Kitzingen

Wie Ingenieure Leben retten

Wir rasen auf das Stauende zu. Der Fahrer des schneeweißen Ford blickt ganz gelassen auf den Lkw-Hänger vor uns und tut – gar nichts. Seine Füße stehen lässig vor dem Sitz. Der Hänger vor uns wird immer größer. 70 Kilometer pro Stunde zeigt der Tacho jetzt an, der Laster ist schon ganz nah. Man möchte vor Angst schreien, als die Bremse plötzlich mit voller Kraft aktiv wird. Wir hängen in den Gurten. Der Fahrer hat das Pedal nicht berührt. Trotzdem kommen wir vor dem Hänger zum Stehen. Gerade noch so.
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Die Mono-Kamera (oben in der Mitte der Windschutzscheibe) erkennt den Fußgänger problemlos. Der Fahrer wird gewarnt.
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Wer hätte das vor zehn Jahren gedacht? Wer hätte es für möglich gehalten, dass die namhaftesten Autohersteller der Welt einmal ihren Fokus ausgerechnet auf Kitzingen richten würden? Wer hätte in Erwägung gezogen, dass sich hier die sagenhaften Erlkönige einfinden? Dass hier neue, lebensrettende Technik erstmals getestet wird?

Genau das passiert gerade. Hermann Henftling aus Mainstockheim hat daran nicht unerheblichen Anteil. Er ist Manager beim Unternehmen Autoliv B.V. & Co KG und leitet das seit 1994 in Schweinfurt ansässige europäische Radar-Center. 30 hoch spezialisierte Ingenieure arbeiten dort an Innovationen, die immer mehr Fahrsicherheit bringen.

Um Neuentwicklungen zu testen, hat Autoliv früher offizielle Testgelände in Papenburg (Niedersachsen), Idiada (Spanien) oder Nardo (Süditalien) angemietet. „Eine eigene Teststrecke ermöglicht es uns, viel schneller und flexibler auf aktuelle Anforderungen einzugehen“, stellt Henftling fest. Als sich die Möglichkeit ergab, das Kitzinger Flugplatz-Gelände mit seiner zentralen Lage in Deutschland und den großzügigen Flächen rund um die Start- und Landebahn zu mieten, musste der Mainstockheimer nicht lange Überzeugungsarbeit im Unternehmen leisten.

Seit zwei Jahren nutzt Autoliv das Areal für Testfahrten. „Mit Inhaber Markus Blum ist die Zusammenarbeit völlig unkompliziert und produktiv“, freut sich Hermann Henftling. „Die Auslastung der Strecke ist enorm hoch, höher als gedacht.“ Getestet werden nicht nur – von außen unsichtbare – Radar-Sensoren, sondern auch neuartige Mono- und Stereo-Kamerasysteme sowie Assistenzfunktionen für mehr Fahrsicherheit.

Der überwiegende Teil aller Verkehrsunfälle ist auf menschliches Versagen zurückzuführen. Wie „intelligente“ Technik Leben retten kann, durften Pressevertreter und Kunden aus aller Welt diese Woche im ConneKT-Gewerbepark hautnah erleben. Über ein Dutzend unterschiedlich ausgerüstete Testfahrzeuge standen bereit.

„Buckled-up?“ Die Frage, ob alle angeschnallt sind, ist vor jeder Testfahrt obligatorisch. Und sehr sinnvoll. Beispiel: Vier Autos simulieren eine kleine Kolonne auf der Autobahn. Der erste Fahrer macht eine Vollbremsung. Die hinter ihm Fahrenden (die im Test auf Parallelbahnen fahren) haben keine Chance – alle Wagen krachen ineinander. Nun dasselbe Szenario mit der neuen Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation V2V/ V2X. Die Notbremsung des ersten Fahrzeugs wird an das vierte übermittelt, so dass dessen Fahrer nahezu gleichzeitig mit dem Fahrer des ersten Autos bremsen kann, ohne dass die Reaktionszeit der Fahrer zwei und drei zu Verzögerungen führt. Fahrzeug vier kommt nun rechtzeitig zum Stehen. „Auf diese Weise lassen sich schwere Unfälle vermeiden oder zumindest abschwächen, Massenkarambolagen gegebenenfalls verhindern“, stellt Hermann Henftling fest.

