Kitzingen

Bei Anruf Pflegekind: Wo hilfsbereite Familien parat stehen

Wie fühlt sich das an? Eine Pflegefamilie für sechs Wochen zu sein? Ein Kind bei sich aufzunehmen? Oder umgekehrt bei einer fremden Familie einzuziehen?
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Ein Zuhause auf Zeit: Der 13-jährige Michi (rechts) lebt bei Pflegeeltern auf einem Pferdehof in Unterfranken. Ina (links) gehört zu den Helferinnen auf dem Hof. Foto: Melanie Jäger
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Manchmal kommt der Anruf vom Jugendamt mitten in der Nacht. Ein Kind ist aus einer Familie geholt, vom Jugendamt in Obhut genommen worden und braucht dringend Zuwendung. Und einen geeigneten Betreuungsplatz. Dann sind Familien gefragt, die speziell für solche Fälle bereitstehen und da sind – wie für den 13-jährigen Michi.

Bei Anruf Pflegekind. So könnte man das Modell der Jugend- und Kinderhilfe der Diakonie in Würzburg  beschreiben. Die kümmert sich im Auftrag von Jugendämtern in der Region darum, möglichst schnell eine Bleibe für Betroffene zu finden. Für Kinder, die raus mussten aus der eigenen Familie, weil es dort nicht mehr weiterging. Weil Eltern oder Kinder überfordert waren mit einer Situation – so wie bei Michi. Oder weil Kinder in ihrer Familie gefährdet waren. Durch Schläge, Missbrauch, Verwahrlosung.

Gesucht wird dann nicht irgendeine Bleibe, sondern ein Zuhause. Mit Ansprache, Trost, Wärme von Menschen, die für das Kind in den ersten sechs Wochen nach einer Inobhutnahme da sind. "Am liebsten sind uns natürlich ganz normale Familien im Sinne von bereits gewachsenen Strukturen", sagt Margit Dittrich, pädagogische Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe der Diakonie in Würzburg.

Quer durch Unterfranken auf der Suche

Ein fremdes Kind bei sich aufnehmen? Von jetzt auf gleich Verantwortung zu übernehmen für einen jungen Menschen, der womöglich weinend, verstört oder völlig abweisend vor einem steht? Ihm das zu geben, was starke, liebevolle Eltern ausmacht? Kann ich das? Schaffen wir das? "Ja", sagt Margit Dittrich dann gerne, "das schaffen Sie!" Dittrich spricht aus Erfahrung. Seit vielen Jahren ist sie quer durch Unterfranken auf der Suche nach Familien, die sich vorstellen können, eine solche sechswöchige Bereitschaftspflege für Babys, Kinder und  Jugendliche bis 17 Jahre zu übernehmen. Voraussetzung ist, selbst Kinder erzogen zu haben oder zu erziehen und dass für die Kinder ein eigenes Zimmer zur Verfügung steht. Kinderlose Bewerber brauchen eine sozialpädagogische Ausbildung.

"Wir haben einige Familien, die sich auch erst nicht so recht getraut haben, die aber schnell gemerkt haben, wie wertvoll dieser Bereitschaftsdienst ist, wie viel sie selbst daraus schöpfen können. Und die seither mit Begeisterung als Pflegefamilie zur Verfügung stehen", erzählt Dittrich, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen von dieser Lösung zu überzeugen, sie dafür zu gewinnen, das Beste aus einer verfahrenen Situation für alle Beteiligten herauszuholen. Es ist eine berufliche Aufgabe, aber auch eine Herzensangelegenheit. Das Modell hat Dittrich initiiert, damit Kinder in den ersten Wochen nicht ständig wechselnde Betreuer haben. Ruhe in die Notsituation bringen, allen Beteiligten die notwendige Zeit für Entscheidungen zu verschaffen, dafür seien diese sechs Wochen in einer Pflegefamilie oder Wohngruppe gedacht.

