Kitzingen
Stressfrei feiern

Ansprüche an Weihnachten herunterschrauben

Stress bei der Vorbereitung, Streit unterm Christbaum: Nicht immer läuft an Weihnachten alles ruhig und friedlich ab. Silke Rautenbach aus Iphofen und Dekan Hanspeter Kern aus Kitzingen haben einige Anregungen, wie es auch anders geht. Wichtig: Rechtzeitig miteinander reden.
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Jedes Jahr das Gleiche: Ronald fällt wieder nichts ein, was man an Weihnachten essen und den Kindern schenken könnte. Andrea ist am Verzweifeln, weil alles an ihr hängen bleibt, ihr Mann amüsiert sich nur über das Geschimpfe. Bei Familie Hattwig ist der Stress für unser Foto nur gestellt, in vielen Familien ist er dagegen Realität. Foto: Diana Fuchs
Jedes Jahr das Gleiche: Ronald fällt wieder nichts ein, was man an Weihnachten essen und den Kindern schenken könnte. Andrea ist am Verzweifeln, weil alles an ihr hängen bleibt, ihr Mann amüsiert sich nur über das Geschimpfe. Bei Familie Hattwig ist der Stress für unser Foto nur gestellt, in vielen Familien ist er dagegen Realität. Foto: Diana Fuchs
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Die Erwartungen sind hoch. Jedes Jahr wieder. Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Harmonie, der Freude. Doch die Realität sieht nicht immer so rosig aus: Die Vorbereitungen arten in Stress aus, es gibt Streit, weil am ersten Feiertag mal wieder die ganze Großfamilie anrückt, "falsche" Geschenke sorgen für lange Gesichter beim Schenker und beim Beschenkten gleichermaßen. Wer diese Klippen umschiffen will, sollte sich im Vorfeld fragen: "Wie will ich wirklich Weihnachten feiern?" Und darüber mit seiner Familie reden.


"Es wird vorgegeben, wie Weihnachten zu sein hat"


"Wir kommen in das weihnachtliche Auftragskarussell, ohne dass wir die Aktivität selbst steuern können", sagt Silke Rautenbach, Heilpraktikerin für Psychotherapie. Gegen Ende der Sommerferien stehen die ersten Lebkuchen in den Supermärkten, in der Adventszeit dudeln die Weihnachtslieder im Radio, überall glitzert und leuchtet es. Das Weihnachtsfest ist mit vielen Traditionen und Bräuchen verbunden. Es wird vorgegeben, wie Weihnachten zu sein hat. "Schwierig wird es, wenn wir uns darin nicht wiederfinden", erklärt Rautenbach, die in Iphofen eine Praxis für Lebensberatung, Coaching und Psychotherapie betreibt. Dann kann die Weihnachtszeit zu Stress und Streit führen.

In vielen Familien laufen der Heilige Abend und die Feiertage immer gleich ab. Die Bräuche der Familie werden weitergeführt. Wann es Essen gibt, wie der Baum geschmückt wird, wer am 1. Feiertag zum Essen kommt und was auf dem Tisch steht. "Jeder hat seine Gewohnheiten", sagt Rautenbach. Diese Rituale sind an sich auch nicht verkehrt, man genießt sie eine Zeit lang. "Aber da wird oft viel mehr übernommen, als wir eigentlich wollen", sagt die 51-Jährige auch. Und spätestens dann, wenn man sich selbst nicht mehr findet, wenn man sich nicht mehr wohlfühlt mit der Gestaltung des Festes, sollte man tätig werden. Keinesfalls muss man dabei alles über den Haufen werfen, sagt die Lebensberaterin, "aber man sollte filtern, was man eigentlich selbst will." Dann aber auch nicht einfach alles ändern, sondern mit der Familie darüber sprechen, was jedem Einzelnen wichtig ist. Wer ein Grillfest veranstaltet, gestalte es ja auch so, wie es ihm gefällt, zieht Rautenbach einen Vergleich. Das könne man auch an Weihnachten machen: weg vom Pflichtprogramm, hin zum eigenen Gestalten. "Ziel soll es sein, dass es an Weihnachten allen gut geht."


Die Erwartungen auf ein realistisches Maß reduzieren


Schon im Vorfeld des Weihnachtsfestes ist es wichtig, die Erwartungshaltung auf ein realistisches Maß zu reduzieren. "Was muss sein, was kann sein, was darf wegfallen?" Eine Frage, die es für alle Bereiche zu beantworten gilt: Dekoration in Haus und Garten, Geschenke, Essen, Tagesablauf. Schaut am 1. Feiertag wirklich jemand, ob hinter den Büchern Staub liegt? Muss ein Mehrgängemenü und eine aufwändige Tortentafel serviert werden, für die man den ganzen Tag in der Küche steht? Kann die Verwandtschaft, zu der die Familie das ganze Jahr über keinen Kontakt hat, nicht auch an einem anderen Adventswochenende eingeladen werden?

Realistisch sollte man auch sein, wenn es um die Harmonie in der Familie geht: Wer das ganze Jahr über Streit mit den Schwiegereltern hat, kann der wirklich erwarten, dass am Heiligen Abend plötzlich eitel Sonnenschein herrscht? "Manches ist schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt", stellt Rautenbach klar. Auch wer seinen pubertierenden Kindern drei Tage volles Familienprogramm ohne jeden Freiraum aufdrücken möchte, sollte darüber noch einmal nachdenken. Insgesamt sei es für die ganze Familie nicht so gut, wenn an den drei Festtagen nur viel gesessen und viel gegessen werde und sonst nicht viel passiere. "Das ist dann natürlich eine Quelle für Konfliktpotenzial."

