BIBERGAU
Mainfranken

Zwölf Wochen nach Kranunfall in Bibergau: Warten auf Hilfe

Kran kracht in Wohnhaus: Es war ein spektakuläres Unglück, das sich im Juli in Bibergau ereignete. Wochen später fühlen sich die Betroffenen im Stich gelassen.
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Kran stürzt auf Wohnhaus
Als er einen Baukran in Bibergau von der Straße auf ein Wohngrundstück heben sollte, ist am Freitagvormittag ein 60-Tonnen-Autokran umgekippt und auf das Wohnhaus gestürzt. Foto: Diem
Es hat einen lauten Schlag gegeben, als am Morgen des 18. Juli in Bibergau, einem Ortsteil von Dettelbach (Lkr. Kitzingen), der Ausleger eines Autokrans auf ein Wohnhaus stürzte. Dabei wurde das Hausdach durchschlagen und ein Passant unter dem Kran fast erdrückt.

Zwölf Wochen später kann die Familie, die im Haus wohnte, immer noch kaum fassen, wie viel Glück sie hatte, dass niemandem etwas passiert ist. Gleichzeitig kann sie nicht begreifen, was sich seitdem getan hat: „Gar nichts“, sagt Manuel Herrlein.

Der 25-Jährige lebt mit seinem 23-jährigen Bruder Frederik in dem Wohnhaus, das in einer ruhigen Nebenstraße am Ortsrand steht. Mutter Petra Stenger wohnte zum Unfallzeitpunkt mit ihrem Mann Robert im Obergeschoss – der Kran zerstörte ihr Schlaf- und Wohnzimmer. Wäre der Unfall eine halbe Stunde früher passiert, stünden sie heute nicht mehr hier. Von ihrem Bett sind nur kleine Stücke geblieben.

Drei Monate später prangt in dem Dach noch immer ein riesiges Loch. Es ist notdürftig mit einer Plane abgedeckt. „Bei jedem stärkeren Wind wacht man auf, weil man einfach narrisch wird, wenn daheim nicht alles in Ordnung ist“, sagt Manuel Herrlein. Ein Gutachter habe den Schaden am Haus unter Vorbehalt auf 80 000 Euro beziffert. Genauer gehe es erst, wenn der Rückbau beginnt.

Auf diesen warten die Brüder immer noch. Bis dahin ist das Obergeschoss unbewohnbar. Jetzt kommt der Winter. Für Folgeschäden, die durch Regen oder Frost entstehen, haftet niemand. „Das Geld haben wir nicht in der Hosentasche, dass wir damit in Vorleistung gehen könnten“, sagt der 25-Jährige.

Wie viel Schaden am Mobiliar entstanden ist – das wissen Petra und Robert Stenger noch gar nicht. Der Gutachter für den Hausratsschaden kam erst Anfang September. Bis dahin war alles der Witterung ausgesetzt, weil sie nichts wegräumen durften.

Nach dem Unglück hat sich „ganz Bibergau“ solidarisch gezeigt, Gästezimmer wurden ihnen angeboten, Freunde halfen beim Aufräumen – für so viel Unterstützung sind sie sehr dankbar.

Auch die Dachdeckerfirma hat sich mehrfach bei ihnen gemeldet und ihre Unterstützung angeboten. Dass ihnen der Schaden aber bis heute nicht erstattet wurde – „das lässt Zweifel am System aufkommen“, sagt Robert Stenger.

„Wir wollten das Dach sanieren und nicht das Haus zerstören“, erklärt Petra Stenger. Die Dachdeckerfirma hatte einen Kranverleih damit beauftragt, einen kleinen Kran in den Vorgarten zu heben. Der kleine Kran schwebte nur noch ein paar Meter über dem Boden als es passierte – der große Autokran kippt.

„Plötzlich habe ich den Kran auf mich zukommen sehen“, erinnert sich Manuel Herrlein und weiß nur noch, wie er im „Adrenalinrausch“ über die Hecke ins Nachbargrundstück sprang. Dann ging alles ganz schnell.

Die Brüder rannten ins Haus, um nach Mutter und Stiefvater zu sehen. Ihre Mutter stand unter Schock. Sie hatte vom Balkon aus beobachtet, als der Kran zwei Meter neben ihr einschlug: „Ich wusste nicht, wo meine Söhne sind“, erinnert sich Petra Stenger und bekommt Gänsehaut, wenn sie an den Tag zurückdenkt.

Blieb die Familie zumindest körperlich unversehrt – hatte ihr Nachbar Erwin Adelhardt weniger Glück. In dem Moment als er am Kran vorbeiging, geriet dieser in Schieflage – und begrub den 79-Jährigen unter sich. Abgesperrt war der Gehweg nicht.

„Ich habe noch gemerkt, dass der Kran kippt, aber danach weiß ich gar nichts mehr“, sagt der Rentner. Ein Nachbar und ein Arbeiter haben ihn hervorgezogen. Sein Unterarm wurde bei dem Unfall so tief aufgerissen, dass ihm Haut vom Oberschenkel verpflanzt werden musste.

