Prichsenstadt

Wie Michael Glos vom Fall der Mauer erfuhr

9. November 1989: Während sich in Berlin die Ereignisse überschlagen, diskutiert der Bundestag in Bonn über das Vereinsförderungsgesetz. Michael Glos erinnert sich.
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"Die Maueröffnung und die deutsche Wiedervereinigung sind das herausragende Erlebnis meiner 37 Jahre im Bundestag", sagt Michael Glos. Foto: Thomas Obermeier
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Michael Glos hat in der Politik eine eindrucksvolle Karriere hingelegt. 37 Jahre, von 1976 bis 2013, vertrat der Müllermeister aus Prichsenstadt (Lkr. Kitzingen) den Wahlkreis Schweinfurt im Bundestag, von 2005 bis 2009 war der CSU-Politiker Bundeswirtschaftsminister. Den meisten Einfluss indes hatte Glos als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe. Von 1993 bis 2005, so lange wie kein anderer davor und danach, hatte er diesen Posten inne.

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Schon während der turbulenten Tage rund um Mauerfall und Wiedervereinigung war der heute 74-Jährige in vorderer Reihe dabei. Gefragt nach seinen Erlebnissen, muss Michael Glos manchmal ein wenig überlegen. Nicht jedes Detail der historischen Momente vor 30 Jahren hat der Prichsenstadter gleich präsent. Dann aber fällt ein Stichwort – und die Erinnerung sprudelt.  

Frage: Herr Glos, wo waren Sie am 9. November 1989 als abends in Berlin die Mauer fiel?

Michael Glos: Ich saß im Bundestag, im Bonner Wasserwerk. Wir haben bis in den Abend hinein über das Vereinsförderungsgesetz beraten. Als finanz- und steuerpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion hatte ich Parlamentspflicht. Ansonsten waren gar nicht viele Abgeordnete im Plenum. Plötzlich machte sich Unruhe breit. Kollege Rudi Kraus, der Geschäftsführer unserer Fraktion, saß neben mir in der ersten Reihe und bekam laufend von den Saaldienern Zettel reingereicht. Das waren Ticker-Meldungen, abgerissen aus dem Fernschreiber. Damals gab es ja weder Handys noch Emails.

Was stand da drauf?

Glos: Zunächst die Nachricht aus der Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, dass die DDR ab sofort freies Reisen in den Westen und nach Westberlin erlaubt. Bald darauf gab es dann erste Hinweise, dass viele Menschen in Ostberlin in Richtung Brandenburger Tor und der Grenzübergänge strömen. Da war ich mir sicher: Das ist das Ende der DDR, damit ist Deutschland wiedervereinigt. Das habe ich so auch gesagt.

Und wie ging die Debatte weiter? Immerhin hatten sie das spannende Thema Vereinsförderung.

Glos (lacht): Mir war sofort klar, das kann so jetzt nicht weitergehen. Ich rief im Kanzleramt an und sprach mit Rudolf  Seiters, dem Kanzleramtsminister. Helmut Kohl war zu diesem Zeitpunkt nicht im Lande, er war mit einigen Ministern auf Staatsbesuch in Polen und flog erst am nächsten Morgen nach Deutschland zurück. Seiters kam dann in den Bundestag und gab eine kurze Regierungserklärung ab.

Wann war das?

Glos: Das muss gegen 21 Uhr gewesen sein. Wir haben Druck gemacht, dass das Thema Vereinsförderungsgesetz von der Tagesordnung genommen wurde. Jetzt gab es Wichtigeres. Seiters würdigte die Entscheidung der DDR, Reisefreiheit zu gewähren. Immer mehr Abgeordnete kamen aus ihren Büros ins Plenum. Wir sind dann spontan aufgestanden haben die Nationalhymne gesungen: „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Leider haben nicht alle mitgesungen.

Wer nicht?

Glos: Ich bin kein Sozi-Fresser. Aber es hat mich schon erschüttert, dass viele Abgeordnete der SPD nicht mitgesungen haben. Offensichtlich aus Enttäuschung, dass ein sozialistisches Experiment gescheitert ist.

Willy Brandt hat sogar geweint, heißt es in Presseberichten von damals.

Glos: Brandt schon. Aber viele SPD-Abgeordnete eben nicht. Ich konnte das nicht verstehen.

Wie ging es weiter?

Glos: Die Bundestagssitzung wurde abgebrochen. Ich aber hatte noch einen Gedankenblitz. Ich ging in eine Telefonzelle vor dem Plenarsaal und buchte für den nächsten Morgen einen Flug von Köln/Bonn nach Westberlin mit British Airways. Es gab täglich lediglich einen Flug. Ich habe so ziemlich den letzten Platz erwischt.

