KITZINGEN

Wie Kitzinger die Fastenzeit als Wegweiser für ihr Leben sehen

Am Aschermittwoch hat die vierzigtägige Fastenzeit begonnen. Nach christlichem Verständnis soll sie auf das bevorstehende Osterfest vorbereiten. Viele können damit nicht mehr viel anfangen, sind ihnen doch Glaube und kirchliche Gebote fremd geworden.
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Birgit Wagner
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Am Aschermittwoch hat die vierzigtägige Fastenzeit begonnen. Nach christlichem Verständnis soll sie auf das bevorstehende Osterfest vorbereiten. Viele können damit nicht mehr viel anfangen, sind ihnen doch Glaube und kirchliche Gebote fremd geworden.

Dennoch hat die Fastenzeit und der damit verbundene Verzicht einen tieferen Sinn. Was es bedeutet, freiwillig auf etwas zu verzichten und welche positive Wirkung die selbst auferlegte Enthaltsamkeit auf das persönliche Leben hat – davon erzählen vier Menschen, die wir bei unserer Umfrage auf dem Kitzinger Marktplatz getroffen haben.

Isolde Heim-Weidinger ist eine derjenigen, für die das Wort „Fastenzeit“ noch eine besondere Bedeutung hat. „Ich versuche jedes Jahr, auf etwas zu verzichten“, sagt die 40-jährige Buchhändlerin. Dabei sucht sie sich nicht „irgendetwas“ aus. Es sind lieb gewordene Gewohnheiten oder besondere Vorlieben, die sie vorübergehend aus ihrem Leben streicht. In diesem Jahr ist es die heiß geliebte Schokolade, der Gaumengenuss und „Seelentröster“, die sie sich sieben Wochen lang nicht gönnt.

Der Verzicht auf die süßen Kalorien lässt zwar die Pfunde purzeln. Doch darum geht es der Lülsfelderin nicht. „In der Fastenzeit versuche ich inne zu halten und mich auf mich selbst zu besinnen“, sagt sie. „Das ist wichtiger als der Verzicht auf Schokolade.“ Die freiwillige Abstinenz betrachtet sie mehr als Hilfsmittel, als tägliche Erinnerung, „das Eigentliche nicht aus den Augen zu verlieren“. Jedes Jahr versucht sie an einem anderen persönlichen Thema „dran zu bleiben“. Zudem habe der freiwillige Verzicht noch eine andere positive Wirkung: „Man wird auf andere wichtige Dinge im Leben aufmerksam“, meint sie. „Und man wird dankbarer für Dinge, die normalerweise selbstverständlich sind.“

„Ich möchte mir beweisen, dass ich ein paar Wochen lang auf bestimmte Dinge verzichten kann.“

Reiner Straßer entsagt leiblichen Genüssen

Nicht nur der Schokolade, sondern auch anderen leiblichen Genüssen entsagt Reiner Straßer. In der Fastenzeit verzichtet er komplett auf Süßigkeiten, Fleisch, Alkohol und Kaffee. Letzteres ist für den 51-Jährigen besonders schwer. Denn er ist nicht nur ein leidenschaftlicher Kaffeeliebhaber. Als Inhaber des Kitzinger Cafés „Casa Konrad“ weht ihm täglich der Duft von frisch gerösteten Kaffeebohnen um die Nase. Aber warum tut er sich das an? Was bewegt diesen Mann, auf etwas zu verzichten, was ihm normalerweise lieb und teuer ist?

„Ich möchte mir einfach beweisen, dass ich ein paar Wochen lang auf bestimmte Dinge verzichten kann“, erklärt der Kitzinger Gastronom. Ein „typischer Kirchgänger“ ist er nicht. Auch ist die selbst gewählte Enthaltsamkeit für ihn keine Glaubensfrage. Dennoch sieht er in der von der Kirche festgelegten Fastenzeit durchaus einen Sinn: „Man bekommt ein anderes Bewusstsein und gewinnt durch den freiwilligen Verzicht ein Stück innere Freiheit, weil man merkt: Ich bin nicht abhängig von bestimmten Dingen“. Dies wirke sich wiederum positiv auf die persönliche Gefühlswelt aus. „Jedes Mal“, so sagt er, „bin ich ein bisschen stolz auf mich, wenn ich meine Vorsätze durchgehalten habe“.

Eine andere Form des Verzichts versucht Birgit Wagner ihren Schülern nahe zu bringen. Sie ist Lehrerin an einer Kitzinger Schule und hatte die Idee, die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche in ihren Religionsunterricht einzubringen. „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“ lautet deren Motto. Gemeinsam mit den Schülern überlegt die 58-jährige Pädagogin: Wie sehen sie sich selbst? Wie sehen sie die anderen? „Die Denkanstöße sollen helfen, sich selbst und andere mit allen Schwächen und Stärken anzunehmen.“ Das sei gar nicht so einfach. „Oft wird jemand in eine Schublade gesteckt, aus der er nicht mehr heraus kommt. Die Schüler sollen versuchen, den anderen mit anderen Augen zu sehen.“

Bei der Fastenaktion steht jede Woche ein anderes Thema im Mittelpunkt. So haben sich die Schüler beispielsweise mit der Frage beschäftigt: „Du bist ein Talent! Was kannst du besonders gut? Was können andere besonders gut?“ „Je nach Persönlichkeit fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus“, hat Birgit Wagner festgestellt. „Manchen fällt zu sich selbst sehr viel ein, anderen überhaupt nichts.“ Das gemeinsame Nachdenken hilft nicht nur, sich gegenseitig besser kennen zu lernen. Es stärkt auch das Selbstbewusstsein: „Die Schüler sind schon stolz, wenn sie von den anderen gesagt bekommen, was sie gut können.“

Dass freiwilliger Verzicht – nicht nur auf das „Runtermachen“ – Leib und Seele gut tut, kann auch Dirk Heidler bestätigen. Seit acht Jahren isst der gebürtige Niederbayer weder Fleisch noch Wurst. Durch eine Darmkolik wurde er seinerzeit zum Vegetarier. „Ich hatte bis dahin sehr viele tierische Produkte und auch sehr fett gegessen“, berichtet er. Irgendwann habe sein Körper „Stop!“ gesagt. Also stellte er seine Ernährung komplett um. Statt Fleisch und Wurst isst er jetzt viel Obst und Gemüse. Schwer fiel ihm das Ganze nicht. Denn: „Der Körper verzichtet von selbst auf bestimmte Dinge, wenn er es braucht.“

Heute fühlt sich der 44-Jährige nach eigener Aussage „viel fitter“. Die verschiedenen Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre haben ihn zusätzlich in seiner Entscheidung bestärkt. „Wenn Fleisch mancherorts so billig angeboten wird, muss man sich schon fragen: Wo kommt es eigentlich her? Unter welchen Bedingungen wird es produziert?“

Ein Umdenken, ein bewussteres Leben und mehr Achtsamkeit gegenüber der Natur und den Mitlebewesen würde den Menschen der heutigen Wohlstandsgesellschaft gut tun – davon ist Dirk Heidler überzeugt. Die Fastenzeit brauche man dazu zwar nicht unbedingt. Aber sie sei eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken. Fotos: Ludwig

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