HELLMITZHEIM

Zwei Stunden Heimatschau

In diesen Tagen hat jeder kleine Mangel in Hellmitzheim das Potenzial zum großen Aufreger. Alles muss, alles soll perfekt sein für diesen einen Tag.
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Ortssprecher Ludwig Weigand gilt mit seinem Einsatz und seiner Expertise als einer der Motoren für die Entwicklung Hellmitzheims. Foto: Foto: Eike Lenz
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Die Schlösser! Gut, dass Ludwig Weigand noch einmal nachgeschaut hat. Das hätte kein gutes Bild abgegeben, wenn die Tore zum Garten des Gemeindehauses nicht aufgegangen wären. Aber nun ist ja alles in Ordnung. In diesen Tagen hat jeder kleine Mangel in Hellmitzheim das Potenzial zum großen Aufreger. Alles muss, alles soll perfekt sein für diesen einen Tag. Ließen sich beim Herrgott Sonnenschein und blauer Himmel bestellen, auch darum würde sich jetzt jemand kümmern.

Für diesen Donnerstag hat sich in Hellmitzheim eine Kommission hochrangiger Experten angekündigt. Es geht um Gold, um den Sieg beim bayerischen Landesentscheid „Unser Dorf hat Zukunft“, um die Fahrt nach Berlin. Es geht darum, sich im besten Licht zu präsentieren. Dafür, so scheint es, gibt jeder alles.

Countdown läuft

Acht Tage vor der Entscheidung ist der Countdown längst angelaufen. 386 Einwohner, und gefühlt hat jeder von ihnen seine Aufgabe. An diesem Morgen mäht ein Mann den Rasen vor einem der Häuser in der Ortsmitte, eine Frau bückt sich im Garten nach den Blumen im Beet, zwei Bauarbeiter pflastern ein Stück Gehsteig, die Männer vom Bauhof sind im Dorf unterwegs. Und Ludwig Weigand, der Ortssprecher, nimmt den Fremden mit auf jene Route, die auch die Jury abschreiten wird. Nur, dass dann an jeder Station Kinder und Erwachsene warten werden, um die Willkommenskultur noch zu steigern. Zwei Stunden und keine Minute länger darf der Rundgang dauern – aus Gründen der Chancengleichheit. Aus Unterfranken stellt sich nur noch Großbardorf dem Wettbewerb, 15 Kandidaten sind es insgesamt.

Reise geht los

Die Reise startet am Bürgerhaus, einem Kleinod mit karminrotem Fachwerk. Vor mehr als zwanzig Jahren kernsaniert, treffen sich hier die Bürger und neuerdings auch die Fledermäuse, die unterm Dach Quartier bezogen haben. Am Kindergarten vorbei geht es das Dorf hinunter, über eine kleine Brücke und den unter ihr plätschernden Dorfbach hinein ins Baugebiet Adelsberg. Es thront auf einem sonnigen Plateau, ist aber leider schon belegt. Neues Bauland zu schaffen ist in Hellmitzheim nicht leicht, und wenn man von hier oben in die Landschaft blickt, bekommt man eine Ahnung, warum das so ist. Man schaut auf den Ortssaum, auf Scheunen und Gehöfte. Unter den sieben Iphöfer Stadtteilen ist Hellmitzheim mit seinen elf Haupterwerbsbetrieben noch am stärksten von der Landwirtschaft geprägt. Bei der Entwicklung des Dorfes haben immer auch die Bauern ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.