Manchmal mitten in der Nacht

Margit Dittrich muss sicherstellen, dass die betroffenen Kinder auch innerhalb kürzester Zeit einen Platz in einer der vorher geschulten oder bereits eingearbeiteten Familien bekommen: "Im optimalen Fall dauert es nur wenige Stunden vom Anruf des Jugendamtes bis zur Ankunft des Kindes in der Pflegefamilie." Margit Dittrich ist als pädagogische Leiterin im Dauereinsatz. Bei ihr laufen die Fäden zusammen. Gestresst wirkt die Sozialpädagogin dennoch nicht. Gelassen, aber sehr bestimmt, erteilt sie gerade Anweisungen am Telefon, das an diesem Nachmittag kaum stillsteht. "Ich kann mich privat schon gut abgrenzen von dem Job, das muss man auch!", sagt sie. Natürlich klappe das nicht immer, weil die schweren Schicksale von Familien einem schon auch an die Nieren gingen. Dafür habe man bei positiven Rückmeldungen von Pflegeeltern und Kindern immer wieder ein Glücksgefühl. "Das motiviert mich schon sehr!"

Das Leben der Menschen, mit denen Dittrich und ihre Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe täglich konfrontiert sind, ist kein Ponyhof. Ponyhof ist ein gutes Stichwort, denn Margit Dittrich fährt heute hinaus zu dem Pferdehof im Landkreis Kitzingen, auf dem Michi seit einem Jahr bei erfahrenen Bereitschaftspflegeltern in einer renovierten alten Mühle wohnt. Der 13-Jährige ist einer jener Ausnahmefälle, in denen die sechswöchige Bereitschaftspflege verlängert wurde und nun sogar in eine Dauerpflege umgewandelt  werden soll. Dauerpflege bedeutet eine langfristige, zeitlich unbefristete Vollpflege, wenn die Herkunftsfamilie des Kindes aus verschiedenen Gründen nicht mehr in der Lage ist, die Erziehung und Betreuung wahrzunehmen. Der Kontakt zur Herkunftsfamilie bleibt jedoch häufig bestehen, so ist es auch bei Michi.

Viel Platz und viel Natur sind ideal 

Pferde äugen hinter dem Gatter hervor, Michis Pflegemutter ist passionierte Reiterin, eine Pferdenärrin par excellence – und kümmert sich aktuell um 14 Pferde auf dem Hof. Der gleicht in seiner freundlichen Atmosphäre und Größe einem Traum von Natur und Abenteuer. Doch fest steht auch, meint Dittrich, schönreden müsse sich niemand eine solche Situation. Kaum ein Kind oder Jugendlicher schreie hurra, wenn das Leben einem übel mitspiele, ein neues Zuhause gefunden werden müsse. Dennoch sei eine Atmosphäre mit viel Platz, Natur und Tieren wie hier auf dem Hof optimal. Drinnen im Wohnhaus der Mühle wärmt ein Ofen die große Wohnküche und ja, es klingt kitschig, aber der Duft von frisch gebackenem Apfelkuchen zieht über den Familientisch hinweg. Michis Pflegemutter hat zum Kaffee zwei Kuchen gebacken. Sie strahlt. "Kein Ding, mach ich doch gerne", sagt sie und trommelt alle resolut zusammen, die mit Kaffee trinken möchten.

Eigene Kinder hat das Ehepaar nicht, doch jede Menge Hofbesucher, die alle irgendwie eine große Familie bilden. Es ist ein Kommen und Gehen. Freunde und Dorfbewohner bringen oder holen etwas. Manche wollen nur mal hören, wie es so geht. Andere widmen sich ihrem Hobby. So wie der Ruheständler aus Würzburg, der gerade in seiner kleinen Werkstatt im Schuppen verschwindet, um seine Holzschnitzarbeiten zu vollenden. Platz genug ist ja auf dem Aussiedlerhof.

Ina, die junge Frau aus dem Nachbarort, die täglich bei den Pferden hilft, ist nicht die Einzige, die fröhliche Stimmung verbreitet und gerne mit anpackt. Sie ist eine Art große Schwester für Michi. Geduld und Verständnis für den 13-Jährigen haben alle. Er ist ja auch nicht das erste Pflegekind, das hier wohnen kann. Zimmer genug sind da, es haben sich auch schon Aufenthalte von Kindern überschnitten. "Dann hatten wir eine Geschwister-Situation, da gab es auch mal Streit, aber das war für alle okay und ist ja auch ganz normal", sagt der Pflegevater. Klare Ansagen und ein geregelter Tagesablauf seien wichtig. Das sei keine übertriebene Strenge, eher eine Hilfe, um Situationen besser einzuschätzen und mit ihnen klar zu kommen.

"Mein richtiges Zuhause ist schon bei meiner Mutter. Ich besuche sie ja auch. Aber wohnen werde ich hier. Das finde ich gut so."
Michi (13) lebt bei Pflegeeltern 

Und wo ist jetzt Michi? Er kommt mit Katze auf dem Arm. Michi ist in der Familie angekommen, das kann man sehen. Es wird viel gelacht und gescherzt am Tisch und Michi kuschelt mit der Katze. Klar, so meint er dann, könne er der Reporterin mal sein Zimmer zeigen. Es entspinnt sich ein Gespräch über dies und das und Michi beginnt zu erzählen. Ja, er fühle sich wohl hier. Und wie es aussieht, könne er hier vermutlich auch dauerhaft bleiben. "Mein richtiges Zuhause ist schon bei meiner Mutter. Ich besuche sie ja auch. Aber wohnen werde ich hier. Das finde ich gut so."

Michi will ein Problem in den Griff bekommen

Mit den Pflegeeltern und den anderen auf dem Hof verstehe er sich super. Die Regeln seien streng, es gibt grundsätzlich keinen Fernseher im Zimmer, aber daran, so sagt Michi, gewöhne man sich. Er findet es gut, dass es immer etwas zu tun gebe. "Abhängen oder den ganzen Tag mit dem Smartphone spielen, das geht hier gar nicht." Und das, so meint der Pflegevater, der gerade den Kopf zur Tür rein steckt, sei auch ganz bewusst so entschieden worden. "Kann man aber aushalten, oder?", fragt er Michi und der nickt grinsend. Der Pflegevater strubbelt ihm durch die Haare, macht sich auf den Weg zu den Pferden. "Ich komme gleich nach", meint Michi.

Welche Ziele er habe? Berufswünsche? Michi sagt erstmal nichts, lächelt verlegen. Druckst ein bisschen herum. Aber dann will er schon etwas sagen. "Ich habe mir vorgenommen, dass das mit der Schule besser werden muss." Die Noten? "Nein, ja, die auch, aber ich habe da ein anderes Problem, das will ich den Griff kriegen. Ich bin abgängig, also ich haue einfach ab, wenn mir was stinkt in der Schule." Und dann? Finden ihn die Lehrer? "Nee, ich versteck mich ja." Michi grinst. Unsicher. Er ist kein Draufgänger, keiner, der rumpöbelt. Aber rumhängen und immer gleich abhauen, das sei ja irgendwie auch nicht in Ordnung, sagt er und schaut aus seinem Zimmerfenster, das den Blick freigibt auf Felder und Garten.

Sein Lieblingsplatz draußen ist ein großer Baum, auf den er im Sommer gerne klettert. Dass sein Pflegevater so viel mit ihm werkelt und bastelt und die Pflegeeltern ihn in die Arbeit mit den Pferden und auf dem Hof einbinden, findet er cool. Und mit dem ollen Moped auf dem Hof rumfahren, das ist natürlich erste Sahne. An Motoren basteln oder auf den Boxsack eindreschen auch. Mehr als Reiten, das sei nicht so sein Ding. Das heißt natürlich nicht, dass Michi nichts mit den Pferden anfangen könnte. Nur ein paar Minuten später holt er routiniert einen Eimer mit Möhren aus dem Schuppen, füttert und striegelt die Tiere, die Ina für das Foto in den Hof geführt hat. Die Pflegeeltern sind sichtlich stolz auf Michi, sparen nicht mit Lob. Sie freuen sich über seine gute Entwicklung, die anfangs ganz und gar nicht absehbar gewesen sei. "Es ist schön, dass er bei uns ist. Wir kommen gut klar", sagen sie. Margit Dittrich bestätigt den Eindruck, dass es hier sehr gut läuft. "Wir streben eine dauerhafte Lösung für Michi an."