Auch andere Systeme, die auf Kamera- und Radartechnik beruhen, etwa die Spurwechselhilfe und der Spurhalteassistent, erhöhen die Sicherheit auf der Straße, indem sie vor Kollisionen warnen oder diese gar aktiv vermeiden und gegensteuern. „Wie wir Menschen braucht auch jedes Fahrzeug unterschiedliche Sinne. Kamera- und Radar-Anwendungen sind so gesehen Augen und Ohren fürs Auto“, erklärt Autoliv-Marketing-Leiterin Birgit Degler.

Der Abstandsregeltempomat (ACC) ist quasi das dritte, aber vielleicht aufmerksamste Auge des Fahrers. Fährt er auf ein Hindernis zu, warnt ihn das ACC zunächst akustisch, leitet aber auch selbstständig das Bremsen ein, wenn der Fahrer „schläft“. Bei zäh fließendem Verkehr sorgt eine automatische Stop-&-Go-Funktion für stressfreies Fahren.

Auch fürs rückwärts Ausparken gibt es bereits zuverlässige Helfer, die selbst auf kürzeste Distanz Zusammenstöße verhindern – Radar-Technologie, die mühelos selbst durch Holz, Kunststoffe, Büsche und andere Vegetation „schauen“ kann, macht's möglich. Ein Auspark-Test mit der neuen Mercedes-E-Klasse, in der die Autoliv-Technik verbaut ist, beweist das eindrucksvoll.

Einmal in die Zukunft beamen – auch das geht in Kitzingen. Wie von Geisterhand gesteuert fährt der Testwagen über den Asphalt, sobald der Fahrer das „Autodrive“ aktiviert hat. Das Lenkrad leuchtet in unterschiedlichen Farben, die dem Fahrer unter anderem sagen, wann er eingreifen muss.

Jede technische Innovation hat andere Stärken. Mono-Kameras erkennen Schilder, Fahrzeuge und auch nicht markierte Fahrbahnränder gut, Stereo-Visualisierungen erzeugen 3D-Bilder, Nachtsichtkameras blicken durch Nebel und Dunkelheit, sehen Mensch und Tier, und Radar kann auch bewegte und weit entfernte Objekte gut „einsortieren“. Um die Pluspunkte aller Systeme zu vereinen, „ist die Fusion verschiedener Technologien in Arbeit“, sagt Henftling.

Er ist schon ein wenig stolz darauf, „dass wir die Entwicklung modernster Technologie in meine Heimat bringen“. Und Sicherheit in alle Welt. Hermann Henftlings Vision ist es, dass Autoliv – nach Tests in Kitzingen – noch viele Innovationen auf den Weg hin zum autonomen Fahren bringt. Und damit auch künftig Menschenleben rettet.

Autoliv – Daten & Fakten

Unternehmen: Die Autoliv B.V. & Co. KG in Deutschland mit den Standorten Elmshorn, Dachau, Schweinfurt und Holzgerlingen ist ein Tochterunternehmen des global tätigen Konzerns Autoliv Inc. und ist spezialisiert auf die Entwicklung und Produktion von passiven Insassenschutz- und aktiven Fahrerassistenzsystemen. Der schwedisch-amerikanische Konzern besitzt auf allen fünf Kontinenten Niederlassungen und Joint Ventures sowie Entwicklungs- und Versuchseinrichtungen. Autoliv beliefert alle namhaften Automobilhersteller weltweit.

Teststrecke Kitzingen: Seit 2014 nutzt Autoliv den einstigen Kitzinger Flugplatz, um Sicherheitssysteme zu testen, etwa neuentwickelte Radar- und Kamera-Technik. Eine frühere Lkw- und Panzer-Wartungshalle hat Autoliv so umgebaut, dass dort statische Radarmessungen möglich sind.

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