Kitzingen
Historische Fahrräder

Zehn ewig gestrige Fahrradsammler auf Tour

Hochrad- und Dreiradfahrer machen auf ihrer Pionierfahrt von Grafenrheinfeld nach Miltenberg in Kitzingen Station.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ivo und Helge sind mit ihren acht Freunden auf ihren historischen Rädern unterwegs. Foto: Daniela Röllinger
Ivo und Helge sind mit ihren acht Freunden auf ihren historischen Rädern unterwegs. Foto: Daniela Röllinger
+16 Bilder
Wer mehr ins Auge sticht, ist schwer zu sagen. Rechts, an zwei Tischen vor dem Gasthaus, sitzen die neun schick gekleideten Herren und die eine Dame. Graue und braune Kleidung, die Hosen meist unter den Knien geschnürt, die schmucken Westen über den makellos weißen Hemden geknöpft, selbst die Kopfbedeckung passt. Herrschaften aus längst vergangenen Zeiten, so scheint es. Links, vor dem Kirchenportal, haben sie ihre Fahrzeuge abgestellt. Hochräder und Dreiräder aus dem späten 19. Jahrhundert. "Luftlos" haben sie ihre Tour überschrieben, ihre "Pionierfahrt ewig gestriger Fahrradsammler".

Dass sie bewundernde Blicke auf sich ziehen, dass die Leute stehen bleiben, die ungewöhnlichen Fahrzeuge genau betrachten, Fragen stellen - das ist die zehnköpfige Gruppe gewohnt. Es ist in Kitzingen nicht anders als an den anderen Stationen der Tour. Die führt von Grafenrheinfeld nach Miltenberg.
Etwa 200 Kilometer gilt es an fünf Tagen zu absolvieren. Gemütlich wollen sie fahren, erzählt Helge Schultz, einige der Fahrzeuge sind relativ langsam. Dass gleich die zweite Etappe etwas länger ist, nimmt dem Organisator der Tour niemand krumm. Statt der anvisierten maximal 30 Kilometer sind über 45 Kilometer zurückzulegen. "Ich hab' zehn Kilometer übersehen", sagt Helge und lacht - und auch die anderen sind bester Stimmung. Am Morgen sind die zehn in Volkach gestartet, Ziel ist Ochsenfurt. In Kitzingen ist Zeit fürs Mittagessen.

Sie kommen aus Hoyerswerda, Graz, Dresden, Kaiserslautern, Linz, Karlsruhe, Münster, Ludwigsburg und Eichenbühl, alle vereint die Leidenschaft für historische Fahrräder. Sie sind Sammler, die - und das ist das Besondere - ihre Sammelstücke eben nicht nur in Scheunen stellen oder bei Ausstellungen präsentieren, sondern die sie auch nutzen. Bei Fahrradtreffen haben sie sich kennengelernt, bei der Velocipediade, dem Jahrestreffen des Vereins "Historische Fahrräder e.V.", haben sie spontan beschlossen, gemeinsam auf Tour zu gehen. Eine so große Gruppe gemeinsam auf langer Strecke auf historischen Rädern unterwegs - das gab es in Deutschland bislang noch nie, erzählt Helge.


Helge: "Das Ersatzteil hat mir heute gleich geholfen. Ohne die Schrauben wäre ich angeschmiert gewesen."


Die Auswahl der Strecke war nicht einfach. Übernachtungen für zehn Personen, die Kultur sollte nicht zu kurz kommen, der Weinbau eine gewisse Rolle spielen und vor allem muss die Strecke flach sein. "Das Hochrad hat einen hohen Schwerpunkt", erklärt Helge. Geht es zu steil bergab, fliegt der Fahrer beim Bremsen schnell kopfüber nach vorn. Historische Räder zu fahren, kann gefährlich sein, weiß Helge aus Erfahrung. Er klopft sich auf die Unterarme: "Die waren schon gebrochen."

Hochräder, Dreiräder, ein "Safety" - ein Sicherheitsniederrad. Wohlklingende Namen wie Rudge light roadster, Tricycle Royal Salvo oder Cripper: Helge geht von einem Schmuckstück zum nächsten und erklärt die Details. Das älteste Rad wurde 1878 gebaut, das jüngste 1892/93. Wer sich auskennt, sieht die Entwicklung der Technik. Wer um die Kurve fahren will, muss bei einem Rad am Griff drehen, zieht man an der Bremse, schließt sich ein Band um die Trommel. Das Rad aus dem Jahr 1890 dagegen hat einen Lenker und sogar eine Fußbremse. Natürlich fehlt an keinem Gefährt die obligatorische Klingel. Luftreifen dagegen hat kein einziges - die Luftpumpe ist also bei der Gruppe "Luftlos" tabu.

Dass man bei diesen Fahrzeugen mit modernen Ersatzteilen und Werkzeugen nicht weit kommt, sieht selbst der Laie. Und es fallen immer wieder Reparaturen an. 30 Prozent der Zeit geht bei jedem Streckenabschnitt für Reparaturen drauf. Dass die Fahrer dabei auf die Unterstützung der Bürger vor Ort bauen können, freut Helge. Mal hilft eine Autowerkstatt weiter, in Volkach hatte der Seniorchef des Hotels die passenden Zollschrauben parat. "Das Ersatzteil hat mir heute gleich geholfen. Ohne die Schrauben wäre ich angeschmiert gewesen."
Nach dem Mittagessen geht es weiter den Main entlang, der nächsten Station entgegen. Was sie so alles erleben auf ihrer "historischen" historischen Tour ist nachzulesen in ihrem Blog im Internet unter luftlos.com
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren