KITZINGEN

Action auf dem Acker

So funktioniert Solidarische Landwirtschaft: Die Geschichte eines Biobauern und seiner Ernteteiler.
Artikel drucken Artikel einbetten
IMG_9065
Nadja und Alice zeigen sich solidarisch: Gemeinsam macht die Kartoffelernte Spaß.Fotos: DIANA FUCHS
+11 Bilder

Es staubt ein bisschen. Und es riecht herrlich kartoffelig. So muss das im Spätsommer sein. Gerade ist der Traktor vorbeigetuckert und der angehängte Roder hat jede Menge Kartoffeln aus dem Boden an die Oberfläche geworfen. Eine bunte Schar von Helfern macht sich daran, die Erdäpfel aufzulesen und zu sortieren: die schönen und großen in hohe Kisten, die kleineren und gespaltenen in niedrige. Die Sonne scheint, Alt und Jung sind friedlich bei der Feldarbeit vereint, sie lachen und reden und wischen sich zwischendurch den Schweiß von der Stirn.

Die siebenjährige Edda ist am Rand des Feldes in die Hocke gegangen und durchpflügt mit den Fingern den lockeren Boden. Sie benutzt ihre Hände wie Schaufeln und hält dann triumphierend drei dicke Knollen hoch: „Da findet man viel, wenn man rumwühlt!“

Erich Gahr nickt. „Schau mal, so geht es noch leichter“, sagt der Biobauer und schwingt eine Art Hacke. „Das ist ein Krail“, erklärt er, während er mit dem Gerät immer wieder die sandige Erde durchkämmt und verschollene Kartoffeln ans Tageslicht bringt. Edda ruft ihre Geschwister: „Kommt schnell her! Da finden wir viiiiiiel!“

Erich Gahr ist seit 35 Jahren Biobauer aus Leidenschaft. Seine Tochter wird seinen Naturkosthandel weiterführen, nicht aber die Landwirtschaft selbst. Doch was wird aus Letzterer, wenn der Seniorchef einmal in Ruhestand geht? Gahr ist auf eine Initiative gestoßen, mit der er sich, wie er sagt, hundertprozentig identifizieren kann: Solidarische Landwirtschaft, kurz SoLaWi.

Das bedeutet: Ein landwirtschaftlicher Betrieb schließt sich mit Privatleuten zusammen. Letztere leisten monatlich einen festgeschriebenen Betrag, damit die Felder – unabhängig von Marktzwängen – nachhaltig bestellt werden können. Im Gegenzug erhält jeder Einzahler einen Teil der Ernte. Wer möchte, kann hautnah dabeisein, wenn seine Nahrungsmittel entstehen, und beim Säen, Pikieren, Topfen, Jäten und Ernten mithelfen.

„Kerngedanke jeder SoLaWi ist es, Bewusstsein für einen achtsamen Umgang mit der Natur zu schaffen“, berichtet Erich Gahr. „Außerdem wollen wir Umweltbildung leisten und gleichzeitig ökologische Landwirtschaft fördern.“ Wirtschaftliche Zwecke verfolge die SoLaWi nicht. „Ich freue mich, dass ich meine Erfahrung an folgende Generationen weitergeben kann.“

Für dieses Wissen sind zum Beispiel Nadja Racky und ihre Familie dankbar. Zusammen mit ihrem Mann Bastian und den vier Kindern Ina (10), Erik (9), Edda (7) und Jon (4) ist die Grundschullehrerin an diesem schönen Samstagnachmittag aus dem nahen Örtchen Mainstockheim zum Kitzinger Kartoffelfeld geradelt. Jetzt packen alle Fünf beim Kartoffelverlesen an.