Zum Stress- und Streitfaktor können auch die Geschenke werden. Weil sie nicht gefallen, weil sie zu billig oder zu teuer waren, weil Kinder überhäuft werden, obwohl Eltern das nicht wollen. Geschenke ganz wegzulassen, ist nicht unbedingt die richtige Lösung. Vor allem für Kinder seien Geschenke wichtig. Das Entscheidende sei aber nicht, wie viel sie bekommen. "Ein Geschenk, das von Herzen kommt, ist höher anzusehen als zehn, die ich gekauft habe, nur damit ich etwas habe." Doch wie findet man dieses eine Geschenk? Rautenbach rät, die Menschen, die man beschenken möchte, das ganze Jahr über zu beobachten. "Man kriegt so viele Impulse das ganze Jahr über, auf die man nicht reagiert", macht die 51-Jährige deutlich. Wer mitbekommt, dass einem Familienmitglied etwas gut gefällt, sollte es am besten gleich besorgen und dann in einem Schrank lagern. Anfang Dezember sind dann fast alle Geschenke stressfrei besorgt - "ein entspanntes Gefühl", versichert Silke Rautenbach. Zudem erspart dies die sonst unvermeidliche Frage: Was wünschst Du Dir zu Weihnachten? Und die Antwort, die dann so oft kommt: Keine Ahnung.

Wie sollten Erwachsene reagieren, wenn doch das "falsche" Geschenk unter dem Baum liegt? "Auf keinen Fall schauspielern", sagt Rautenbach. Aber auch nicht unhöflich werden. Es sei wichtig, den guten Willen zu schätzen und das Bemühen zu sehen, aber trotzdem zu sagen, dass das Geschenk einem nicht ganz so gut gefällt. "Sonst hat man nächstes Jahr die Steigerung."


Dekan Hanspeter Kern: "Nicht die Nebensache zur Hauptsache machen."


Gedanken über ein stressfreies Weihnachtsfest hat sich auch der Kitzinger Dekan Hanspeter Kern gemacht:

"Natürlich wünscht sich jeder ein stressfreies Fest. Aber ich erinnere daran: Das erste Weihnachten war auch nicht stressfrei. Josef und seine hochschwangere Angetraute haben, wenn man den biblischen Nachrichten glaubt, in diesen weihnachtlichen Tagen richtig stressige Zeiten erlebt: eine durch staatlichen Druck erzwungene Reise, kein Zimmer, Entbindung im Stall, wildfremde Gäste unmittelbar nach der Geburt, und dann noch die Bedrohung des Kindes durch Herodes. Stressfrei ist etwas anderes.


Was Freude macht, das stresst nicht


Ich frage: Muss es wirklich stressfrei sein? Stress kann auch Freude machen. Denken wir an Kinder, die unter höchster Anspannung ein Geschenk basteln: Es soll rechtzeitig fertig sein, niemand soll vorher etwas davon merken, und schön soll es auch noch werden, das Geschenk. Da kommt man schon ins Schwitzen. Welches Kind möchte auf solchen Stress verzichten? Ich behaupte: Was mir Freude macht, stresst mich nicht. Und viel Arbeit, wenn man sie bejaht, heißt nicht automatisch viel Stress.

Weihnachten soll natürlich Freude machen. Es ist ein fröhliches Fest. Wie nun ‚stressfrei‘ in der Familie Weihnachten feiern? Mein Tipp: Nicht die Nebensache zur Hauptsache machen und die Hauptsache zur Nebensache. Also: nicht das Essen, die Wohnung, die Geschenke, den Christbaum feiern, sondern Gott, der zu uns Menschen kommt. Gemeinsam zum Gottesdienst gehen und dort gemeinsam singen, so gut es geht, gemeinsam neu die bekannte Weihnachtsgeschichte hören, gemeinsam beten und die Krippe anschauen, gemeinsam wieder heimgehen - das geht ganz ohne Stress. Warum nicht zuhause die Flöte rausholen und die Triangel und das Lied nochmal anstimmen, dann Weihnachtsgrüße von lieben Freunden vorlesen? Das verbindet.

Und wenn etwas nicht so gelingt, dann gibt's nur eines: es lachend hinnehmen, großzügig und barmherzig sein. Damals in Bethlehem mussten sie auch improvisieren. Und: Weihnachten ist ein Fest des Friedens ("Friede auf Erden"). Deshalb böse, verletzende Worte für sich behalten. Nur Gutes sagen. So beginnt Weihnachten.

Noch ein Tipp: Weihnachten ist nicht unser Fest. Es ist Gottes Fest. Gott beschenkt uns an Weihnachten. Er denkt an uns. Darin liegt ein Geheimnis: Wer an andere denkt, befreit sich von unnötigem Stress. Warum nicht einen Menschen besuchen oder anrufen oder auch mit einer kleinen lieben Aufmerksamkeit beschenken, einen Menschen, der es vielleicht überhaupt nicht "verdient" hat? Freude, die wir schenken, kehrt ins eigene Herz zurück. Früher konnte man das in Poesiealben lesen. Es stimmt trotzdem."
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