AMSTERDAM/KITZINGEN

Auch Kronprinz beklatscht das Lob für Kitzingen

Die weltbesten Pressefotos werden jedes Jahr zuerst in Amsterdam ausgestellt. Warum Kitzingen, die kleinste aller Ausstellungsstädte, dort beim Festakt groß rauskam:
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World Press Photo Award of 2015 event in Amsterdam
Der niederländische Kronprinz Konstantin (links) übergab am Samstag in Amsterdam den Preis für das weltbeste Pressefoto 2015 an den Australier Warren Richardson (daneben). Sein Foto zeigt, wie nachts ein Baby durch den Grenzzaun zwischen Serbien und Ungarn gereicht wird. Foto: Foto: Bar Maat (dpa)
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Nun weiß auch der niederländische Kronprinz Konstantin, wo ungefähr Kitzingen liegt und was so ungewöhnlich an der kleinsten Ausstellungsstadt der World Press Photoausstellung ist. Denn bei der feierlichen Preisverleihung in Amsterdam vergangenen Samstag für die 2015er Sieger ließ es sich World-Press-Direktor Lars Boering nicht nehmen, über seinen Besuch im März in der Rathausshalle und im Kitzinger Armin-Knab-Gymnasiums (AKG) zu berichten.

„Wo ist nur unsere Empathie, wo die Menschlichkeit geblieben?“
Gewinnerin Gisela Plettau über die Bilder zum Flüchtlings-Elend

„Das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt, dass unsere Ausstellung mehr Besucher hat, als die Stadt Einwohner: Kitzingen hat 20 000, und 26 000 Menschen haben sich die Fotos angesehen,“ erzählte Boering den Festgästen. Auch vom Interesse der Zehntklässler im Armin-Knab-Gymnasium war der 46-Jährige positiv überrascht: „Es gab sehr viele Fragen, die Schüler waren Feuer und Flamme. Das alles hat Volkmar Röhrig eingefädelt, der heute hier im Muziekgebouw im Publikum sitzt.“

Freundlicher Beifall, auch von Kronprinz Konstantin. „Es war ein Gänsehautmoment“, gibt Organisator Röhrig zu, der in Amsterdam bereits wieder in Sachen elfte Kitzinger Ausstellung im Frühjahr 2017 unterwegs war, Absprachen getroffen hat. „Es sind wieder extrem gute Sachen dabei“, findet der Mainstockheimer nach dem Rundgang in der Nieuwe Kerk, wo die Ausstellung 2016 mit Pressefotos aus dem vergangenen Jahr ihre Weltpremiere hat.

Richtig genossen hat auch Gewinnerin Gisela Plettau die Zeit in Amsterdam. „Wir waren bei vielen Vorträgen zu Trends in der Pressefotografie, auch bei den Erläuterungen der Fotografen zu ihren preisgekrönten Werken“, erzählt die Würzburgerin. „Es kam mir fast vor wie früher beim Filmfestival in Würzburg: Mütter mit kleinen Kindern, ein junges, bunt gemischtes, sehr interessiertes Publikum. Und eine kollegiale, inspirierende Atmosphäre.“

Gefallen hat ihr zum Beispiel das Projekt „Four Corners“, vier Ecken: Zu jedem Bild wurden im Saal in den Ecken Hintergründe zum Fotografen, zum Kontext der Aufnahme, zu dem, was davor und danach passierte, aufgezeigt. „Es sollte betont werden, wie sehr sich die Arbeit von Profis und Laien unterscheidet, dass es weit übers Knipsen hinausgeht.“

Gisela Plettau fand berührend, wie sehr Fotografen sich um Authentizität bemühen, ja ihr eigenes Leben riskieren, um die Weltöffentlichkeit wach zu rütteln. „Wer macht sich schon bewusst, dass Warren Richardson, der das Pressefoto des Jahres am Grenzzaun von Serbien zu Ungarn gemacht hat, die Flüchtlinge tagelang zu Fuß begleitete, das ganze Ausmaß des Elends der Familien miterlebte, durchlitt und mit seinen Fotos dokumentiert hat.“

Besonders erschütternd fand Gisela Plettau die Gegenüberstellung von zwei Fotoserien zum Flüchtlingsdrama in der imposanten Amsterdamer Krönungskirche „Nieuwe Kerk“: Die eine zeigte syrische Kinder unmittelbar nach einem Bombeangriff in ihrer Stadt mitten im Chaos, das ganze Leid, die Verzweiflung. Und gegenüber seien Bilder zu sehen gewesen über die extrem schlechte Behandlung der Flüchtlinge an den Grenzen zu Serbien und Mazedonien.

„Da werden Menschen zusammengetrieben wie Vieh, ein andermal hat man sie mit Tränengas attackiert.“ Gerade wenn man die Bilder gegenüber aus Syrien vor sich hat, schäme man sich, sei fassungslos vor Wut. „Wo ist nur unsere Empathie, wo die Menschlichkeit geblieben?“, fragt die Gewinnerin.

Gisela Plettau hatte den Amsterdam-Trip mit ihren Gedanken zu einem Bild der Umweltzerstörung in der Mongolei gewonnen. Und auch dort ist der Inhaberin des „Atelier für Gestaltung“ in Würzburg erneut ein Bild aus China besonders in Erinnerung geblieben: „Es zeigt einen 28-Jährigen, der total fertig von seiner Arbeit und den Lebensumständen ist. Rentner bei uns sehen gesünder aus, sind fitter, es geht ihnen besser. Das Foto ist erschütternd.“

Der türkische Fotograf Bulent Kilic wollte sich nicht mit dem Beifall für sein prämiertes Bild begnügen, sondern nutzte die Bühne, um Kronprinz Konstantin direkt anzusprechen: Was sein Land für die Flüchtlinge tue, ob er nicht helfen könne, fragte der Mann. Der Kronprinz versprach, auf ihn zuzukommen und verwies auf das Engagement des niederländischen Königshauses generell. „Wir setzen uns für Flüchtlinge, für Verfolgte, für Kriegsopfer ein.“

Die gute Reaktion löste auch die kurzzeitig spürbare Anspannung beim Festpublikum, es gab herzlichen Beifall für Konstantin. Und wo Kitzingen liegt, weiß der niederländische Thronfolger jetzt ja auch.

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