„Das Solidarprinzip ist etwas sehr Zukunftsfähiges, denn weder Mensch noch Tier noch Boden werden ausgebeutet.“
Nadja Racky

Warum aber rackern sie sich auf dem Acker ab statt sich – zum Beispiel – lieber faul in den Garten zu legen? Bei dieser Frage lacht Nadja Racky: „Wir versuchen generell, auf die Umwelt zu achten, wenig Müll zu produzieren und uns gesund zu ernähren“, stellt die 37-Jährige fest. „Mit der SoLaWi schlagen wir viele Fliegen mit einer Klappe.“ Erich Gahr bringe ihnen bei, wie und wo regionale Lebensmittel erzeugt werden und was man dafür tun muss. „Und das Solidarprinzip ist etwas sehr Zukunftsfähiges, denn weder Mensch noch Tier noch Boden werden ausgebeutet.“

Nadja Racky schätzt auch den sozialen Aspekt: Manchmal sitzt man nach den Feldtagen noch zusammen, es wird gegrillt, man tauscht sich aus. „Und natürlich bekommen wir frischeste, hochwertigste Nahrungsmittel. Wenn wir Kartoffeln essen, schmecken die wunderbar und unsere Kinder wissen, wie viel Mühe es gemacht hat, bis sie auf dem Teller gelandet sind.“

Bei ihren Worten nickt Thomas Rödl, der gerade Kartoffelkisten auf den Bulldog lädt. „Man schmeckt den Unterschied. Sogar meine 16-jährige Tochter sagt ?boah, gut?, wenn ich mit den Biolebensmitteln aus der SoLaWi-Ernte koche.“ Rödl ist Kassier des Kitzinger SoLaWi-Vereins. Sein Engagement kommt nicht von ungefähr. „2007 bin ich krank geworden. Seitdem achte ich auf meinen Körper und meine Ernährung. Beim Auto guckt man, dass man gutes Benzin tankt – da kann doch der Mensch selbst keine Fertiglasagne in sich reinstopfen.“

Kein schlechter Vergleich, findet Alice Hohn aus Würzburg. Die 36-Jährige, deren Bruder in Berlin lebt und dort schon seit fünf Jahren SoLaWi-Mitglied ist, sagt: „Es ist toll, dass in der SoLaWi samenfeste heimische, oft alte Sorten erhalten werden.“ Alice hat zwei Töchter und sogar noch eine Freundin der Mädchen zum „Feldtag“ mitgebracht.

Erich Gahr freut das. „Ich bin höchst begeistert, dass gerade junge Leute kommen und sich für ihre Lebensmittel interessieren. Übrigens“ – er hält eine Kartoffelknolle hoch – „die Sorte, die wir heute ernten, heißt Anuschka und ist festkochend, also perfekt für Salat und Bratkartoffeln.“

Gahrs gemeinnütziger Verein „Solidarische Landwirtschaft Kitzingen e.V.“, kurz SoLaWi Kitzingen, besteht seit einem Jahr und hat inzwischen 57 Mitglieder. Damit der Verein sich selbst trägt, müssen es noch deutlich mehr werden. Aktuell läuft die SoLaWi Kitzingen einfach neben dem Gahrschen Betrieb mit; dadurch minimieren sich die Kosten, etwa beim Maschineneinsatz.

Jedes SoLaWi-Mitglied zahlt in Kitzingen pro Jahr zehn Euro Vereinsbeitrag. Ein Ernteteil – das ist etwa so viel, wie ein Mensch an Gemüse beziehungsweise Obst verzehrt – kostet pro Monat 44,20 Euro. Die Ernteteile liefert Erich Gahr wöchentlich frisch an so genannte Depots, von wo aus die Ernteteiler sie abholen. In den Kisten befinden sich stets saisonale Produkte, von Auberginen über Bohnen, Kürbisse, Kohlrabi, Kraut und Wirsching bis hin zu Zwiebeln. „Und ich stelle auch immer noch Kisten mit nicht ganz so perfekten Waren hin“, sagt Gahr, „mit krummen Gurken, rissigen Tomaten oder angehackten Kartoffeln, die man im Einzelhandel so nicht verkauft.“ Diese „unperfekten“ Lebensmittel dürfen die Ernteteiler umsonst mit heimnehmen. Und der Wegwerfgesellschaft einmal mehr die Zunge zeigen.

Alle Infos: www.solidarische-landwirtschaft.org. Am Dienstag, 5. November, laden die SoLaWis Schweinfurt und Würzburg ab 19 Uhr alle Interessierten zu einem Infoabend in die Alte Synagoge Kitzingen (Landwehrstraße 1) ein. Generell gibt es in Franken bereits funktionierende SoLaWis in Bamberg, Schweinfurt, Kitzingen, Würzburg, Nürnberg und Eckersdorf (Bayreuth).

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren