Iphofen

Wie die virtuelle Realität den Tourismus verändern könnte

In der Iphöfer Tourist Info gibt es nun Brillen für dreidimensionale Bilder und Videos. Besucher sollen so Zugang zu Orten bekommen, die ihnen bisher verborgen blieben.
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Täuschend echt: Claudia Bellanti (Leiterin der Tourist Information Iphofen) demonstriert eine der neuen Virtual-Reality-Brillen. Foto: Corbinian Wildmeister
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Brille auf. Und plötzlich ist man einem anderen Ort. Wo gerade noch die Räumlichkeiten der Iphöfer Tourist Information waren, stehen jetzt zwei Frauen vor einem. Sie schauen nach links. Was ist dort? Das Bild ist eingefroren. Laufen ist nicht möglich, umschauen schon. Drehung nach links. Zwei riesige Kirchturmglocken, die übereinander hängen. So nah, dass, wenn sie jetzt läuten würden, man einen Hörschaden befürchten müsste. Die dunklen Glocken sind umgeben von einer Metallkonstruktion; die Decke ist hoch. Von draußen scheint Licht durch die hölzernen Lamellen der Kirchturmfenster. Fast könnte der Brillenträger meinen, er stünde jetzt tatsächlich in diesem Raum. 

Stadtmauer, Gräben und Totenschädel 

Hinweise darauf, dass es sich hierbei nur um eine virtuelle Realität handelt, gibt es aber noch genug: Der Blick nach unten zeigt das orange Logo der Stadt Iphofen als digitalen Fixpunkt und die Geräuschkulisse des Informationszentrums erinnert einen daran, wo man sich gerade befindet. Frei bewegen kann sich der Nutzer auch nicht durch den virtuell abgebildeten Kirchturm. 

Ein Wisch nach rechts auf der Fernbedienung in der Hand. Die Sicht verdunkelt sich, drei weiße Punkte blinken. Neuer Ort. Von einem Graben mit Blick auf die Stadtmauer springt der Brillennutzer zu einer Stadtführung vor einem Tor und steht schon im nächsten Moment vor einer Steintreppe, von der einen rund 50 Totenschädel anstarren. Rechts davon: eine ganze Wand aus Knochen.

Sehenswürdigkeiten entdecken, die nicht zugänglich sind 

Seit Anfang Dezember gibt es zwei Virtual-Reality-Brillen in der Tourist Information in Iphofen, auf der sich Besucher derzeit rund zehn dreidimensionale Bilder und Videos ansehen können. Gefilmt wurden diese Aufnahmen mit einer speziellen 3D-Kamera. In Reisebüros sei diese Technik schon etabliert, sagt Claudia Bellanti, Leiterin der Tourist Information Iphofen. Sie werde beispielsweise eingesetzt, um "ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es auf einem Kreuzfahrtschiff aussieht". Im kommunalen Tourismus seien solche Brillen noch eine Besonderheit. In der Region wisse sie von keiner anderen Stadt, die dieses Angebot hat, sagt Bellanti. 

 

Doch wozu das Ganze? "Wir haben bei uns einige historische Gebäude oder Sehenswürdigkeiten, die nicht zugänglich sind", sagt die Leiterin der Touristinfo Claudia Bellanti. Dazu zähle das Innere des Kirchturms der Stadtpfarrkirche St. Veit, der nur über einen "abenteuerlichen Aufstieg" zu erreichen sei, und das Beinhaus unter der Michaelskapelle. Letzteres beinhaltet die Gebeine der Menschen, die früher auf dem Friedhof um die Kirche beerdigt waren, bevor der Platz dort zu knapp wurde, man die Knochen wieder ausbuddelte und die Gräber neu belegte. Das Ossarium ist eines von wenigen seiner Art in Bayern.

Weitere Inhalte für die Brillen sind geplant

"Viele Leute fragen, ob sie da nicht mal reinschauen können. Aber das ist eine letzte Ruhestätte und es verbietet die Pietät, dass wir dort Touristen reinlassen", sagt Bellanti. Bisher konnten Besucher nur durch ein kleines Fenster in der hölzernen Eingangstür nach innen sehen. Ein Lichtschalter ermöglicht immerhin, von außen einen Eindruck davon zu bekommen, wie es in dem Raum aussieht. Auch die Wehranlagen um Iphofen können die Besucher mithilfe der Virtual-Reality-Brillen noch einmal ganz anders erleben.

Eigentlich könne man nur auf dem Wall zwischen den Gräben laufen, so Bellanti. Mithilfe der Virtuellen Realität stünde man nun aber mitten im Graben. "Dessen Tiefe und die Höhe der Mauer nimmt man so gar nicht war, weil man ja immer oben läuft." Für die Zukunft plant die Chefin der Tourist Information, noch weitere Inhalte für die Brillen zu erstellen: "Wir fänden es beispielsweise gut, wenn wir das Thema Weinkeller und Weinberg erlebbar machen könnten. Wenn jemand bei diesem winterlichen Wetter  kommt, sieht er keine Traube mehr im Weinberg. Und sie können auch nicht bei jeden Winzer hingehen und klingeln und sagen ich gehe jetzt mal durch ihren Keller durch."

Einen Überblick über die Angebote geben

Bellanti sieht das als "einen Appetithappen", um die Leute zum erneuten Besuch in einer anderen Saison zu bewegen. Überhaupt müsse die Tourist Information "ein Schaufenster dessen sein, was  man in der Region erleben kann". Touristen sollen sich mittels der VR-Brillen unabhängig von Wetter und Jahreszeit darüber informieren können, welche Angebote es gibt. Auch für das Knauf-Museum und den Iphöfer Mittelwald könne sich Bellanti solche Inhalte vorstellen. Natürlich wolle man "die Leute nicht erschlagen mit künstlichen Momenten", aber es handele sich auch nicht bloß um "technischen Schnickschnack". Wichtig sei, dass die Aufnahmen einen echten Mehrwert hätten.

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