Fragt man Hansi Ruck, wozu Iphofen eigentlich ein Winzerfest brauche, stutzt er für einen Moment, richtet sich in seinem Stuhl auf und atmet noch einmal tief durch. An einem schlichten Holztisch einer kleinen Wohnstube sortiert ein fränkischer Winzer seine Gedanken. Das Fenster öffnet den Blick in einen bewachsenen Innenhof, an einer Wand hängen blasse Schwarzweißfotos, ein Zufallsfund vom Speicher, auf einem der Bilder der Iphöfer Marktplatz mit dem markanten Anwesen, in dem die Rucks seit Generationen ihren Wein ausbauen. „Also“, sagt Ruck in seiner ruhigen, bedächtigen Art, in der auch sein Wein reifen darf, „das Winzerfest ist sinnvoll, um Iphofen nach außen zu präsentieren.“ Und mit einem Satz wischt er alle Spekulationen um die Zukunft des traditionellen Festes wie eine lästige Fliege vom Tisch.

Hansi Ruck ist ein fränkischer Vorzeigewin-zer, einer, der das Besondere sucht und findet. Seine Weine liefert er an Adressen in der ganzen Welt. Ruck-Weine sind bekannt, haben einen klangvollen Namen, und die Frage ist: Braucht einer wie er, braucht ein Spitzenwinzer, der in der Region verwurzelt, aber in der Welt zu Hause ist, noch ein Medium wie das Winzerfest, um seinen Wein zu vertreiben? Ruck mag sich solche Fragen nicht stellen. Es irritiert und erstaunt ihn offenbar, dass andere sie stellen.

Auf der Stücht, dem Hochamt der Iphöfer Narren, hat Barbara Weigand neulich die wabernden Gerüchte um den Partyklassiker, der angeblich vor dem Aus stehe, zum Thema gemacht: Ganz Iphofen liebe sein Winzerfest am Marktplatz. „Ganz Iphofen?“, fragte die Dame in der Bütt glucksend. Nein, ein Weingut im Süden des Marktplatzes leiste heftigen Widerstand. Den Namen Ruck nannte sie nicht – es wusste ohnehin jeder, wer gemeint war. Ruck hat von der Nummer gehört, er nennt diese Vorwürfe „schwachsinnig“. Aber das sei an Fasching eben so. Da regierten die Narren. „Ich nehm's mit Humor und lache trotzdem“, teilt er mit.

Als er klein war und vor seiner Haustür die Musik des Winzerfestes spielte, musste er um sieben Uhr ins Bett. Jetzt ist Hansi Ruck Vorsitzender des Weinbauvereins, wie einst sein Vater – gewählt auf einer außerordentlichen Versammlung im Januar. Er muss nun für alle Winzer sprechen, nicht nur für seinen eigenen Laden. Also sagt er an einem sonnigen Januarmorgen. „Wir haben viele Betriebe, die Wein erzeugen. Wir müssen sehen, dass alle präsent sind.“

Als das Foto entstand, das neben Ruck an der Wand hängt, gab es in der Stadt noch kein Winzerfest. Gefeiert wird seit 1948, und nicht immer war der Marktplatz Ziel und Zentrum des weinseligen Treibens. Ruck erinnert sich noch an den Ort hinter der alten Turnhalle, der früher als Festplatz herhalten musste. In den 1970er Jahren kam der Umzug in die Altstadt. Die besondere Atmosphäre des Marktplatzes lockt seither jedes Jahr im Juli ganze Heerscharen in die Stadt – und man hat nicht den Eindruck, dass es weniger geworden sind. Dennoch fragen sich manche, wie diesem Dauerbrenner im Iphöfer Festreigen nun ein wenig Frischluft zugewedelt werden könnte.

„20 oder 30 Jahre alt“ sei das Konzept des Winzerfests, sagt Hansi Ruck, „andere Orte schlafen nicht.“ Und so sitzen seit einiger Zeit Iphofens Winzer mit Wirten und Bürgern beisammen, um zu erörtern, was denn werden soll aus ihrem Fest. Dieses Jahr wollen sie noch einmal feiern wie immer – mit Musik, die für manche zu laut, für andere zu rockig und für die nächsten zu schnulzig ist; mit einer 36 Meter langen Essensmeile, an der es später am Abend kaum noch ein Durchkommen gibt; mit Betrieb bis spät in die Nacht, in der Krach, Lärm und Ärger mit ein paar wenigen Verirrten droht; mit den immer selben Helfern an den Weinständen. Dies alles zeigt das Spannungsfeld, in dem die Veranstalter in Iphofen sich seit Längerem bewegen und aus dem sie nun einen möglichst geräuschfreien Ausweg suchen.

Der Mann, den sie im Ort halb respektvoll, halb ehrfürchtig „Mister Winzerfest“ rufen, kennt das alles zur Genüge. Walter Schubert hat von 1978 an stets in vorderster Reihe gestanden – erst als Vorsitzender des FC, dann 21 Jahre lang als Chef der Winzerfestgemeinschaft. Seit 2011 hat er alle Ämter abgegeben, aber noch immer langt er kräftig zu, wenn es darum geht, am Marktplatz Tische und Bänke aufzustellen. Auch Schubert sieht Reformbedarf, aber er warnt davor, jetzt im Stil von Tabula Rasa alles Bewährte über den Haufen zu werfen.

