ABTSWIND/ KITZINGEN

Begehrter Stoff: Kunstrasen

Wetterunabhängig und pflegeleicht - Bald gibt es zwei Kunstrasenplätze im Landkreis
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Baubeginn war am 12. März, vor Ort wurden die Pläne noch einmal begutachtet. FOTO Alexander Mix Foto: Alexander Mix
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Es ist fast wie ein kleiner Wettbewerb. Beinahe gleichzeitig haben der TSV Abtswind und die Stadt Kitzingen im Frühjahr begonnen, je einen Kunstrasenplatz anzulegen. Mittlerweile sind beide Plätze so gut wie fertig. Noch im Juni ist die Eröffnung im Kitzinger Sickergrund geplant, der Startschuss in Abtswind folgt in Kürze. Die beiden Spielfelder sind bisher einzigartig im Landkreis. „Ein Segen für die Vereine“, sagt Manfred Marstaller, Sportreferent der Stadt Kitzingen.

Wer noch nie einen Kunstrasen aus der Nähe gesehen und begutachtet hat, ist bei bei der Erstbegehung überrascht. Klar, der Geruch von echtem Gras fehlt – der nagelneue grüne Teppich duftet nach Plastik. Aber optisch hat man durchaus den Eindruck, auf frischem Grün zu stehen. Weich und biegsam fühlen sich die vier Zentimeter langen Kunstgrashalme an, die auf einen elastischen Gummiboden geknüpft sind.

Jürgen Pfau kennt das Gefühl, darauf Fußball zu spielen. „Die Qualität des Kunstrasens hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert.“ Die Industrie habe in jüngster Zeit viel Entwicklungsarbeit geleistet. „Auf modernen Plätzen spielt es sich fast wie auf Naturrasen“, stellt der Bezirksvorsitzende des Fußballverbands Unterfranken fest. Von einem großen Trend will der Vizepräsident des Bayerischen Fußballverbandes nicht sprechen, betont aber: „In der Tat sind in den letzten Jahren vermehrt Kunstrasenplätze entstanden.“ Pfau bewertet das positiv: „So kann Fußball wetterunabhängiger gespielt werden.“

Manfred Marstaller, Sportreferent im Kitzinger Stadtrat, sieht das genauso. Natur- und Hartplätze seien gerade in der Vorbereitungszeit im Frühjahr oft unbespielbar – „das ist ein großes Problem für die Vereine“. Viele Kitzinger Fußballer sind deshalb zum Teil sehr weit gefahren, um auf Kunstrasen trainieren zu können. „Ich bin mit meiner U15-Jugend vor ein paar Jahren immer nach Oberdürrbach zum Training gefahren. Unser alter Hartplatz im Sickergrund war zu der Zeit entweder hart wie Beton oder bestand aus Eisseen. Da konnte man nicht drauf.“

Auf Kunstrasen dagegen könne man selbst bei Winterwetter trainieren – eine Schneeschicht etwa könne mit einem Spezialfahrzeug schnell vom Platz geschoben werden. Auch Manfred Marstaller schwärmt von der Qualität des Kunstrasens: „Früher war der knüppelhart und richtig scharf, da konnte man sich schon mal das Trikot zerschneiden. Später, in den 80er und 90er Jahren, sind die Halme länger geworden und der Untergrund gelenkschonender. Und die neueste Kunstrasengeneration ist ganz schonend für die Gelenke.“

Am 30. Juni wird das 650 000 Euro teure Feld im Sportzentrum Sickergrund eingeweiht. Marstaller stellt klar: „Alle Kitzinger dürfen den Platz nutzen, wenn sie sich angemeldet haben und die entsprechende Gebühr zahlen. Der Platz wurde mit Zuschüssen der Regierung gebaut, im Rahmen des Projektes Soziale Stadt Kitzingen.“ An freien Terminen soll der Platz auch an auswärtige Vereine vermietet werden. 20 Jahre könne er bei guter Pflege locker halten.

Und der Umweltaspekt? Mikroplastik ist derzeit – im doppelten Sinn – in aller Munde und das Gummigranulat des Kunstrasens wird meist aus Altreifen hergestellt, deren Abrieb Böden und Wasser belastet. „Klar kommt viel Kunststoff zum Einsatz“, sagt Marstaller, fragt aber zugleich: „Was ist schädlicher? Der Kunstrasen, durch den man ja auch Wasser und Düngemittel spart, oder die weiten Fahrten zu anderen Trainingsplätzen?“

In Abtswind kennt man solche Gedanken. Unterhalb des Friedrichsbergs wurde die vage Idee einiger Sportler, einen Kunstrasenplatz zu bauen, Anfang 2017 konkreter, als sich ein Sponsor dafür zu Wort meldete: Unternehmer Christoph Mix. Unumstritten war das Projekt dennoch nicht. Immerhin ging es insgesamt um 975 000 Euro, wobei 350 000 für den Neubau des Funktionsgebäudes und 25 000 Euro für die Flutlichtanlage veranschlagt wurden. Die Kosten für den reinen Kunstrasenplatz wurden auf 600 000 Euro geschätzt.

