STADELSCHWARZACH

Wie Sandro Wagner die FC-Bayern-Fans glücklich macht

Der Mittelstürmer des Rekordmeisters ist in der „Roten Hölle“ offen und schlagfertig. Warum er bei aller Rivalität Respekt vor dem 1. FC Nürnberg hat.
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Bayern-Stürmer Sandro Wagner (rechts) und der kleine Andreas werden vom Publikum im Sportheim der DJK Stadelschwarzach zwar frenetisch angefeuert, doch gegen den Nikolaus (links) und Knecht Rupprecht waren sie letztlich chanenlos. Foto: Fotos (2): Dominik Berthel
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Es ist angerichtet im DJK-Sportheim – zum Frühschoppen gibt es Weißwürste, Brezen, Weißbier. Der Raum ist mit Bayern-Trikots und Schals aus mehreren Spielzeiten geschmückt, ein Weihnachtsbaum leuchtet. Sogar Security ist da, eine Auflage für solche Fantreffen, ebenso eine Gästeliste. Die Blaskapelle hat dieser Tage den „Stern des Südens“, die Bayern-Hymne, garantiert fleißig geprobt.

Als Sandro Wagner dann am ersten Advent erscheint, um 11.32 Uhr fast eine halbe Stunde früher als angekündigt, da geht den gut 200 Fans im Saal das Herz auf: Der 31-Jährige, elegant ganz in Schwarz gekleidet, winkt ins Publikum, das zur Blasmusik rhythmisch klatscht. „Ich bin bester Laune, ihr könnt alles fragen, was ihr wollt“, sagt Wagner.

Ein phänomenales Geschenk

Für den Bayern-Mittelstürmer muss wenig später das Geschenk vom Nikolaus geradezu phänomenal geklungen haben: Der Mann vom Himmel („Mein Chef hat sich nur gewundert, warum ich freiwillig in die Rote Hölle gehe.“) versprach dem „Backup“ von Torjäger Robert Lewandowski mehr Einsatzzeit, ab sofort. „Dafür musst du nur noch den Passantrag für die DJK Stadelschwarzach unterschreiben.“ Gelächter im Sportheim, das nach einem trockenen Kommentar aus dem Off noch anwächst: „Für unsere Zweite wirds reichen.“

In solch einem Moment hätte man gerne das Gesicht von Robert Lewandowski oder Arjen Robben gesehen. Aber Sandro Wagner wäre nicht Sandro Wagner, würde ihm so ein kesser Spruch etwas anhaben. Er lacht einfach herzhaft mit, auch wenn seine Situation beim FC Bayern derzeit alles andere als rosig ist: Startformation in nur einem von 13 Bundesligaspielen, plus drei Kurzeinsätze, null Tore. Dazu drei Kurzeinsätze in der Königsklasse, gerade mal ein Saisontor – im DFB-Pokal beim Viertligisten SV Rödinghausen.

Viele Einsätze und Tore

Dass ein Robert Lewandowski gesetzt ist, es mit Einsatzzeiten schwierig werden könnte, sei ihm vor seinem Wechsel von Hoffenheim nach München Anfang 2018 bewusst gewesen. „Aber der FC Bayern ist mein Verein, ich wollte immer irgendwann einmal zurück. Und ich bin stolz, dass ich das geschafft habe.“ In der Rückrunde der Vorsaison habe er viele Einsätze gehabt und Tore geschossen, im Verein und in der Nationalelf. „Klar ist es enttäuschend, wenn man nicht so viele Minuten bekommt. Aber ich gebe Gas und versuche nach Kräften, die Kollegen auf dem Platz zu unterstützen.“

Ob Jupp Heynckes ihm lieber und der bessere Trainer war, will daraufhin eine Anhängerin wissen, die den Name Nico Kovac so komisch rollt, dass ihre Skepsis spürbar wird. Ausnahmsweise lächelt der Gefragte eine Antwort weg, woraufhin es die Frau noch einmal anders versucht: „Hat es denn bei Jupp Heynckes mehr Spaß gemacht?“ Erneut Gelächter im Saal – man braucht nicht viel Fantasie, sich eine markige, Sandro-like Antwort vorzustellen. Doch für Harakiri ist er zu sehr Profi, fügt nur vielsagend an. „Lass uns darüber doch mal unter vier Augen reden.“

Gutes Gespräch mit Jogi Löw

Wohin klare Kante führen kann, hat der 31-Jährige vor der WM in Russland erfahren. „Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse“, hatte er nach seiner Aus fürs WM-Aufgebot erklärt und war wenig später aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. „Ich habe gesagt, was ich denke. Verbiegen werde ich mich nicht.“

Ob er den Rücktritt inzwischen bereue, wird der Gast aus München gefragt, beim Neuaufbau gerne dabei wäre? „Nein, die handelnden Personen haben sich ja nicht geändert. Es war ein Fehler, mich nicht mitzunehmen. Und es wäre ja komisch, wenn ich plötzlich gebraucht würde. Das WM-Ergebnis hat mich darin bestätigt, dass meine Kritik zutreffend war.“ Dessen ungeachtet habe er inzwischen ein Gespräch mit Jogi Löw gehabt – ein gutes – wie Wagner betont. „Ich habe meine Sicht noch mal erklärt, er seine. Das gehört sich, jetzt ist es gut. Ich hasse es, wenn Dinge nicht ausgesprochen werden, wenn Leute sich aus dem Weg gehen, ja im Extremfall sogar die Straßenseite wechseln.“

Abseits vom Mainstream

Zu den glattgebügelten Profis der Liga jedenfalls gehört der Stürmer nicht, der sich auch bei weiteren Themen Einstellungen abseits vom Mainstream leistet: Er würde über ein Tor gegen Hoffenheim oder einen anderen früheren Verein jubeln, sagt er. „Nicht, weil es mir an Respekt fehlt, sondern weil ich meine Freude einfach zeigen will.“

Und – allmächt – selbst zum 1. FC Nürnberg, dessen Namensnennung genügt, um Buhrufe und ein gellendes Pfeifkonzert auszulösen, hat er eine eigene, respektvolle Meinung. „Als Bayer hege ich generell mal eine gewisse Sympathie für Vereine von hier. Und ich habe Club-Trainer Michael Köllner mal kennen gelernt, mich gut mit ihm unterhalten. Ich habe viel Respekt davor, was er auch mit jungen Spielern aus der Region geschafft hat“.

Kochen und Mannschaftsabende

Nur am Samstag, da sollte es in München beim Derby gegen den Club natürlich einen Sieg geben, möglichst einen klaren. Auch, um Dortmund nicht weiter ziehen zu lassen – neun Punkte Rückstand, die würden an seinem Ego kratzen. „Egal was andere sagen: Ich schreibe den Titel noch nicht ab. Die haben zwar einige enge Spiele gewonnen, aber übergalaktisch sind sie nicht.“

Einen der besten Lacher des kurzweiligen Besuchs gibt es, als ein DJK-Spieler erklärt, was er und seine Kumpels so alles fürs Teambuilding unternehmen, etwa Kochen und Mannschaftsabende. Und wie das denn beim FC Bayern sei. „Ich bin froh, dass der Eine oder Andere bei uns nicht kocht“, entgegnet Wagner, der hernach beim Tischkicker gegen Nikolaus und Knecht Rupprecht torlos bleibt. Dafür gelingt seinem Mitspieler, dem achtjährigen Andreas, das Ehrentor, was Sandro und das Publikum frenetisch bejubeln.

Ein echter Knaller

Ein Eintrag ins Goldene Buch von Prichsenstadt, Geburtstagsständchen (Wagner wurde am Donnerstag 31), die Ehrenmitgliedschaft beim Fanklub „Rote Hölle“ – Geschenke und gute Worte gibt es reichlich für den Ehrengast. „Der Kofferraum ist offen, wenn einer noch was hat“, scherzt der Stürmer, der die Urkunde für seine Ehrenmitliedschaft vor der Unterschrift genau begutachtet. „Du kaufst hier nichts“, bekräftigt Markus Fick zur Freude der Anwesenden.

Der Präsident des Fanklubs hat allen Grund, über diesen Tag glücklich zu sein. Fünf Jahre gibt es den Verein nun, Sandro Wagner wird als 100. Mitglied geführt. Und dass er tatsächlich Ehrengast zur Geburtstagsfeier im Sportheim zu Gast ist, sei ein „echter Knaller“, wie Fick betont. Wie gut aufgelegt der Bayern-Profi ist, wie gut er aufnimmt, was um ihn herum passiert, wird immer wieder an kleinen Bemerkungen deutlich. Auch der Autor dieses Beitrags bekommt eine ab, zur Freude des johlenden Publikums: „Da unten gibts Probleme mit der Weißwurst. Bei uns in München wird die ausgezuzelt“.

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