Und dann sind Sie am 10. November in Berlin gewesen.

Glos: Ich bin heute noch dankbar, dass ich diesen historischen Augenblick mit eigenen Augen erleben konnte. Ich sah in viele glückliche, aber auch ängstliche Gesichter der Menschen aus dem Osten. Die konnten gar nicht glauben, was hier geschah. Die Freude war groß. Viele Menschen hatten aber auch Angst, dass vielleicht doch noch geschossen und die Mauer wieder dicht gemacht wird. Zum Glück ist alles friedlich verlaufen.

"Ich habe eine  Wiedervereinigung auf friedlichem Wege damals nicht für möglich gehalten." 
Michael Glos über seine Haltung zu Beginn seiner Bundestagskarriere 
Mittlerweile war auch in Unterfranken die Grenze offen.

Glos: Tags drauf war ich wieder daheim. Es war Samstag. Meine Frau und ich sind mit unseren beiden Söhnen, damals 19 und 15 Jahre alt, an die Zonengrenze bei Mellrichstadt gefahren. Wir erlebten die Schlangen von Trabis, die aus dem Osten kamen. Der Benzingeruch ist unvergessen. Die Menschen aus Ost und West fielen sich in die Arme. Es war überwältigend. Bis heute gilt: Die Maueröffnung und die deutsche Wiedervereinigung sind das herausragende Erlebnis meiner 37 Jahre im Bundestag.

Waren Sie denn bis zur Wende mal in der DDR?

Glos: Nein, wir hatten keine Verwandtschaft drüben. Nur in Ostberlin sind wir einmal für ein paar Stunden gewesen – und haben brav unseren Zwangsumtausch bezahlt. Ein anderes Mal hat es aber auch nicht geklappt. Da wollte ich mit meinem Diplomatenpass einreisen, das war vielleicht etwas provozierend. Jedenfalls wies mich der Grenzer zurück mit den Worten: Ihr Aufenthalt in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik ist unerwünscht. Ich habe ihn gefragt: Haben Sie eine Begründung dafür? Er hat geantwortet: Nein, ich habe keine Begründung.

Sie sind 1976 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden – mit 31 Jahren. Haben Sie damals mit der Deutschen Einheit gerechnet?

Glos: Wir in der CSU haben immer gesagt: Die deutsche Frage ist offen, die Einheit bleibt das Ziel. Aber ehrlich gesagt: Ich habe eine  Wiedervereinigung auf friedlichem Wege damals nicht für möglich gehalten.  Geschweige denn, dass ich diesen Tag erlebe. Umso dankbarer müssen wir heute noch sein.

Von Dankbarkeit ist heute nur gar nicht mehr so häufig die Rede, vielerorts hat sich Ernüchterung breit gemacht. Was ist falsch gelaufen?

Glos: Menschen machen immer auch Fehler. Aber im Großen und Ganzen gibt es, glaube ich, keine Alternative zu dem Einigungsprozess, wie er gelaufen ist. Man musste einfach erkennen, dass die Wirtschaft in der DDR komplett zusammengebrochen war. Bei den Kombinaten und LPGs  war in aller Regel nichts mehr zu retten.

War es richtig von Helmut Kohl, blühende Landschaften zu versprechen?

Glos: Ich glaube schon, dass es gut war, Optimismus und Zuversicht zu verbreiten, auch wenn das Wort von den blühenden Landschaften etwas überzogen war. Sonst hätten viele Menschen im Osten doch aufgegeben. Und auch im Westen wäre die Bereitschaft, Geld für den Aufbau der Infrastruktur in den Ländern zu bezahlen, geringer gewesen.

Heute sorgen Wahlerfolge der Rechten im Osten für Schlagzeilen. Zuletzt erzielte die Höcke-AfD in Thüringen 23,4 Prozent. Erschreckt Sie das?

Glos: Ja, das erschreckt mich. Ich glaube aber, einen Bodensatz von 15 Prozent Rechten hat es immer schon gegeben, auch im Westen. Die haben jetzt mit der AfD eine Partei gefunden. Das gehört auch zur Demokratie. Verbote helfen da nichts. Da  müssen wir argumentativ gegenhalten.

Sind Sie denn in der Nachwendezeit im Osten gewesen?

Glos: Ja, oft. Es gab viele Reisen mit der Landesgruppe in die neuen Länder. Aber auch privat haben wir uns immer wieder umgeschaut, in Dresden, in Weimar. Wir waren auch zum Wandern im Elbsandsteingebirge oder an der Mecklenburgischen Seenplatte.

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