Kitzingen
Geburt

Bei Schwangeren boomt Wunsch nach Kaiserschnitt

Alles nach Plan: Bei Schwangeren boomt der Wunsch nach einem Kaiserschnitt. Auch im Landkreis Kitzingen. Ein Symbol für eine durchgeplante Gesellschaft?
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Symbolbild: Archiv (Imago/Chromorange)
Symbolbild: Archiv (Imago/Chromorange)
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Es werden immer mehr. Das sagen alle Hebammen. Zu ihnen kommen immer häufiger Frauen, die eine normale Geburt von Vornherein ablehnen und sich statt dessen einen Kaiserschnitt wünschen.
Warum? Die Kitzinger Hebammen glauben, dass dies nicht nur einem "Promi-Trend" geschuldet ist, sondern weit reichendere Gründe hat. "Heutzutage soll am liebsten alles planbar sein." Trifft Sandra Silberschneider damit den Nagel auf den Kopf?

Silberschneider wird selbst bald zum zweiten Mal Mutter. Sie hofft auf eine "normale" Geburt, denn sie weiß aus jahrelanger Berufserfahrung: "Ein Kaiserschnitt ist und bleibt eine große Bauch-Operation." Letztere sei ein Segen, wenn Gefahr in Verzug ist - Gefahr für Mutter und Baby. Wenn die Schwangerschaft aber völlig normal verläuft, "warum soll das dann nicht auch für die Geburt gelten?", fragt Sandras Kollegin Eva Lamberski.


"Viele wollen nicht akzeptieren, wie die Natur es eingerichtet hat. Heutzutage soll alles nach den eigenen Plänen laufen", nimmt Elke Keller den Faden auf. "Manche werdende Mutter würde die eigene Verantwortung am liebsten an der Klinikpforte abgeben." Da Frauen heute tendenziell später schwanger werden, seien viele auch ängstlicher und wollen ausschließen, dass bei der Geburt des Wunschkindes etwas schieflaufen könnte. Sie möchten nichts dem Zufall - oder Schicksal - überlassen. Da werden Geburten nach dem Urlaub des Mannes geplant oder auf bestimmte Tage gelegt - Hochzeitstag, Geburtstag...

Kaiserschnitt am Kennenlerntag also? Sandra Silberschneider nickt leicht verdrossen: "Das gibt es. Wir können die Frauen nur beraten und Empfehlungen aussprechen. Aber wir überreden sie nicht zu einer normalen Geburt, auch wenn das aus unserer Sicht am besten ist - sicher auch für das Baby, das einen besseren Start ins Leben hat, wenn ihm im Geburtskanal zum Beispiel überzählige Flüssigkeit aus den Lungen gepresst wird." Aber Überreden bringe nichts: "Wenn jemand von vornherein so viel Angst vor einer normalen Geburt hat, dann wird das auch nichts. Dann verkrampft alles."

Dabei sagen im Nachhinein viele Frauen, die einen Kaiserschnitt bekommen haben, dass ihnen etwas gefehlt hat. "Eine Geburt ist ein gigantisches Erfolgserlebnis. Es ist, wie wenn man mühsam einen Berg besteigt und auf einmal steht man ganz oben auf dem Gipfel", beschreibt Eva das Gefühl im Kreißsaal. "Beim Kaiserschnitt hat man das nicht." Da sei man, fügt Sandra hinzu, dem medizinischen Personal "ausgeliefert". Auf der sterilen OP-Liege könne man sich kaum bewegen. "Es gibt ein schöneres Ambiente für die erste Kontaktaufnahme mit dem Neugeborenen."

Mehr Schmerzmittel als früher

Auch danach brauchen Kaiserschnitt-Patientinnen oft länger, bis sie wieder fit sind, als Normalgebärende. Wundschmerzen bekommen sie meist auch. "Wenn man ihnen das vorher sagt, winken viele ab und meinen: 'Dagegen gibt's doch Schmerzmittel'". Generell würden heute deutlich mehr Schmerzmittel eingesetzt als vor 20, 30 Jahren. "Das bestätigen uns auch die Schwestern in der Klinik", berichtet Eva.
Fakt ist: Die "sectio caesarea" wird immer begehrter. Was steckt hinter dieser Entwicklung? Elke Keller analysiert: "Es ist der gesellschaftliche Wandel. Manche Schwangere lesen heute in allerhand Online-Foren mehr oder weniger Sinniges über die Geburt und machen sich dann verrückt. Sie legen Überreaktionen an den Tag." Sie werden "hibbelig", wie Eva es formuliert, manche auch überspannt. "Einige brauchen dann besonders viel Aufmerksamkeit und Zuspruch."

Hätten die Hebammen einen Wunsch frei, es wäre bei allen derselbe: "Die Frauen sollen wieder auf ihr Bauchgefühl hören und das Urvertrauen in die eigenen Fähigkeiten spüren." Sie sollen sich - gerade in der Schwangerschaft - etwas zutrauen und gleichzeitig zu sich selbst finden. Eva Lamberski hat ein eindrucksvolles Beispiel parat: "Statt eine hochelektronische Schaukel zu kaufen, sollten sie auf ihre Körperwärme bauen."

Pragmatisch fügt Elke Keller hinzu: "Man muss heute sehr organisiert leben, das ist leider so. Aber es ist nicht für alles eine Entschuldigung." Und eines lässt die erfahrene Hebamme schon gar nicht als Grund für einen Kaiserschnitt gelten: das Argument, dass die Schwangere wegen des dicken Bauches nicht mehr schlafen kann. Mit einem feinen Lächeln stellt Elke Keller fest: "Nach der Geburt wird das erstmal nicht anders." Sandra Silberschneider grinst wissend und fügt mit Blick auf ihre kleine Flora an: "...so oder so."
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