NORDHEIM

Auf Rollen über die Weininsel

Auf der Weininsel gedeiht ein besonderes soziales Projekt. Eine Gruppe junger Menschen hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Skateboarding in Mainfranken zu fördern.
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Tobias Hauck, einer der Hauptorganisatoren, bringt Erfahrung aus der Jugendarbeit mit in die Gruppe. Foto: Fotos oben: Johannes Kiefer
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Dumpf schallt das Klacken von Plastikrollen auf Holz über die Mainwiesen im spätsommerlichen Nordheim (Lkr. Kitzingen). Es ist Sonntag. Und Sonntag ist hier Skate-Tag. Während vor den Winzerhöfen Weintouristen ihre Fahrräder parken, schnappt sich der neunjährige Lukas Ziegler in einer Scheune am Mainufer sein Skateboard und wirft sich in die Rampe. Er rollt vor, zurück, kontrolliert sein Brett in der Schräge gekonnt für jemanden, der erst vergleichsweise kurz Skateboard fährt.

Lukas kommt aus dem knapp 70 Kilometer entfernten Bad Bocklet, verbringt aber seit fast einem Jahr viele Sonntagnachmittage auf der Weininsel – weil er Skateboard fahren möchte und hier neue Freunde gefunden hat. „Das ist natürlich schon mit Aufwand verbunden“, sagt seine Mutter. „Aber das hier ist einzigartig, die hängen sich hier einfach voll rein, denen ist nichts zu viel.“ Mit „denen“ meint sie eine Gruppe von jungen Menschen aus dem Nordheimer Umkreis.

Das „Skate'n'Rock“ ist fest verwurzelt

Seit neun Jahren veranstaltet die Gruppe in Nordheim das „Skate'n'Rock-ConFest“ – eine Mischung aus Skateboard-Contest, Familienfest und Musikfestival. Die Veranstaltung hat sich mittlerweile zur festen Institution in der Region entwickelt. Für das „ConFest“ bauen die Skater Jahr für Jahr neue Rampen. Und im vergangenen Winter haben sie kurzerhand eine ehemalige Winzerscheune unweit des Skateparks übernommen und in Eigenregie in eine Skatehalle umgewandelt, um auch unabhängig vom Wetter auf dem Brett stehen zu können.

Und dann ist da eben der offene Skate-Treff, an dem Lukas teilnimmt: Seit gut einem Jahr findet der Skate-Treff in regelmäßigen Abständen – mittlerweile wöchentlich – für Anfänger und Fortgeschrittene statt. Die Resonanz kann sich sehen lassen: „Es sind eigentlich immer mindestens zehn Kinder da“, sagt Hubi Dötsch, einer der Initiatoren. „Letzte Woche waren es sogar fast 40“, fügt er hinzu und lehnt sich nicht ohne Stolz in seinem Klappstuhl nach vorne.

„Das Ganze ist aus einem integrativen Skateprojekt entstanden“, erklärt Dötsch. Die Gruppe wollte im vergangenen Jahr einen Beitrag zur Integration leisten und Kindern und Jugendlichen – egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund – ein weiteres Sportangebot bieten. Natürlich würden hier etwa auch Fußballvereine viel leisten, sagt er. „Es hat aber nicht jeder Lust auf Fußball.“ Die meisten Kinder kämen direkt aus der Region. Aber es würden auch immer mehr – wie Lukas – von weiter weg kommen.

Beim Skaten lernt man Selbstvertrauen

Skateboarding gilt gemeinhin als eher urbaner Sport. Typischerweise vermutet man einen Skater eher auf Großstadtasphalt als im ländlichen Mainfranken zwischen Mainfähre und Weinbergstraktor. Dass das aber nicht mehr als ein Klischee ist, wird in Nordheim schnell klar.