Jeder packt mit an

Wir durchqueren einen kleinen grünen Wall, erreichen zwei Weiher, die es schon immer gibt, jedenfalls so lange Weigand denken kann. In lauen Sommernächten drehen hier die Fledermäuse ihre Runden. Direkt daneben hat die Jugend ein Wasserbecken zum Baden aufgestellt, die Stützwände sind aus Strohballen. „Jeder hilft und packt mit an“, sagt Weigand, der seit fast drei Jahrzehnten im Stadtrat sitzt. Ohne ihn, ohne seinen steten Einsatz, seit zehn Jahren auch als Vizebürgermeister, wäre man jetzt nicht so weit. Es geht zurück ins Dorf, vorbei an sanierten Häusern, gepflegten Vorgärten – und einem Schaufenster mit Glaszylindern. „Wissen Sie, was das ist?“, fragt Weigand. Was aussieht wie Käseglocken, sind mundgeblasene Glasdome, die wertvolle Objekte wie Uhren vor Staub schützen sollen. Von einem Vertriebslager in Hellmitzheim aus gehen sie in die Welt.

Zwei Wirtshäuser

Es gibt im Ort einen Metallbauer, einen Schreiner- und einen Schmiedemeister, es gibt zwei Wirtshäuser, einen Kindergarten und eine kleine Musikschule. Hier bleibt in der Regel nichts lange leer stehen, und wer mit Weigand durch das Dorf streift, weiß schnell, warum. Die Gemeinschaft ist intakt, nicht nur in den rund 20 Gruppen und Vereinen. Hier unterstützt man sich gegenseitig, und es gilt der schöne Satz: leben und leben lassen.

Die Wunden, die der schwere Luftangriff Ende des Zweiten Weltkriegs – seelisch und baulich – geschlagen hat, sind verheilt. Mehr als 70 Prozent der Gebäude waren damals zerstört, und dass Weigand sich so für den Erhalt und die Sanierung des ehemaligen Jägerhauses stark machte, hat auch etwas mit Geschichtsbewusstsein zu tun. Das zentral gelegene Objekt ist eines der wenigen, das den Bombenhagel nahezu unversehrt überstanden hat. Heute, nach der Sanierung mit großzügigen Mitteln des Freistaats, lebt dort eine Flüchtlingsfamilie.

Liebe zum Detail

Beim Wiederaufbau ist das Dorf zusammengerückt, alle packten mit an. Man tat, was getan werden musste, und dieser Pragmatismus spiegelte sich im Ortsbild wider: in großen geteerten Flächen und riesigen blechernen Vordächern, einer Tankstelle mitten im Ort und gewaltigen Gehöften. Alles war der Funktion untergeordnet und weniger der Ästhetik. Was fehlte, war die Kür, die Liebe zum Detail, jener Charme, von der sich beim Bezirkswettbewerb auch die Jury einfangen ließ.

Man kann das baulich schaffen, mit viel Schweiß und Arbeit. Der ehemalige Städteplaner Hartmut Schließer hat dazu aus Weigands Sicht einen wesentlichen Beitrag geleistet. Doch das Charisma, das spezielle Fluidum muss wachsen. Dieser Geist muss sich entwickeln und um sich greifen. Die geregelte Koexistenz von Landwirtschaft und Wohnbevölkerung, die von Zeit zu Zeit neu verhandelt werden muss, ist ein solches Beispiel für gelebte Solidarität – und sei es, einen Landwirt von der Aussiedlung seines Betriebs zu überzeugen.

Raum und Zeit

Ludwig Weigand steht wieder am Ausgangspunkt unserer kleinen Reise durch Raum und Zeit. Sein Blick fällt am Kindergarten vorbei die Straße hinunter. Rosenstöcke leuchten purpurrot vor den Häusern, Lindenbäume stehen an den markanten Plätzen und halten die Tradition wach. Hin und wieder fährt ein Traktor vorbei, Weigand kennt und grüßt die Fahrer, und sie grüßen ihn. Würde mal wieder ein fränkisches Dorf für einen Film gesucht, dies hier wäre die passende Kulisse: authentisch und, ja, romantisch, aber nicht kitschig.

Was ist der Reiz, das Besondere an Hellmitzheim? Weigand muss nicht lange überlegen. „Dass alle zusammenhalten und alles überschaubar ist“, sagt er. Zum Abschied schaut er noch einmal am Bürgerhaus vorbei. Die Fenster müssen dringend noch geputzt werden.

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