Ihre Wahlkampftour über kleine Dörfer im Landkreis Kitzingen habe ihr gezeigt, dass es dort teilweise keine Infrastruktur gebe, sagte Landrätin Tamara Bischof bei der Eröffnung der Seniorenwochen. Diese Veranstaltungsreihe, die bereits zum siebten Mal stattfindet, setzt sich jedes Jahr einen Schwerpunkt. Heuer ist es das bürgerschaftliche Engagement. Bischof ist überzeugt, dass das Leben für alte Menschen auf den Dörfern ohne die Hilfe ihrer Nachbarn und Mitmenschen schwierig wäre, weil sich die Senioren nicht selbst versorgen können.
Das Ehrenamt laufe im Landkreis ganz gut, sagte Bischof und zählte auf, wo sich 50 Prozent der Kreisbevölkerung engagierten: in den Bereichen Kinder und Jugend, Kirche und Religion, Soziales, Gesundheit und Pflege, bei der Feuerwehr, den Rettungsdiensten, für Sport, Freitzeit, Geselligkeit, für Umweltschutz und Tierschutz, für ältere Mitbürger sowie politisch. "Das ist weit über das normale Maß hinaus", sagte Bischof.
Im stationären Bereich seien in elf der zwölf bestehenden Altenpflege- und Wohn-Einrichtungen insgesamt 160 ehrenamtliche Mitarbeiter tätig. Und "Eine Stunde Zeit"-Gruppen gebe es bereits in Kitzingen, Mainstockheim, Marktbreit, Schwarzach, Volkach und Wiesentheid. In Dettelbach befinde sich eine Gruppe im Aufbau.
Landrätin Bischof freute sich darüber, dass der Große Sitzungssaal des Landratsamtes vollkommen besetzt war und dass eine ganze Reihe von Seniorenreferenten der Kommunen und Vertreter von Wohlfahrtsverbänden anwesend waren. Denn für sie war das Thema des Eröffnungsvortrags "Bürgerschaftliches Engagement im ländlichen Bereich" interessant. Referent war Dr. Thomas Röbke, Geschäftsführer des Landesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Bayern. Röbke hat 1997 das Zentrum "Aktiver Bürger Nürnberg" gegründet. Aufgrund seiner früheren Tätigkeit als Sozialplaner setzt er sich damit auseinander, wie sich professionelle Dienste und Bürger zusammen optimal engagieren können.
Im Durchschnitt gebe es mehr Ehrenamtliche auf dem Land als in einer Großstadt wie Nürnberg, sagte Röbke. Die meisten Engagierten möchten im Kleinen etwas verändern. Sie suchten Spaß an der Tätigkeit und nette Menschen. "Es geht nicht nur um das Dienen", sagte Röbke. Er wies aber darauf hin, dass Ehrenamtliche keine Ausfallbürgen für staatliche Leistungen sein und nicht instrumentalisiert werden wollten. "Etwas für andere zu tun, aus vollem Herzen, einfach mal etwas schenken - ich glaube, das ist ein großes Bedürfnis", beschrieb der Referent die Motivation der Helfer. Ob das alles völlig unentgeltlich sein sollte, das sei eine Frage, "die uns immer mehr umtreibt", meinte Röbke. Wichtig sei bei all dem Engagement, dass es sich mit den Strömungen der Gesellschaft weiterentwickeln müsse, um anzukommen und akzeptiert zu werden. Eine weitere Hürde: Es gibt Menschen, die sich vor einer langfristigen Bindung, etwa an einen Verein, scheuten, gab der Referent zu bedenken.
Schließlich führte er einige gute Beispiele auf, darunter waren auch ein Projekt aus dem Landkreis Kitzingen: die Nachbarschaftshilfe "Zeit füreinander", die in Volkach ihren Ursprung hat. Damit all das überhaupt erst möglich werden kann, muss es Zeitpuffer geben, so dass sich Menschen mit anderen Menschen treffen können und nicht nur den ganzen Tag und die ganze Woche durch das Berufs- und Familienleben hetzen. Röbke: "Generell sollten wir darüber nachdenken, ob wir wieder mehr Dinge in die Gemeinschaft verlagern können."
Niemand widersprach, niemand hatte noch Fragen, so dass die beiden Gitarristinnen des "Duo Tedesco" die Zuhörer mit feurigen, spanischen Melodien in den Nachmittag geleiten konnten.Die Sehnsucht nach einem Wandel, zu einem menschlicheren Landkreis, in dem mehr das Gestalten als das Verwalten im Vordergrund stehen sollte, war oft spürbar.