„Das ist eine sehr kreative Sportart“, erklärt Dötsch. „Skaten hilft einem, sich selbst zu verwirklichen und man lernt Selbstvertrauen.“ Das kann Carolin Düll bestätigen. Sie steht selbst erst seit knapp einem Jahr auf dem Skateboard, hat sich aber schnell im Skate?n?Rock-Team engagiert und geholfen, die Halle umzubauen. Jetzt bietet sie Hilfestellung für skateinteressierte Mädchen und Jungen beim Skate-Treff.

„Man kann richtig zusehen, wie die Kids sich verändern, wenn sie öfter hier sind“, sagt Düll. „Wie sie selbstsicherer werden, immer mehr Spaß auf dem Brett haben.“ Und man lerne, sagt sie mit einem Blick auf ihre blaubefleckten Knie, auch wieder aufzustehen, wenn man mal hinfällt, weil das gehöre beim Skaten einfach dazu.

Vom Hobby zum Verein

Der Sport schweißt den Freundeskreis zusammen, es ist eine eingeschworene Gemeinde. Aber eines ist den Nordheimer Skatern elementar wichtig: „Hier ist wirklich jeder willkommen“, sagt Dötsch, der nebenbei Konzerte im nahen Volkach organisiert. „Wir haben hier alles vom Hartzer bis zum Uni-Professor.“ Wer möchte, dürfe sich sofort einbringen.

2015 ist aus den Hobby-Projekten ein eigener Verein entstanden, der „Skate'n'Rock e.V.“ mit mittlerweile 75 Mitgliedern. So sollte die ehrenamtliche Sozialarbeit noch mal auf neue Füße gestellt werden. Und dabei kann sich das Skate'n'Rock-Team darauf verlassen, dass Nordheim hinter ihnen steht. „Wir sind hier nie auf Widerstand gestoßen“, sagt Dötsch.

Der Verein plant nun schon wieder das nächste große Projekt. Nach der neuen Skatehalle steht eine neue, große Rampe im Freien an: zehn auf 20 Meter groß soll sie werden. Direkt gegenüber von der Skatehalle. Gut, dass die Vereinsmitglieder nicht nur Skater und Sozialarbeiter, sondern auch Handwerker sind: Vom Technischen Zeichner über den Schlosser bis hin zum Schreiner ist beinahe jedes Handwerk vertreten. „Jeder hat halt so seine Aufgaben“, sagt Dötsch.

Spenden machen „Skate'n'Rock“ möglich

Aber auch wenn die Mitglieder die Arbeit ehrenamtlich erledigen, kostet so ein Projekt viel Geld. „Vereinsbeiträge und Spenden helfen uns sehr bei der Vorfinanzierung von Veranstaltungen und machen alles planbarer und entspannter“, sagt Tobias Hauck, Vereinsvorsitzender und einer der Hauptorganisatoren aller Skate?n?Rock-Projekte. „So muss keiner von uns mehr mit privatem Risiko Geld vorstrecken wie früher, was bei Schlechtwettermeldungen immer sehr nervenaufreibend war.“

Tobias Hauck hat selbst viel Erfahrung beim Projekt „Integration durch Sport“ gesammelt und bringt diese Erfahrung nun seit Jahren auf die Weininsel. Er kommt ursprünglich aus dem benachbarten Sommerach: „Wir hatten früher nichts zum Skaten, keinen geeigneten Platz und kein Geld für Baumaterial.“ So etwas wie offene Jugendarbeit habe es eigentlich auch nicht gegeben, fügt Hauck hinzu. „Klar hätten wir uns da einen Ansprechpartner und Vermittler gewünscht, der sich kümmert und von den Erwachsenen und Entscheidungsträgern ernst genommen wird, um die Interessen der Jugend zu formulieren.“

Diese Rolle hat sich der Verein – oder wie Tobias Hauck es nennt: die Skate'n'Rock-Familie – zur Aufgabe gemacht. Mit den Füßen auf dem Rollbrett und dem Blick für die ländliche Struktur. „Wenn ich mit 16 solche Möglichkeiten gehabt hätte“, sagt Hubi Dötsch mit einem Lächeln. Und Carolin Düll fügt an: „Die Kids haben sie jetzt.“

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