Kitzingen

Beim Fasten den Durchblick behalten

Der Verzicht in der Fastenzeit hat ungeahnte Folgen: Warum eine Kollegin noch zum Putzteufel mutiert und die andere von Hunger und Neid geplagt wird
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Wo andere fasten, schlägt Kollegin Nina Grötsch gleich doppelt zu - und frühstückt nicht nur um 6, sondern um 10 Uhr gleich noch einmal. Foto: Foto: GRÖTSCH
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Kitzingen

Unglaublich. Schon ist die Halbzeit geschafft. Zeit zum Verschnaufen. Zeit für einen Rück- und Ausblick. Und für Durchblick.

Ralf Dieter

(Sportsmann und Fast-alles-Faster): Ich bin selbst überrascht, wie wenig Lust ich auf Süßigkeiten habe. Früher konnte ich kaum an einer Eistheke im Supermarkt vorbeigehen, ohne die Truhe zu öffnen und eine Packung in den Einkaufswagen zu werfen. Jedes Mal geschüttelt von der Kälte und vom schlechten Gewissen. Ich wusste: Das Eis würde ich abends vorm Fernseher reinhauen. Völlig Banane! Jetzt bringe ich meinen Kolleginnen an ausgewählten Tagen süße Teilchen vorbei und verspüre so wenig Gelüste auf Naschereien wie Heidi Klum auf alte Männer. Irritierend finde ich allerdings den Kaffeeverzicht. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber mir kommt es vor, als sei ich seit Aschermittwoch viel müder als vorher. Ich gähne vor hintergehaltener Hand und verbuche immer wieder Wechselstaben. Am meisten fehlt mir allerdings das tägliche Ritual. Zwei-, dreimal täglich zusammenkommen, mit den Kolleginnen ratschen, dem Milchaufschäumer bei der Arbeit zusehen und den gequetschten Körper durchstrecken. Aber die halbe Wegstrecke ist geschafft.

Erfolg:

Auf jeden Fall

Laune:

Bestens

Daniela Röllinger

(verzichtet auf Fleisch, Milchkaffee und – soweit möglich – Bäcker-Gebäck): Jetzt nimmt die Beschreibung dessen, was ich mir für die Fastenzeit vorgenommen habe, schon drei Zeilen ein. Das ist mir ein bisschen peinlich, aber es geht nicht anders. Was mit dem Kollegen Di. zusammenhängt. Sie haben es wahrscheinlich gelesen: Er bringt seinen Kolleginnen an ausgewählten Tagen süße Teilchen vorbei. Ausgewählte Tage, das waren der letzte Mittwoch (so viel, dass es für Donnerstag reichte), der Dienstag und der gestrige Mittwoch. Außerdem hat er uns an einem Tag Eis ausgegeben. Dazu hat er Kaffee gekocht und hätte ohne meinen lautstarken Protest, schwupps, einen großen Schwupps Milch in meine Tasse gekippt.

An sich wirklich lobenswert, sich so um uns zu kümmern. Aber ich kann nicht verhehlen, dass ich Hintergedanken vermute. Der Mann stellt uns Fallen, damit er als Bester beim Fasten abschneidet. Und so bin ich seit nunmehr drei Wochen auf der Hut, damit ich nicht aus alter Gewohnheit doch den Kaffee mit aufgeschäumter Milch trinke oder in das verlockende Stück Kuchen beiße, das er vom Bäcker geholt hat. Gestern musste ich mich geschlagen geben. „Ach was“, hat er gesagt, als er mir ein goldgelb gebackenes Croissant hingelegt hat, „da ist kein Weißmehl drin. Das ist ökologisch wertvoll.“ Was immer er damit sagen wollte, ich habe mich dem Argument gebeugt und in meine Fastenbeschreibung die Worte „soweit möglich“ eingefügt. Lecker war's.