Da ist der Termin am zweiten Juli-Wochenende. Ihn in Frage zu stellen ist für Schubert, als wolle man Weihnachten künftig im April begehen. Und da ist das, was im Marketing-Jargon „Ambiente“ genannt wird: die Kulisse des Marktplatzes. An ihr hängt für Schubert das Schicksal dieses Festes. In lauen Sommernächten ist der von Hunderten Glühbirnen erleuchtete Ort mit seinen so geschmackvoll hergerichteten Bürgerhäusern ein Postkartenidyll. „Ich habe mit so vielen Gästen gesprochen“, sagt Schubert. „Sie alle wollen das Flair des Marktplatzes. Die sagen dir: Wenn es das nicht mehr gibt, können wir ja gleich woanders hingehen.“

Vielleicht ist die ganze Debatte auch bloß zwei ungewöhnlich milden Nächten des Jahres 1992 geschuldet. Die Iphöfer feierten damals 700 Jahre Stadtrecht, unter anderem mit einem Fest am See. Die Feuerwehr hüllte das Gelände in buntes Licht, brachte das Wasser zum Tanzen. In der Hitze der Nacht wuchsen Sehnsüchte, die noch zwei Jahrzehnte später aufbrechen. Bürgermeister Josef Mend sagt: „Wenn es ums Winzerfest geht, wird immer wieder der See genannt.“ Aber dieser See hat seine Tücken: Er kühlt ab in der Nacht, „und dann fühlt sich der Gast nicht mehr wohl“, sagt Mend. In keinem der Folgejahre könne er sich an eine ähnlich magische Nacht wie 1992 erinnern.

Voriges Jahr ist während des Winzerfestes die Schaufensterscheibe eines Kaufhauses zu Bruch gegangen, am Weingut Ruck wurde ein Fenster eingeworfen. Mend spricht von Einzelfällen. Kaum Schlägereien, leichte Sachbeschädigungen. Walter Schubert erklärt: „Ich hatte noch keine Probleme mit Anwohnern. Das Fest sollte am Marktplatz bleiben.“ Und Hansi Ruck meint: „Den idealen Platz wird es nicht geben.“ Ihm geht es um neue Konzepte, um maßgeschneiderte Lösungen, um einen „gewissen Anspruch“, der nicht bei Schnitzel und Bratwurst enden dürfe. Iphofen müsse „mit seinen Stärken glänzen“. Aber wo liegen diese Stärken? Wo beginnt die Individualität der Stadt? Wohin soll sich das Winzerfest entwickeln? Es gibt derzeit mehr Fragen als Antworten, und wenn Antworten darauf gefunden sind – muss die existenzielle Frage nicht heißen: Wer schmeißt künftig eigentlich das ganze Fest?

Bis zu 300 Freiwillige werden jedes Jahr gebraucht, um den Laden am Laufen zu halten. Aber mit den Helfern ist es kaum anders als mit den Gästen: Sie werden immer älter. Der Nachwuchs macht sich rar. Walter Schubert wird demnächst 70, viele aus seiner „Rentnerband“, die mit ihm Bänke und Tische aufstellen, gehen auf die 80 zu. Vor Jahren wurde das Fest auf vielfachen Wunsch von drei auf vier Tage verlängert – nun brechen den Vereinen die Helfer weg. 900 Mitglieder hat der TSV Iphofen, etwa 500 der FC. Nur auf dem Papier sind sie die Leistungsträger der Winzerfestgemeinschaft. In Wirklichkeit sieht es bei ihnen kaum besser aus als bei Feuerwehr, Wanderclub, Schützen und Weinbauverein, den übrigen Stützen des 1978 initiierten Gemeinschaftsmodells.

Woher rührt diese Lethargie innerhalb der Vereine? Zum einen aus einem weithin sichtbaren Phänomen in dieser Gesellschaft: dem zunehmenden Rückzug ins Private. Zum anderen aus dem Umstand, dass den Vereinen durch steigende Kosten für Kapellen und Sicherheitsfirmen immer weniger Geld bleibt. Über einen dritten Grund sagt Bürgermeister Josef Mend: „Der Druck auf unsere Vereine ist nicht so hoch wie anderswo.“ Der TSV habe die (städtische) Dreifachhalle, der FC seinen eigenen Sportplatz. „Die Vereine haben ihre Ziele erreicht.“

Jetzt müssen neue Impulse her. Die Innenhöfe, die sich am neuen Dienstleistungszentrum öffnen, könnten ruheliebenden Gästen als Rückzugsort dienen, sagt Mend. Von den Wirten erhofft er sich individuelle Speisenangebote wie einst bei der B3-Radltour – und von allen Beteiligten mehr Verständnis. „Die größte Gefahr ist, dass man ein kulturelles Ereignis in einem weintouristischen Ort in Frage stellt.“

„Der Druck auf unsere Vereine ist nicht so hoch wie in anderen Orten.“
Josef Mend, Bürgermeister Iphofen