LANDKREIS KITZINGEN

Zurück ins Leben kämpfen

Sie lebt. Sie atmet selbstständig. Sprechen und essen kann sie zwar noch nicht, aber nach gut drei Wochen im künstlichen Koma ist Michelle Gerhardt in der Aufwachphase. Sie reagiert auf bekannte Stimmen. Wenn Florian Sieber ihr etwas Lustiges erzählt, huscht ein Lächeln über das Gesicht der 18-Jährigen. Und wenn Florian ihre Hand streichelt, strahlen ihre Augen. Sie erkennt ihren Freund, zweifellos.
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Ich bin bei Dir: Florian will seiner Michelle Schutz und Halt geben, damit sie nach ihrem schweren Unfall wieder ins Leben zurückfindet. Das Bild zeigt die beiden vor wenigen Monaten. Foto: Foto: privat
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Sie lebt. Sie atmet selbstständig. Sprechen und essen kann sie zwar noch nicht, aber nach gut drei Wochen im künstlichen Koma ist Michelle Gerhardt in der Aufwachphase. Sie reagiert auf bekannte Stimmen. Wenn Florian Sieber ihr etwas Lustiges erzählt, huscht ein Lächeln über das Gesicht der 18-Jährigen. Und wenn Florian ihre Hand streichelt, strahlen ihre Augen. Sie erkennt ihren Freund, zweifellos.

Michelle hatte in den Morgenstunden des 4. Juni einen schweren Unfall. Kurz zuvor hatte sie sich wie immer von Florian verabschiedet und war von Dornheim aus in Richtung Iphofen gefahren. Dort wollte sie am Bahnhof parken und den Zug nach Würzburg nehmen, wo sie eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten absolviert. „Sie war sonst immer eine sichere Fahrerin“, sagt Florian.

An diesem Morgen wollte Michelle vermutlich einen Lkw überholen, so viel ist klar. Möglicherweise wollte sie in der leichten Rechtskurve zwischen Markt Einersheim und Iphofen schauen, ob die Strecke frei ist, und scherte dabei zu weit aus. Sicher ist, dass sie mit einem entgegenkommenden Kleinlaster zusammenstieß. Mit lebensgefährlichen Verletzungen wurde sie per Rettungshubschrauber in die Kopfklinik geflogen.

Schädeldecke teilweise entfernt

Dort legten die Ärzte die 18-jährige Dornheimerin ins künstliche Koma und entfernten ihr nach einigen Tagen ein Stück Schädeldecke, um den enormen Hirndruck zu lindern. „Über zwei Wochen schwebte sie in Lebensgefahr“, berichtet Florian Sieber, der zusammen mit Michelles großer Familie die meiste Zeit vor der Intensivstation verbrachte, bangte, betete, hoffte. „Das war die Hölle auf Erden.“

Nach drei Wochen leiteten die Ärzte die Aufwachphase ein. Ende Juni reagierte die 18-Jährige zum ersten Mal auf Berührungen und Stimmen – „und sie konnte erstmals aus dem Bett in einen Stuhl gehoben werden“, berichtet Florian Sieber. Dabei habe sich gezeigt, dass sie alle Körperteile bewegen kann, die linke Hälfte allerdings nur eingeschränkt. „Das gibt uns allen Hoffnung. In so einer Situation sieht man erst einmal, dass alles, was man sonst als selbstverständlich hinnimmt, gar nicht selbstverständlich ist.“

„Michelle hatte immer Hummeln im Hintern.“
Florian Sieber über seine lebensfrohe Freundin

„Die Ärzte sagen, dass Michelles Heilungsprozess sehr lang dauern kann“, berichtet der fast 22-jährige Büro-Kaufmann, der seit anderthalb Jahren mit seiner Freundin zusammen ist. „Und sie sagen auch, dass die Unterstützung von Freunden und Familie ganz wichtig ist – gerade in Phasen, in denen es ihr seelisch schlecht geht. Und solche Phasen werden kommen. Deshalb wollen wir, so oft es geht, bei ihr sein.“

