In einem Prozess wegen Vergewaltigung machte das Opfer keine Angaben. Was wirklich am 19. Oktober vergangenen Jahres gegen Abend in einem Salon für fernöstliche Massagen im Landkreis Main-Spessart passiert ist, konnte eine Große Strafkammer des Landgerichts Würzburg nicht mehr ermitteln: Von zunächst angeklagter "Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall" blieb mit zur Verurteilung ausreichender Sicherheit nur "wilder Sex" übrig, bei dem ein 42 Jahre alter Handwerksmeister kräftig zugepackt haben muss, am Hals der "Therapeutin", die wie er aus Südostasien stammt.
Die 36-Jährige habe, als sie gewürgt wurde, vorübergehend "keine Luft mehr bekommen". Der Mann wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Nach sieben Monaten ist der Familienvater nach der Urteilsverkündung aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

500 Euro monatlich überwiesen


Es sei, so der Vorsitzende Richter Lothar Schmitt, nicht Aufgabe der Strafjustiz, über Moral und Sittlichkeit zu urteilen. Dennoch erlaube man sich in dem ungewöhnlichen Fall den Hinweis an den Angeklagten und sein Opfer, dass man sich so, wie es vor Gericht zur Sprache kam, nicht gegenüber Ehepartnern und Kindern verhält.
Was der Handwerksmeister bei der Frau aus Thailand suchte, waren nicht die von ihr offiziell angebotenen Massagen verkrampfter Körperpartien. Es ging monatelang um Sex, nach Angaben des Angeklagten auf ihrer Massage-Liege in der Praxis, aber auch im Auto und im Wald, in Hotelzimmern und Pensionen, sogar bei ihm zuhause, als die Ehefrau einmal in Urlaub und später im Krankenhaus war. Und immer sei es sehr heftig zugegangen, "das wollte nicht nur ich", sagte der Angeklagte, auch er habe häufig danach blaue Flecken gehabt. Ob 500 Euro, die der Handwerksmeister monatelang an die Frau überwiesen hat, eine Art Flatrate für Sex waren, hat sich nicht aufklären lassen. Über den Betrag wunderte sich das Gericht, da der Angeklagte angeblich sehr knapp bei Kasse war und Schulden hatte.
Auf Zeugen aus dem persönlichen Umfeld des Angeklagten und seines Opfers hat das Gericht bewusst verzichtet: Dieses Beziehungsgeflecht und die daran Beteiligten hätten, so der Vorsitzende Richter, mehr verwirrt, als zur Aufklärung beigetragen. Viele wussten, "wer da mit wem, jetzt oder früher etwas hatte", keinen hat das gestört. Selbst der Ehemann des Opfers soll mit dem Angeklagten gut befreundet gewesen sein und ihm beim gemeinsamen Camping im Saaletal das Zelt mit Ehefrau überlassen haben, während er mit den Kindern im Zelt nebenan schlief. Und bekannt war in der Runde zum Beispiel auch, dass ein über 90 Jahre alter Rentner der Frau mit den kräftigen Fingern bis zu 10 000 Euro überwiesen hat, angeblich fürs Putzen und kleine Gefälligkeiten.
Es könne stimmen, wie zunächst angeklagt, dass die Frau aus der Massagebranche nach einigen Monaten die sexuelle Beziehung zum Angeklagten beenden wollte, dass der damit nicht einverstanden war und die Frau an ihrem Arbeitsplatz vergewaltigte, so das Gericht. Aber schon die bei mehreren Vernehmungen durch die Polizei, kurz nach der Tat, stark abweichenden Angaben des Opfers hätten eine "herabgesetzte Beweiskraft" und Spuren, die auf Vergewaltigung hinweisen, gebe es nicht. Verletzungen bei Täter und Opfer, als Lichtbilder in den Prozessakten, könnten durchaus auch, so ein Rechtsmediziner, bei heftigem, einvernehmlichem Sex entstanden sein.

1800 Euro Schmerzensgeld


Zu den Bewährungsauflagen gehört ein Schmerzensgeld in Höhe von 1800 Euro, zahlbar in Monatsraten zu je 50 Euro, 400 Stunden gemeinnützige Arbeit und ein totales Kontaktverbot zum Opfer und der Familie der Frau, einschließlich Handy und Email. Wenn der Angeklagte seine Ex-Geliebte zufällig treffe, auf der Straße oder in einer der von beiden gemeinsam häufig aufgesuchten Spielhallen, dann habe er sich unverzüglich zu entfernen. Ein Verstoß gegen die Auflagen bedeute sofort Widerruf der Bewährung und Absitzen bis zum letzten Tag.

Wieder im ehelichen Hafen


Das Urteil wurde sofort rechtskräftig: Staatsanwalt, Verteidiger und die Anwältin des Opfers haben auf Rechtsmittel verzichtet. Auf die Frage des Staatsanwalts, unter welcher Adresse der Mann künftig für die Justiz zu erreichen sei, berichtete sein Verteidiger Norman Jacob: Die Ehefrau habe ihm versichert, dass er wieder zu ihr und den Kindern kommen könne. Er werde daher wieder in den ehelichen Hafen "einlaufen, voller Reue, mit einem Sack voll Asche für sein Haupt". Er hänge sehr an seiner Familie, hatte der Angeklagte in der Verhandlung versichert, an seiner Frau und den zwei Kindern, aber er habe halt auch nebenbei Spaß haben wollen.