Bei einer – allerdings nicht repräsentativen – Umfrage stimmten vergangenes Jahr gerade mal 52 Prozent der Abtswinder für den Bau. Der Gemeinderat gab schließlich grünes Licht für das Projekt, nachdem Christoph Mix versprochen hatte, die Hälfte des gemeindlichen Zuschusses aus eigener Kasse zuzuschießen. „Der Verein wird durch die Finanzierung nicht belastet“, stellt Diplom-Ingenieur Günter Markert vom TSV Abtswind klar. 400 000 Euro trägt die Gemeinde, 200 000 Christoph Mix. Weitere 243 000 Euro kommen vom Bayerischen Landessportverband. Der Rest wird durch Eigenleistung der Ehrenamtlichen erbracht. Diese haben gleich zu Beginn den gesamten Bodenaushub in Eigenregie gestemmt. „Wir haben auf der einen Seite 70 Zentimeter rausgebaggert und auf der anderen Seite aufgefüllt“, berichtet Markert.

Vergangene Woche arbeiteten eine holländische Spezialfirma und die heimischen Ehrenamtlichen Hand in Hand. Auf einer 25 Zentimeter dicken Schotterschicht inklusive Drainage wurde wasserdurchlässiges, elastisches Material aufgebracht, genau 3,5 Zentimeter dick. Darauf rollten die Männer die grünen Kunstrasenteppiche aus. Die weißen Markierungslinien wurden freigeschnitten und mit exakt vier Zentimeter hohem, weißem Kunstgras ausgefüllt.

Zum Schluss wird auf jeden Kunstrasen Sand und Granulat aufgebracht. Das Gemisch soll Lage, Wasserdurchlässigkeit, Schrittdämpfung und Ballrollverhalten optimieren. Die kleinen Körnchen, die es aus Gummi, Kork und anderen Materialien gibt, müssen im Lauf der Zeit erneuert werden.

„Wenn man heute Spitzenfußball spielen will, braucht man ideale Bedingungen“, sagt Günter Markert. Der Ingenieur hat seinen Ruhestand 2017 quasi vorübergehend ausgesetzt, um den Kunstrasenplatz zu planen und den Bau auf den Weg zu bringen. Er erinnert sich noch gut daran, dass die 1. Mannschaft des TSV sich in der Vergangenheit zwischen Mitte Januar und Anfang März auf dem Kunstrasenplatz in Estenfeld eingemietet hatte. Zweimal wöchentlich fuhren die Sportler zum Training in den Landkreis Würzburg – „ein Mordsaufwand“. Aber ohne dieses Training wäre die Mannschaft womöglich nicht aufgestiegen. Kommende Saison spielt der Verein in der Bayernliga. „Ein Kunstrasenplatz ist ein echter Wettbewerbsvorteil“, ist Markert sicher. „Und der Pflegeaufwand reduziert sich auf etwa ein Drittel im Vergleich zum Naturrasen.“

Auf dem Abtswinder Platz wird künftig nicht nur die 1. Mannschaft trainieren, sondern auch der Nachwuchs. Dessen (kleinere) Spielfelder sind mit blauen und roten Linien gekennzeichnet. Korball-Linien sind auch eingezeichnet, in Gelb. „Im Prinzip wie in jeder Sporthalle“, sagt Markert. Ob der Platz auch an fremde Vereine vermietet werden soll, wird in Abtswind noch diskutiert.

Keine Trainingspausen mehr

Jürgen Pfau vom BFV ist sich sicher: Der dominierende Untergrund für Fußballfelder in unserer Region wird Naturrasen bleiben. „Der Kunstrasen wird den Naturrasen nicht verdrängen, aber er wird ihn gut ergänzen.“ Vor allem wird er dafür sorgen, dass auch in den Wintermonaten und bei schlechtem Wetter gespielt und trainiert werden kann. Zwangs-Trainingspausen werden dann der Vergangenheit angehören.

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Mehr Bilder: www.inFranken.de

Platzeinweihungen

Kitzingen: Die Platzeinweihung im Kitzinger Sportzentrum Sickergrund ist für Samstag, 30. Juni, vorgesehen. Bis dorthin soll mit dem Austausch der Leuchten auch die Erneuerung der Flutlichtanlage beendet sein. Vereine und Gruppen, die den Platz nutzen möchten, können sich an Anne Baumüller von der Stadtverwaltung wenden: Tel. 09321/20-1303.

Abtswind: Ab Juli wird der Platz bespielbar sein. Mitte/Ende August sein soll die offizielle Einweihung gefeiert werden. Im Winter soll das neue Funktionsgebäude errichtet werden (nach Abriss des alten); dessen Eröffnung ist fürs Frühjahr 2019 geplant.

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