Doch so einfach ist das nicht. Solange Michelle in der Würzburger Kopfklinik lag, besuchten ihre Lieben sie täglich. Doch am 1. Juli wurde die 18-Jährige zur Rehabilitation nach Gailingen am Hochrhein gebracht – fast 350 Kilometer entfernt. Um weiterhin bei ihr sein zu können, mietete die Familie eine Ferienwohnung in der Nähe der Klinik. „Doch die kostet leider 1050 Euro pro Monat“, berichtet Florian Sieber. Familie Gerhardt-Hennefelder hat nicht nur Michelle, sondern sechs weitere Kinder zwischen 22 Jahren und neun Monaten. „Die Mutter möchte mit den zwei Kleinsten während der Woche so oft es geht in Gailingen bei Michelle sein.“

Kleinbus gesucht

„Ich werde auf jeden Fall jedes Wochenende zu ihr fahren.“ Freunde und natürlich die anderen Familienmitglieder wollen Florian abwechselnd begleiten. „Vielleicht stellt uns jemand einen Acht- oder Neunsitzer-Bus zur Verfügung, dann können wir alle zusammen fahren.“

Rund 80 Euro Spritkosten werden für jede Fahrt zu Michelle anfallen, hat Florian ausgerechnet. „Leider bekommen wir weder für die Fahrt noch für die Ferienwohnung einen Zuschuss von der Krankenkasse oder der Berufsgenossenschaft.“ Die Angehörigen müssen für ihre Kosten selbst aufkommen. Bei der kinderreichen Familie ist das allerdings gar nicht so einfach. „Und ich bin leider auch kein Großverdiener“, bedauert Florian Sieber, der im Büro eines Windkraft-Unternehmens arbeitet.

Jeden Tag ein Brief

Deshalb hat die Familie eine Spendenaktion gestartet und ein separates Konto eingerichtet. „Jede Spende wird dafür verwendet, dass wir Michelle nahe sein und sie bei ihrer Genesung unterstützen können“, verspricht Florian Sieber. Sollte Michelle wider Erwarten rasche Fortschritte bei der Reha machen und Richtung Würzburg verlegt werden können, soll verbliebenes Geld für wohltätige Zwecke gespendet werden. „Für Leute, die es ähnlich getroffen hat.“

Doch so weit ist es lange nicht. Sehr wahrscheinlich wird die Unterkunft mindestens bis in den Winter hinein gebraucht. „Erst in drei, vier Monaten wird man überhaupt sagen können, welche Unfallfolgen bleiben, haben uns die Ärzte erklärt.“

Alles für die Genesung

Florian hofft darauf, dass sich die energiegeladene Art seiner Freundin bei der Reha positiv auswirkt. „Michelle hatte immer Hummeln im Hintern“, erzählt er lachend. „Sie war total lebensfroh, hat eigentlich immer gestrahlt. Und sie war extrem ehrgeizig. Wenn sie etwas wollte, dann hat sie sich mit voller Kraft darum bemüht.“

Für den Kaufmann zählt derzeit nur eines: alles für Michelles Genesung zu tun. „Ich hab' noch nie so viel gebetet wie in dieser Zeit.“ Seit sich herauskristallisierte, dass sie den Unfall überleben wird, trägt Florian nicht nur seinen, sondern auch Michelles Freundschaftsring und -kettchen. Und er ließ sich einen Schutzengel auf die Brust tätowieren. Außerdem schreibt er seiner Michelle jeden Tag einen Brief – eine Woche nach dem Unfall hat er damit angefangen. „Ich werde ihr alle Briefe mit nach Gailingen bringen. Dann kann sie lesen, was alles passiert ist.“

Am Donnerstag, 10. Juli, wird Florian 22 Jahre alt. Er hat sich zwei Tage frei genommen, um mit Michelle zusammen sein zu können. „Als ich ihr gesagt habe, dass wir zusammen feiern, hat sie gelächelt.“

Spendenkonto

Geldspenden können auf folgendes Konto überwiesen werden,

Begünstigte: Michelle Gerhardt,

IBAN: DE07 7905 0000 0047 6478 70

BIC: BYLADEM1SWU

Sparkasse Mainfranken Würzburg;

Verwendungszweck „Geldgeschenk Genesung Michelle".

Wohltätiger Zweck:

„Wir versichern, dass das gespendete Geld nur für diesen Zweck verwendet wird!“, teilt Florian Sieber mit. Sollte nach Abschluss der Behandlung Geld übrig bleiben, verspricht er: „Verbliebenes Geld wird einer wohltätigen Einrichtung gespendet.“ ldk

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