Wiesentheid

Wie der mysteriöse Hindenburg-Brief Familien vereint

Dank der Hartnäckigkeit Arno Müllers hat die Familie von Gerald Will aus New Jersey ihre fränkischen Wurzeln wiederentdeckt. Jetzt sind sich die Männer erstmals begegnet.
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_ Foto: Barbara Herrmann
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Die Hand von Gerald Will möchte Arno Müller nicht so schnell wieder loslassen. Er umfasst sie mit seinen beiden Händen fest zur Begrüßung an der Tür seines Hauses in Wiesentheid. Die beiden Männer um die 80 begegnen sich heute zum ersten Mal – und doch ist eine tiefe Verbundenheit zu spüren. Eine, die aus der deutsch-amerikanischen Familiengeschichte Wills herrührt. Deren Erforschung ist das Verdienst Arno Müllers – und seiner Hartnäckigkeit rund um einen Hindenburg-Brief mit einem geschwärzten Absender.

Den Brief hatte der Wiesentheider im Nachlass seines Vaters entdeckt. Ludwig Müller (geboren 1904 in Heustreu) und Gerald Wills Vater Ottmar (Jahrgang 1906) waren gute Freunde in ihrer Rhöner Heimat. Diese Freundschaft der beiden Männer hält auch, als Will 1927 in die USA auswandert. Dort arbeitet sich der Rhöner aus Frickenhausen, einem Ortsteil von Mellrichstadt, vom Tellerwäscher zum Manager für Übersee-Kommunikation bei einer New Yorker Bank an der Wall Street hoch. Und dank dieser Position kann er einen Brief an seinen Freund Ludwig Müller in Unsleben (Landkreis Rhön-Grabfeld) schicken. Will schwärzt die Bank als Absender und schmuggelt die heute so wertvolle Fracht gewissermaßen in den ersten transatlantischen Hindenburg-Flug 1936.

1943 war er der „böse Deutsche“ in der Schule

Gut 80 Jahre später sitzen die beiden Söhne der guten Freunde aus der Rhön auf der Terrasse von Arno Müllers Nachbarin Anna Motz. Mit ihren perfekten Englisch-Kenntnissen hat sie entscheidend dazu beigetragen, die Nachfahren des Briefeschreibers Ottmar Will ausfindig zu machen. Dessen Sohn Gerald zeigt seinen beiden Söhnen Peter (45) und John (54) sowie dessen Sohn Brandon (18) das Kuvert, das alles ins Rollen gebracht, die fast vergessene Familiengeschichte neu aufgerollt hat.

Erstaunlich ist, wie gut Gerald Will noch Deutsch spricht. Bis zu seiner Einschulung habe er zu Hause bei seinen Eltern Emmy und Ottmar nichts anderes gehört, verrät der 81-Jährige. Doch das machte ihn bei seinem Schulstart 1943 zum „bösen Deutschen“, der ganz hinten sitzen musste.

Reise in die Rhöner Heimat

Mit seinen Eltern reist er 1954 und 1957 in die Rhöner Heimat. Dort treffen sie auch die Müllers, allerdings ohne Arno, wie sich dessen jüngerer Bruder Peter Müller erinnert.

Er ist heute mit seiner Frau Ilse extra aus dem Allgäu gekommen, um die Wills zu treffen. Damals sei ein Paket von Tante Emmy und Onkel Ottmar wie „Weihnachten und Ostern zusammen“ gewesen, sagt er. Ein großer Luxus in den harten Nachkriegsjahren und angesichts des viel zu frühen Todes des vierfachen Vaters Ottmar Will 1965. Doch die Brieffreundschaft zwischen den Müttern Emmy und Lina blieb bestehen. Und doch geriet diese Bande irgendwann in Vergessenheit. Die Müllers zogen nach Wiesentheid und bauten dort die Gärtnerei auf, die Arno Müllers Söhne als Fränkische Toskana heute führen.

Wenn die Väter das sehen könnten

Von dem – räumlichen wie zeitlichen – Abstand ist bei dem Treffen in Wiesentheid jedoch nichts zu spüren. Diese Möglichkeit, sich auf Deutsch auszutauschen, dem Gegenüber Erinnerungsstücke und alte Fotografien zeigen zu können, ist ein großes Geschenk für alle. Arno Müller strahlt und hält Gerald Will am Arm, als er sagt: „Wenn unsere Väter das jetzt sehen könnten – das wäre wunderschön.“

Das Programm der Wills ist vollgepackt, in den wenigen Tagen in der alten Heimat des Vaters, Großvaters, Urgroßvaters. Die US-Amerikaner aus drei Generationen wollen Cousins von Gerald Will in der Rhön treffen, einige kulinarische Spezialitäten Frankens ausprobieren und vor allem möglichst viel über die Heimat ihrer Vorfahren lernen.

Freude über den Männer-Trip nach Deutschland

Gerald Will bedauert, dass seine Frau Sandy aus gesundheitlichen Gründen nicht mitreisen konnte, freut sich aber sehr, den Männer-Trip noch geplant zu haben. Er ist Arno Müller ungemein dankbar für dessen hartnäckige Recherche. Sie hat dem 81-Jährigen ein Fenster in seine Vergangenheit – und in die ihrer Väter – geöffnet.

Für Gerald Will war klar, dass der erste Besuch in Deutschland nach Wiesentheid zu Arno Müller führen muss. Tags zuvor waren sie erst gelandet; nach knapp acht Stunden Flug von New York nach Frankfurt. Die Hindenburg hatte im Mai 1936 dafür noch rund 60 Stunden gebraucht.

Die Spurensuche rund um den Hindenburg-Brief

Die Briefmarkensammlung seines Vaters wurde verkauft, doch das Kuvert mit dem geschwärzten Absender und dem Stempel „First Hindenburg Flight“ erregt Arno Müllers Aufmerksamkeit. Er beginnt 2014 nachzuforschen.

Erste Anlaufstelle ist Ines Franke, Restauratorin des Würzburger Kulturspeichers. Sie kann das Rätsel um den ursprünglichen Absender aber nicht lösen. Das gelingt dank eines Kripo-Beamten aus der Nachbarschaft, der das Kuvert an einen Kollegen des Landeskriminalamts weitergibt.

Das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen, das die Müllers im Herbst 2014 besuchen, würde das Kuvert am liebsten behalten, aber keine Chance.

Aus der Rhön melden sich Verwandte des Briefeschreibers Ottmar Will. Sie geben Arno Müller Hinweise auf ein Ferienhaus in Florida. Nachbarin und Übersetzerin Anna Motz findet online eine Nummer heraus und sie erreichen tatsächlich Gerald Will und seine Frau Sandy in New Jersey, die begeistert von dem Anruf sind.

Nach Mails und Telefonaten ist Gerald Will dank Arno Müller wieder in Kontakt zu seinen Cousins in der Rhön. Einer ihrer Söhne, Marcel Pfister, arbeitet heute bei Goldman Sachs in New York. Er trifft dort die Wills.

Das Luftschiff Hindenburg machte seine erste Fahrt am 4. März 1936. Ein Jahr später, am 6. Mai 1937, geriet es bei der Landung in Lakehurst in Brand, 36 Menschen starben. (bh)

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