben wir zwei verschiedene Aussagen." Er fordert einen Freispruch für seinen Mandanten und schlägt vor, einen Koch des Gasthauses, das der Angeklagte beliefert hat, als weiteren Zeugen zu befragen. Allerdings sei es fraglich, ob der Koch der Begegnung zwischen Angeklagtem und Opfer überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt habe, wendet die Staatsanwältin ein.
An dieser Stelle schlägt der Richter eine Einstellung des Verfahrens vor. Dem sind sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung und Angeklagter nicht abgeneigt. Jedoch fordert die Staatsanwältin, das Verfahren nur unter einer Geldauflage von 1200 Euro einzustellen. Schon wieder ein Streitpunkt, denn der Angeklagte ist nicht bereit so viel zu zahlen. Er kann sich nicht einmal mit dem Vorschlag seines Verteidigers anfreunden, der die Hälfte der Summe als Geldauflage vorgeschlagen hatte: "Ich zahle doch keine 600 Euro, nur um meine Ruhe zu haben!"
Die Staatsanwältin bleibt bei den 1200 Euro, was den Verteidiger aufbringt. "Das kann ich nicht machen", entgegnet er. "Bei 1200 Euro steinigt mich mein Mandant. Wie wäre es mit 900 Euro?"

Mit dem Feilschen des Verteidigers hat die Staatsanwältin nicht gerechnet. "Das Gericht ist kein Basar!", erinnert sie den Verteidiger völlig verblüfft.

Wenig später schlägt sie aber selbst andere Töne an.
Der Verteidiger versuchte es noch einmal, der Staatsanwältin die 900 Euro schmackhaft zu machen - doch die ließ nur begrenzt mit sich handeln: Auf 1000 Euro ging sie in ihrer Strafbemessung herunter. Und da bei blieb es dann auch. Den 20. März und die Gerichtsverhandlung wird der Getränkehändler nicht so schnell vergessen. 1000 Euro muss er zahlen - und das wegen zwei unbedachten Worten.
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