Grenzen setzen, konsequent sein

Und schon wieder klingelt das Handy. Meist sind es Kollegen, die bei Dittrich anrufen. Die kurz Rücksprache halten wollen, sich absichern möchten vor einer Entscheidung. Oder die wissen wollen, welche Maßnahme jetzt angeordnet werden soll, wenn eine Regel von einem betreuten Kind oder Jugendlichen wiederholt gebrochen worden ist. Grenzen setzen hat im Arbeitsumfeld der Kinder- und Jugendhilfe eine ganz besondere Bedeutung. Konsequenzen müssen gezogen werden, will man den Schützlingen helfen, ihren Weg zu gehen. Aber auch organisatorische Fragen müssen geklärt werden.

"Natürlich entwickelt man ein Gespür dafür, zu welcher Pflegefamilie dieses oder jenes Kind in einer bestimmten Situation am besten passen würde." Bei Michi war schnell klar, dass seine Chance bei den Pflegeeltern auf dem Pferdehof liegt. Wenn Kinder in  Obhut genommen werden müssen, sind die Probleme in der Herkunftsfamilie schon so erdrückend, dass das Wohl des Kindes gefährdet ist. "Manchmal", sagt Dittrich, "wenden sich Jugendliche auch direkt an uns."

"Manche Kinder haben schlimme Dinge erlebt, die lassen sich nicht einfach so wegwischen. Dann ist das Ankommen in einem überschaubaren Umfeld wie einer Pflegefamilie tröstlich."
Margit Dittrich, pädagogische Leiterin Diakonie Würzburg    

Vernachlässigung durch Überforderung der Eltern gehört zu den Gründen für ein Eingreifen seitens der Behörde, aber auch Misshandlung und sexueller Missbrauch seien immer wieder dabei. Die Kinder sollten in so einer akuten wie extrem belastenden Situation nicht unmittelbar in eine langfristig angelegte Maßnahme wie einen Heimaufenthalt genommen werden. "Manche Kinder haben schlimme Dinge erlebt, die lassen sich nicht einfach so wegwischen. Dann ist das Ankommen in einem überschaubaren Umfeld wie einer Pflegefamilie tröstlich", sagt Dittrich.

Wichtig ist Margit Dittrich vor allem eines: "Es wird nie eine Pflegefamilie von uns alleine gelassen! Wir fahren regelmäßig vor Ort, schauen, wie es allen geht mit der neuen Situation." Ihr Team sei zudem Tag und Nacht erreichbar und sofort da, wenn es aus irgendeinem Grund schwierig werde. "Wir betreuen die Pflegefamilien ganz engmaschig. Und wenn es nicht klappt, das Kind die Belastbarkeitsgrenzen sprengt, die Chemie überhaupt nicht stimmt, dann muss auch niemand die Zeit überstehen, denn das wäre für keine Seite gut", erklärt die Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe – und schaut kurz auf ihr Handy. Jeder Anruf könnte eine Nachricht von einem unterfränkischen Jugendamt sein. Mit der Bitte um Hilfe für ein Kind in höchster Not.

Familienhilfe der Diakonie Würzburg
Die Wohngruppen, Erziehungsstellen und Familienwohngruppen, in die die in Obhut genommenen Kinder und Jugendlichen gegeben werden, liegen in der Stadt und im Landkreis Würzburg, im Raum Miltenberg/Amorbach, in Schweinfurt und im Landkreis Haßberge. Die Unterbringung auf Zeit (max. sechs Wochen) in Bereitschaftspflegefamilien oder Wohngruppen verschafft kurzfristige Hilfe und Entlastung, sorgt bei Bedarf für den Schutz des Kindes und gibt Raum, eine Zukunftsperspektive mit allen Beteiligten zu entwickeln. Pflegefamilien werden ausführlich eingearbeitet und bekommen eine intensive Fachdienstbegleitung.
Kontakt: Margit Dittrich
Tel.: 0931 250 80-293
Fax: 0931 250 80-25
E-Mail: dittrich.jugendhilfe@diakonie-wuerzburg.de

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