KITZINGEN

Schwammspinner-Bekämpfung aus der Luft

Viele Gelege an den Bäumen: Um Kahlfraß der Eichen durch den Schwammspinner zu vermeiden, wird über 200 Hektar Wald im Landkreis Kitzingen das Mittel Mimic ausgebracht. Die Befliegung findet voraussichtlich in der zweiten Mai-Woche statt.
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Man muss genau hinschauen: Ein Schwammspinner-Gelege an der Rinde einer Eiche. Foto: Foto: Daniela Röllinger
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Der Laie kann die kleinen, hellen Flecken an der Rinde der Eichen leicht übersehen. Doch sie haben gravierende Folgen: Aus den Gelegen der Schwammspinner schlüpfen derzeit die Raupen, um sich auf den Weg hoch in die Krone zu den schmackhaften Blättern zu machen. In einigen Wäldern im Landkreis Kitzingen sind so viele Gelege zu finden, dass die Behörden einschreiten, um den drohenden Kahlfraß zu verhindern. Anfang Mai wird über den betroffenen Gebieten per Hubschrauber ein Pflanzenschutzmittel ausgebracht.

Der Wald zwischen Kitzingen und Sulzfeld. Peter Aichmüller vom Forstamt Kitzingen zeigt auf eine Eiche: „Hier ist eins.“ Ein gelblicher Fleck auf der rissigen Rinde, darauf tummeln sich unzählige kleine, dunkle Raupen mit noch viel mehr noch kleineren Härchen. Ein paar Zentimeter daneben das nächste Gelege, und noch eins und noch eins. Am nächsten Baum wenige Meter weiter das gleiche Spiel.

Gibt es nach dem trockenen, heißen Sommer ein Schwammspinnerproblem in den Wäldern? Um diese Frage zu beantworten, haben die Förster sich die Bäume schon im vergangenen Jahr genauer angesehen. Zunächst wurden an Pheromonfallen im Juli/August auf Probeflächen im Wald untersucht, wie viele männliche Falter die Fallen anfliegen. „Im September wurde dann konkret geschaut, wie viele Gelege an den Bäumen zu finden sind“, erklärt Peter Aichmüller. Nach dem Zufallsprinzip wählten die Förster dazu eine Gerade von rund 100 Metern aus und entlang dieser Geraden zehn Bäume. Diese schauten sie genauer an und vermerkten auf einer Liste die Zahl der alten und neuen Gelege auf einer Höhe bis zu zwei Metern. Es war ein aufwändige Arbeit mit einem Ergebnis, das aufhorchen ließ: Die Zahl der Gelege war mancherorts erschreckend hoch.

Was tun? Lässt man die Raupen schlüpfen, sich mehrfach häuten und bis zu einer Größe von 7,5 Zentimeter heranwachsen und geht das Risiko des Kahlfraßes ein, wie es ihn beispielsweise 2009 in einem gravierenden Ausmaß gab? Oder muss verhindert werden, das sie ungehindert in die Kronen kriechen, wo sie die austreibenden Blätter fressen, und dass die frisch geschlüpften Eilarven Seidenfäden spinnen und sich mit dem Wind über den ganzen Wald verteilen?

Wald ist schon geschwächt

Problematisch ist dabei, dass die Wälder durch den Trockensommer 2018 sowieso schon stark geschwächt sind. Aus Sicht der Forstverwaltung und des Ministeriums war anhand der großen Menge der Gelege und der Trockensituation klar: Es muss eine Bekämpfung erfolgen. Dazu wird mit dem Hubschrauber das Mittel Mimic ausgebracht, das die Häutung der Raupen beschleunigt. Dadurch häuten sich die Raupen früher und sterben, erklärt Aichmüller. Auf einem Hektar Wald werden nach seinen Aussagen 50 Liter Wasser mit 750 Milliliter Mimic gespritzt. Voraussetzung ist, dass die Bäume schon genügend Blätter haben, denn das Mittel wirkt nicht bei Kontakt, sondern nur, wenn es gefressen wird.

„Wäre es rein nach der Zahl der Gelege gegangen, hätten wir tausende von Hektar befliegen müssen“, sagt Peter Aichmüller. Aber die bloße Anzahl der Gelege ist nicht ausschlaggebend. Es geht auch um andere Punkte wie beispielsweise die Stärke der Stämme. „Die gleiche Zahl an Gelegen sind an einem dicken Baum ja nicht so schlimm wie an einem dünnen“, erklärt der Förster. Deshalb wurde eine Gefährdungsziffer ermittelt, die als Grundlage für eine Entscheidung über die Bekämpfung herangezogen wird.

Knapp 16.000 Hektar Wald gibt es im Landkreis Kitzingen, der Eichenanteil beträgt etwas weniger als 50 Prozent. Etwa 350 Hektar gelten als gefährdet, so Aichmüller, aber auch hier wird nicht die ganze Fläche beflogen, unter anderem aus pflanzen- und naturschutzrechtlichen Gründen. So fällt beispielsweise wegen des Fledermausbestandes eine große Fläche bei Neudorf heraus sowie bei Iphofen. Außerdem wird zu den Waldrändern ein Abstand gehalten, zu Flächen, die von Biolandwirten bebaut werden und zu Fischgewässern. Voraussetzung ist außerdem, dass der Waldbesitzer der Bekämpfung überhaupt zustimmt.

Letztendlich werden nun, voraussichtlich in der zweiten Mai-Woche, etwa 200 Hektar Waldfläche behandelt. Die betroffenen Flächen liegen bei Kitzingen/Sulzfeld, bei Euerfeld, Järkendorf, Neuses am Sand, Nenzenheim/Dornheim, Seinsheim und Willanzheim. Ein Drittel der Fläche wird im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt der Technischen Universität München behandelt. Diese führt eine Studie zu forstlichen und ökologischen Folgen bei der Massenvermehrung des Schwammspinners durch. Wie wirkt sich das Mittel aus? Leidet womöglich der Artenreichtum in den Wäldern unter dem Einsatz? Was passiert mit dem Wald, wenn man den Schwammspinner nicht bekämpft? „Die Wechselwirkungen zwischen Schwammspinnerdichten, standörtlichen Gegebenheiten, dem gewählten Management und den Reaktionen der Eichenwälder und ihrer Lebensgemeinschaft können nur in Jahren einer Massenvermehrung untersucht werden, wie sie für die nächsten Jahre erwartet wird“, so die TU München. Solange das Mittel mit dem Hubschrauber ausgebracht wird, sind die betroffenen Wälder gesperrt, informiert das Forstamt. Sobald die Befliegung beendet wird, kann man die Wälder wieder betreten. Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sollte man allerdings drei Wochen nach der Ausbringung keine Waldfrüchte verzehren. „Darauf weisen wir mit Schildern hin“, erklärt Peter Aichmüller.

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