Erfolg:

durchwachsen

Laune:

getrübt vom schlechten Gewissen

Nina Grötsch

(steht jeden Tag um 6 Uhr auf): Eine nette „Nebenwirkung“ der Fastenzeit ist im besten Fall das Purzeln einiger Kilos. Ich hingegen bin vermutlich die einzige, die bis Ostern an Gewicht zugenommen haben wird. Ganz einfach deshalb, weil ich es bis zum Mittagessen keinesfalls ohne ein zweites Frühstück aushalte. Wenn ich um 6 Uhr aus dem Bett klettere, kann ich unmöglich eine Stunde warten, um mit meiner Familie zusammen zu frühstücken. Auch weil der erste Kaffee ohne ein Nutella-Brötchen natürlich nur halb so gut schmeckt! Die Folge: Die Spanne bis 12 Uhr ist viel zu groß. Spätestens um 10 Uhr beginnt mein Bauch zu knurren – und der guten Laune wegen muss ich schwach werden.

Parallel zum Hungergefühl wächst von Tag zu Tag der Neid auf alle Personen, die sich genüsslich auf die andere Seite drehen, wenn sie um 6:00 Uhr meinen Wecker klingeln hören. So muss sich ein Fleisch-Faster fühlen, wenn sein Gegenüber in ein Leberkäs-Brötchen beißt! Zum Glück gilt auch hier: Aus den Augen, aus dem Sinn. Und sobald eine Tür zwischen mir und meiner schlafenden Familie liegt, legen sich auch die leicht aggressiven Schwingungen wieder, die ich kurz zuvor noch verspürt habe.

Die größte Herausforderung meines Fastenprojekts steht jedoch erst noch bevor: In der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren um eine Stunde nach vorn gestellt. Fortan stehe ich also um 5 Uhr auf! Hei, was war mein Fastengelübde schlecht durchdacht…

Erfolg:

satt

Laune:

von aggressiv bis ängstlich

Diana Fuchs

(CO2-Fasterin): Während die Kollegen sich mit süßen Lastern und Schlafmangel herumschlagen, geht es bei mir um den Durchblick schlechthin. Um den zu bekommen, müsste ich putzen. Doch darum drücke ich mich fast so gut wie mein Kleiner um die Hausaufgaben. Am Wochenende habe ich angefangen, mich aufzuraffen. Mein Frühjahrsputz wird heuer ein Klimaschutzputz.

Vom Scheuermittel bis zum Glasreiniger besaß ich bisher jede Menge Mittelchen gegen diesen Schmutz und jenen Dreck. Das hat sich erledigt. Mit Hilfe der CO2-Fasten-Challenge der Metropol-Region Nürnberg habe ich gelernt, aus fünf Hausmitteln, die ohnehin fast immer vorrätig sind – Essig(essenz), Natron, Soda, Kernseife und Zitronensäure –, die wichtigsten Haushaltsreiniger selbst herzustellen. Fensterreiniger zum Beispiel: Dafür mischt man einfach Essigessenz und Wasser im Verhältnis 1:10, füllt die Flüssigkeit in eine alte Sprühflasche, spritzt damit die Scheiben voll und reibt sie dann sauber.

Mein neuer Backofenreiniger besteht aus Natronpulver, 1:1 mit Wasser gemischt. Die Paste gibt man auf die Verschmutzungen im Backofen, lässt einige Stunden vergehen und kann den Schmutz danach ganz gut abwischen. Auch Allzweck- und Abflussreiniger werde ich mir noch selbst „basteln“. (Anleitung auf www.co2fasten.wordpress.com)

Was das bringt? In den 220.000 Tonnen Haushaltsreinigern, die laut Umweltbundesamt jährlich in Deutschland verkauft werden und deren Produktion und Transport CO2 freisetzen, befinden sich Duftstoffe, Phosphonate, optische Aufheller und Silikone, die sich in der Umwelt und in Organismen anreichern. Die selbst gemachte Alternative ist dagegen umweltfreundlich. Außerdem vermeidet man Plastikverpackungen, weil die hoch konzentrierten Hausmittel viel ergiebiger sind und oft auch ohne Kunststoffverpackung angeboten werden. Zu guter Letzt fallen sogar gesundheitsschädliche Stoffe wie Mikroplastik weg, das vielen käuflichen Putzmitteln zugesetzt ist. Da macht mir das Putzen Spaß– zumindest ein bisschen.

Erfolg:

putzig

Laune:

wird mit jeder klaren Scheibe besser

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