"Behindert ist kein Tabu-Wort"

Mosaik feiert mit einem "Special" Geburtstag. So wie es sich für Spezialisten gehört.
Artikel drucken Artikel einbetten
steffi list und christian schmitt foto diana fuchs
… und heute: Steffi List und Sänger Christian Schmitt sind ein gutes Team. Foto: Diana Fuchs
+14 Bilder

Christian Schmitt kann seine Beine nicht bewegen. Auch seine rechte Hand macht nicht immer, was sie soll. „Sauerstoffmangel bei der Geburt“, lautet die lapidare Erklärung des gebürtigen Kitzingers, wenn man ihn fragt. Doch der 31-jährige Peter-Maffay-Fan, der in den Mainfränkischen Werkstätten arbeitet, braucht keine Beine, um glücklich zu sein. Dafür hat er seine Stimme.

Stimmgewaltig ist auch Manuel Seitz aus dem Seinsheimer Ortsteil Iffigheim, der mit seinem markanten Tenor perfekt Elvis Presley imitiert und ebenfalls von Geburt an eine Behinderung hat: Seine Feinmotorik funktioniert nicht so toll. Was soll?s: Auch der 34-Jährige, der im Sommerhäuser Wildpark arbeitet und in Tiefenstockheim sowie Seinsheim in Chören singt, blüht voll auf, sobald er ein Mikrofon in der Hand hält und mit seiner Band Mosaik auf der Bühne steht.

Der Name Mosaik ist Programm, ebenso wie die Songtitel „Tu es einfach“ oder „Brücken bauen“. 19 Band- und Crew-Mitglieder mit und ohne Handicaps formieren sich um Steffi List, die Rockröhre aus Schweinfurt, die vor neun Jahren in einer Castingshow von Stefan Raab zum Star wurde. Sie ist die einzige Profimusikerin. Ansonsten stehen hinter dem Projekt Hobbymusiker mit unterschiedlichsten Berufen. Zusätzlich zu den Proben kümmern sie sich um Organisation, Logistik und um ihre behinderten Musikerkollegen. Zum 5. Geburtstag der Band blicken Steffi List, Peter Estenfelder (Sound-Mischer/ Technischer Leiter der Mainfränkischen Werkstätten) sowie die Sänger Manuel Seitz, Christian Schmitt und Freddy Calloway zurück und nach vorn.

Was haben Dieter Bohlen und Bruce Darnell mit Mosaik zu tun?

Christian Schmitt: Einige Leute aus unseren Werkstätten wollten gerne mal zur Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ fahren. Doch die Betreuer Peter Estenfelder und Antje Arlt fanden, dass die Mainfränkischen Werkstätten ihren eigenen Superstar-Wettbewerb veranstaltet könnten.

Peter Estenfelder: Der erste fand 2008 statt. Danach haben uns die Mitarbeiter gelöchert, wann es eine Wiederholung gibt. Also haben wir 2010 eine große Talentsuche in allen Werkstätten ausgerufen. 60 Leute stellten sich der Jury.

Und dort saß Steffi List?

Christian Schmitt: Bei den Final-shows, genau. Sie hat die zehn Finalisten musikalisch unterstützt.

Peter Estenfelder: Wir hatten ihr einfach eine Mail geschrieben. Einen Tag später kam kurz und knapp zurück: „Geile Sache. Bin dabei.“

Christian, Du hast damals gewonnen.

Christian Schmitt: Ja. Meine Oma war sehr musikalisch. Schon als Bub habe ich zu ihrem Orgelspiel gesungen. Später war ich Sänger der Schülerband im Zentrum für Körperbehinderte. Als die Schulzeit zu Ende ging, war ich richtig traurig...Das mit dem Casting war für mich dann super! Und das Supertalent auch.

Du meinst Deinen und Freddys Auftritt in der TV-Show Supertalent?

Christian Schmitt: Ja, das Supertalent 2015 war eine total gute Erfahrung. Dieter Bohlen war sehr nett. Inka Bause hat vor Rührung geweint, Bruce Darnell hat uns geherzt.

Damals gab es Mosaik ja schon. Wie ist die Band eigentlich entstanden?

Peter Estenfelder: Den allerersten Auftritt hatten einige von uns im Herbst 2011 bei der „Nacht der Toleranz“. Die Menschen haben Christian und Steffi zugejubelt. Direkt an diesem Abend hat Steffi in der Umkleide gefragt: „Leute, gründen wir eine Band?“ Im Februar 2012 entstand dann ganz offiziell Mosaik.

