"Lautstärke ist kein Argument"

Wortakrobatin: Die Deutsche Meisterin im Debattieren ist eine 28-Jährige aus Würzburg. Sie diskutiert über (fast) alles
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Brett vorm Kopf? Höchstens der Gegner... Dafür sorgt Marlen Wehner, die Meisterin im Diskutieren. Foto: Foto: WEHNER
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Marlen Wehner mag Abenteuer. Allerdings begibt sich die Würzburgerin dafür nicht in den Dschungel, nicht auf hohe Berge oder in tiefe Schluchten, sondern einfach auf eine Bühne. Dort ist es ihr egal, wer sich ihr gegenüberstellt – die 28-Jährige wird siegen. Allein mit Worten. Zuletzt war das jedenfalls so. In Singen am Bodensee fand während der Bundeskonferenz der Wirtschaftsjunioren auch ein ganz besonderer Wettstreit statt: die Deutsche Meisterschaft im Debattieren, international „Debating“ genannt. Im Team mit Sabine Steinert (Fürth) und Florian Karcher (Saarbrücken) eroberte Marlen Wehner die Krone der besten Wortakrobaten. Das Trio überzeugte, indem es einer „Grammatik-Polizei in Franken“ eine klare Abfuhr erteilte. „Mal ehrlich, was wäre Franken ohne fränkischen Dialekt?“

FRAGE: Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, dass es Debating überhaupt gibt. Was genau ist das?

Marlen Wehner: Es ist ein Redesport vor Publikum. Ein drei Mann starkes „Pro“-Team tritt gegen ein Dreier-Team „Contra“ an. Wer Pro und wer Contra ist, wird per Münzwurf ausgelost. Die Trios bekommen ein Thema zugeteilt, das sie in einer bestimmten Zeit diskutieren müssen. Nach kurzer Vorbereitung kommen Pro und Contra abwechselnd zu Wort. Eine Jury entscheidet am Ende, welche Mannschaft die bessere war, erklärt, weshalb und macht – im Training – Verbesserungsvorschläge für künftige Debatten.

Um welche Themen geht es denn da so?

MARLEN WEHNER: Im Training sind es meist lustige Themen wie „Bier sollte blau sein“ oder „Gibt es ein Recht auf Faulheit?“. Während der Wettkämpfe geht es dann ernster, aber dennoch spannend zu, etwa bei Themen wie „Muss die UN-Charta geändert werden?“.

Klingt fast wie eine politische Debatte.

WEHNER: Da gibt es durchaus Ähnlichkeiten. Unser Sport ist ein gutes Training für den beruflichen Alltag, in dem man ja auch oft seine Position vehement vertreten muss, wenn man etwas erreichen will.

Kann man das lernen?

WEHNER: Auf jeden Fall! Man kann ganz viel aus sich herausholen, wenn man es erst einmal versucht. Es geht quasi darum, den Grips, den man zwischen den Ohren hat, möglichst gut an den Mann zu bringen – mit Hilfe der richtigen Mimik, Gestik, Tonlage, der ganzen Körpersprache. Ich selbst gebe regelmäßig Trainings-Einheiten für interessierte junge Unternehmer und Führungskräfte im Rahmen des Wirtschaftsjunioren-Netzwerks. Die genannten Techniken kann jeder lernen, genau wie gutes Argumentieren und Timing.

Und das fließt beim Debating alles in die Bewertung durch die Jury ein?

WEHNER: Ja, auch das Zusammenspiel im Team und der faire Umgang mit den Gegnern ergeben Punkte.

Gibt es Tricks, wie man die Jury auf seine Seite bekommt?

WEHNER: Tricks? Nein. Vor allem geht es beim Debating darum, glaubwürdig zu sein, authentisch. Das perfekte Argument gibt es ebenso wenig wie den idealen Redner oder die eine, einzige Erfolgsstrategie. Die Debatte entwickelt sich ja immer weiter. Durch die abwechselnden Sprechzeiten von Pro und Contra bleibt sie sehr lebendig und dynamisch. Wichtig ist, sich ins Gegenüber hineinzuversetzen und auf dessen Einwände zu reagieren. Das macht es fürs Publikum kurzweilig.

Darf das Publikum mitentscheiden, wer das bessere Team ist?

WEHNER: Nein, aber ähnlich wie beim Impro-Theater tut es durch Beifall oder Zwischenrufe Begeisterung oder Ablehnung kund – von „sehr richtig!“ bis „unerhört!“.

Wie lange können sich die Trios auf die Debatte vorbereiten?

WEHNER: Bei den Wirtschaftsjunioren läuft es so: Man bekommt das Thema genannt und hat dann 15 Minuten Zeit, bis die Debatte beginnt. In dieser Viertelstunde schaut man, dass alle drei Team-Mitglieder auf dem gleichen Wissensstand sind und teilt ein, wer erster, zweiter und dritter Redner wird und wer welche Argumente bringt, je nach Vorwissen und Vorlieben. Immerhin muss jeder Redner zwei bis drei Minuten allein auf der Bühne seinen Mann – oder seine Frau – stehen.

Haben die drei Redner unterschiedliche Aufgaben?

WEHNER: Der erste Redner, der Captain, führt aufs Thema hin, stellt die Position der Gruppe vor und leitet deren Argumentationslinie ein. Der nachfolgende Redner entkräftet die Argumente des Vorredners der Gegenpartei und bringt eigene Argumente. Die letzten Redner beider Parteien versuchen noch einmal mit Argumenten zu punkten, bevor die Captains im Schlussplädoyer die Haltung ihrer Teams bekräftigen.

Gibt es Themen, mit denen man Sie aus der Fassung bringen könnte?

WEHNER: Also, mir ist wenig peinlich, von daher kriege ich auch kaum die Flatter – egal, was kommt. Bei Fußball-Themen hätte ich wenig Ahnung. Aber dann würde ich halt die genervte Hausfrau mimen. Grundsätzlich kann man alle Themen diskutieren – so lange Höflichkeit und Respekt gewährleistet bleiben. Aber es gibt schon Themen, die weniger geeignet sind. Religion etwa.

Wie kommt man eigentlich zum Debattieren?

WEHNER: Ich bin durch die Wirtschaftsjunioren dazu gekommen, es gibt aber auch studentische Debattiergruppen, manchmal wird sogar in Schulen professionell debattiert. Ich wollte das mal ausprobieren – und war von der Atmosphäre begeistert. Egal, ob man gewinnt oder verliert: Danach feiert man miteinander. Viele kennt man irgendwann von früheren Veranstaltungen, etwa der EM im finnischen Tampere.

Wie haben Sie dort abgeschnitten?

WEHNER: Da wurde ich mit meinem Team Vize-Europameister.

Was hat Ihnen Ihre Diskussionserfahrung für Ihr Leben gebracht?

WEHNER: Viel! Ich habe gelernt, dass Lautstärke kein Argument ist. Ich merke an der Körpersprache und der Stimme, was bei meinem Gegenüber los ist. Außerdem habe ich gelernt, dass es nicht nur „die eine Lösung“ für ein Problem gibt, sondern dass oft Kompromisse nötig sind.

Sie bieten auch Debating-Training an. Weshalb? Und für wen?

WEHNER: Für alle jungen Unternehmer und Führungskräfte, die Interesse daran haben, ihr Auftreten und ihre Kreativität in Diskussionen zu schulen. Ich mag es einfach, Leute sicherer im Umgang mit anderen zu machen. Es ist schön zu sehen, wenn jemand sich eine eigene Meinung bildet und sich dann auch traut, für sich und seine Werte einzustehen.

Lust zum Debattieren?

Debating: Das Dabating bei den Wirtschaftsjunioren, ebenso wie beim internationalen Dachverband JCI (Junior Chamber International), erfolgt in erster Linie in regionalen Arbeitskreisen oder Clubs. Diese werden von Junioren für Junioren organisiert und in aller Regel kostenfrei angeboten. Das Highlight sind die auf Landes- und Bundesebene sowie global durchgeführten Meisterschaften (fester Programmpunkt bei Konferenzen). Dort treten die Debater vor einem gespannten Publikum in Wettstreit. Die Sieger werden bei einer Awards Ceremony feierlich gekürt.

Wirtschaftsjunioren: Das sind 10.000 Unternehmer und Führungskräfte in Deutschland unter 40 Jahren. Sie sind als größtes Netzwerk junger Wirtschaft in Deutschland mit rund 210 Mitgliedskreisen vor Ort präsent.

Ansprechpartner: Marlen Wehner ist nicht nur begeisterte Debaterin, sondern auch 2017 die deutsche Trainingsbeauftragte für das Thema. Bei ihr kann man unter debating@wjd.de alle Informationen über Termine für Training und Meisterschaften erfragen. Wehner ist zudem Regionalsprecherin der Wirtschaftsjunioren in Unterfranken (Kontakt: www.wjd.de und www.wjbayern.de).

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