19 Tage lag er im Kitzinger Krankenhaus, musste fünfmal unter Vollnarkose behandelt werden. Er kann kaum seine Finger bewegen und hat noch starke Schmerzen. Aber er ist froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist. „Das war kein Schutzengel, das war Gott selbst, der den Opa beschützt hat“, sagte die Enkelin.

Von der beteiligten Firma habe sich niemand bei dem Verletzten gemeldet. „Sie hätten wenigstens einmal anrufen können, wie es ihm geht“, sagt seine Frau Emilie. Auch eine Entschädigung habe der Rentner bis heute nicht bekommen.

Alleine für den Krankenhausaufenthalt mussten sie 190 Euro zahlen, dazu kommen Kosten für Medikamente und Sprit. „Wir wollen nur unsere Auslagen erstattet bekommen. Wir wollen die Firma nicht schädigen“, erklärt die 79-Jährige. Ihr Anwalt hat mittlerweile Strafanzeige gestellt. Für die Rentner heißt es: abwarten.

Abwarten, wie die Hausbesitzer seit zwölf Wochen. „Wir fühlen uns im Stich gelassen“, sagt Petra Stenger. Niemand zahlt bisher den Schaden.

Sie selbst waren nicht gegen diesen „Fahrzeuganprall“ versichert. „Wären wir von einem unbemannten Flugkörper getroffen worden, dann wären wir versichert gewesen“, so Manuel Herrlein.

Die Versicherungen der beteiligten Firmen sehen die Zuständigkeit beim jeweils anderen. „Der Kran, der für den Schaden alleine verantwortlich ist, wurde ausschließlich durch einen Mitarbeiter der Firma (Kranverleih) bedient. Irgendwelche Weisungen hat es nicht gegeben“, schreibt die Versicherung der Dachdeckerfirma.

Doch die Versicherung des Kranverleihs sieht die Schuld nicht bei diesem. Gegenüber dieser Redaktion erklärt sie, dass nach ihrer Ansicht „die Betriebshaftpflichtversicherung der Dachdeckerfirma, die den Kran gemietet hat, der Ansprechpartner für die Ansprüche der Geschädigten ist“ und nicht sie als Versicherer des Fahrzeugs.

Bis die Schuldfrage geklärt ist, will keine der beiden Versicherungen zahlen. „Wenn uns am Anfang jemand gesagt hätte, dass das Ärger mit der Versicherung gibt – den hätten wir ausgelacht“, versteht Robert Stenger die Situation nicht mehr.

Doch wer hat Schuld?

Auf Nachfrage bei der Pressestelle des Polizeipräsidiums Unterfranken über den Ermittlungsstand hieß es vor zwei Wochen: „Es spricht nach bisherigen Erkenntnissen viel dafür, dass ein Teil der Straße, auf der der Kran abgestützt war, nachgegeben hatte und der Kran deshalb seitlich weggekippt war.

Es ist aber noch unklar, warum die Straße dem Druck der Kranstütze nicht standgehalten hatte. Die etwaige Ursache ist Gegenstand diverser privater Gutachten der beteiligten Behörden, Versicherungen und des Kranherstellers.“

Die Mitteilung der Polizei überraschte die Betroffenen. Denn diese haben von ihren Anwälten ganz andere Informationen. Ende September haben sie der Familie Stenger mitgeteilt, „dass ein Gutachten zur Verschuldensfrage offenbar gar nicht erstellt wird.“

So habe sich die Polizei auf das Gewerbeaufsichtsamt verlassen, während dieses den Auftrag an die Kranfirma gegeben habe, von dieser „aber offenbar kein Gutachten erstellt“ wird. Weiter schreiben sie: „Auch die Blackbox des Krans wurde offenbar weder durch die Polizei noch durch das Gewerbeaufsichtsamt sichergestellt.“

Genauso verblüfft von der Mitteilung der Polizei ist auch Dettelbachs Bürgermeisterin Christine Konrad, in deren Verantwortung die Ortsstraße liegt: „Das hat mich überrascht. Wir waren bisher in keinster Weise involviert, wurden weder zu einer Stellungnahme aufgefordert, noch hat sich jemand an unsere Versicherung gewandt.“

Weder Polizei, noch Versicherungen oder Gutachter sind auf die Stadt zugekommen, erklärt die Bürgermeisterin.
Auf eine erneute Anfrage zu den Ermittlungen konnte die Pressestelle des Polizeipräsidiums keine Auskunft mehr geben – der Vorgang wurde mittlerweile an die Staatsanwaltschaft Würzburg versandt, die die weiteren Ermittlungen führt. Dort liegt jedoch noch kein „eingetragener Vorgang“ vor, wie die Staatsanwaltschaft schreibt. Auch sie kann deshalb keine Aussagen zu den Ermittlungen machen.

„Was einen wirklich trifft, ist die Hilflosigkeit“, sagt Manuel Herrlein über die Situation. Er und sein Bruder warten weiter auf das Geld der Versicherung – und hoffen auf einen milden Winter.

 


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