Wie hat sich Euer Leben seither verändert?

Manuel Seitz: Ich bin selbstbewusster geworden. Es ist ein Supergefühl, zusammen auf der Bühne zu stehen. Die Band ist wie eine Familie.

Freddy Calloway: Früher habe ich wegen meiner Behinderung oft abwertende, abweisende Blicke geerntet. Inzwischen haben viele Leute erkannt, dass ich zwar nicht so gut laufen kann, sonst aber was drauf habe.

Steffi List: Ich hatte vor Mosaik kaum Kontakt zu behinderten Menschen. Mittlerweile ist es für mich normal, mit Handicaps umzugehen. Ich bin viel geduldiger geworden, habe gelernt, dass nicht alles sofort und gleich passieren muss.

Für manche Menschen ist „behindert“ ein Tabu-Wort. Wie seht Ihr das?

Manuel Seitz: Warum soll man nicht „behindert“ sagen?

Peter Estenfelder: Behinderte gehen völlig normal mit dem Wort um, nur „die anderen“ machen Tamtam. Man muss Dinge doch beim Namen nennen dürfen!

Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?

Peter Estenfelder: Dass jeder Mensch so akzeptiert wird, wie er eben ist. Wenn man so will, gibt es „den Normalen“ ja gar nicht. Wie hat es früher in der Werbung geheißen: „Sind wir nicht alle ein bisschen bluna?“

Christian Schmitt: Das einzige, was mir fehlt, ist eine Freundin. Ansonsten hoffe ich, dass es mit der Musik noch ganz lange weitergeht.

Du wünscht Dir also gar nicht, laufen zu können?

Christian Schmitt: Ich sitze von Geburt an im Rollstuhl, ich bin daran gewöhnt und damit zufrieden, wie es ist. Falls eine Bühne keine Rampe hat, dann hebt mich meine „Zweitfamilie“ schon hoch.

ONLINE-TIPP

Mehr Bilder unter www.inFranken.de

Fünf Jahre Inklusion in Moll und Dur

Fünfjähriges: Am Samstag, 29. April, feiert Mosaik von 13 bis 19 Uhr im Weingut Fesel in Würzburg-Heidingsfeld seinen 5. Geburtstag im Rahmen einer Charity-Veranstaltung für die Würzburger Kindertafel, bei der auch Andreas Kümmert, Michael Hirte und „Teufelsgeiger“ Florian Meierott auftreten. Erstmals wird es das 2. Mosaik-Album zu hören und zu kaufen geben. Neben dem Song von Peter Maffay „Ich wollte nie erwachsen sein“, mit dem Christian und Freddy beim Supertalent aufgetreten sind, wird noch ein zweiter Welthit mit deutschem Text auf der CD sein. Infos: www.primawue.de

Weitere Gigs: 13. Mai, 18 Uhr, Elsenfeld: Konzert bei Lebenshilfe; 17. Mai, 20 Uhr, Würzburg, Boxhorn, mit Rainer Schmitt, 21. Mai, 15 Uhr, Altdorf, Konzert in den Rummelsberger Werkstätten; 23. Juni, 14 Uhr, Eschwege, Sommerfest in den Werralandwerkstätten; 8. Juli, 14 Uhr, Münnerstadt, Stadtfest; 4. November, 20 Uhr, Frankenthal, Steps4Charity (RTL-Spendenmarathon).

Alle Infos: www.mosaik.mfwsds.de oder auf Facebook: www.facebook.com/mosaik.feat.steffi.list

Zu Mosaik gehören: Christian Schmitt, Ochsenfurt (Gesang), Manuel Seitz, Iffigheim (Gesang), Steffi List, Schweinfurt (Akustikgitarre, Gesang) sowie aus Würzburg Bruce Gardner (Schlagzeug), Antje Arlt (E-Piano, Querflöte, Gesang), Freddy Calloway (Gesang, BeatBox), Manuel Ziegler (E-Gitarre), Rainer Kraus (E-Gitarre, Saxophone, Schlagzeug), Harald Bäcker (Bass, Mundharmonika) und Benjamin Baumbach (der „Zug“ beim Song „Gemeinsam“ und CD-Verkäufer)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren