Aus dreierlei Richtung flattert die Nachricht in die Redaktion: In drei Privatgärten in der Region haben sich Waldohreulen eingenistet. Familie Scheller findet ein Eulenpaar samt fünffachem Nachwuchs in ihrem Estenfelder Garten, Familie Fischer aus Volkach Vogeleltern mit gar sechs Jungen und Dieter Mehling zählt ein Elternteil und drei Jungvögel hinter seinem Haus in Sommerach.

Allesamt sind die stolzen Finder im Eulenfieber: Jeden Abend beobachten die Schellers begeistert die Fütterung und die ersten Flugversuche der Kleinen. „Es ist faszinierend, der eine Elternteil bringt eine Maus, übergibt sie dem anderen und dann bekommen die Jungen die Beute Stück für Stück zu fressen. Ist einer fertig, muss er für den Nächsten Platz machen“, erzählt Christine Scheller.

„Die Eulen sind zum Kulturfolger geworden: immer näher am Menschen.“

Robert Endres Vogelkundler

Die Futtersuche ist in Wohngebieten einfacher. Mehr Müll, mehr Essbares für Mäuse und folglich auch für deren Fressfeinde, die Eulen. Robert Endres, Vogelkundler vom Landesverband Vogelschutz, erkennt darin eine logische Folge: „Die Eulen sind zum Kulturfolger geworden: immer näher am Menschen.“

Vor gut zwei Wochen entdeckt Christine Scheller „die süßen Wollknäuel“. Das Nest vermutet sie auf dem Nachbargrundstück. Die genauen Nistorte sollten nicht publik werden, empfiehlt Endres. Zu viele neugierige Leute unter den Bäumen würden die Brutpflege stören.

Die dauert nur ein paar Wochen. „Die Kleinen entwickeln sich schnell, man kann richtig zuschauen“, freut sich Christine Scheller. Ihr siebenjähriger Sohn Lars liegt regelmäßig mit seinem Fernglas auf der Lauer. Von seinem Fenster aus hat er eine tolle Sicht: „Kürzlich hat ein Eulenbaby versucht, auf dem Kirchendach zu landen. Aber dann ist es abgerutscht. Zum Glück ist nichts passiert“, erzählt er.

Dieter Mehling aus Sommerach hat sogar einmal einen jungen Bruchpiloten wieder auf den Ast gesetzt. Natürlich nur mit Handschuhen – um den Vogel vor dem menschlichen Geruch und sich selbst vor den scharfen Krallen zu schützen.

Seltsame Geräusche haben die Schellers, aber auch die Fischers und Mehlings auf ihre nachtaktiven Nachbarn aufmerksam gemacht. „Es klang wie eine rostige Schaukel“, erinnert sich der 15-jährige Timo Scheller. Der Sommeracher Dieter Mehling meint, die „alten Eulen würden bellen, die jungen eher pfeifen“. Ihn stört aber weder der Lärm noch das ausgewürgte Gewölle, das auf den Boden unter dem Ahornbaum fällt. Auch Horst Fischer aus Volkach freut sich jedes Mal, wenn er die Eulen rufen hört. Die Dohlen, die er auch in seinem Garten beherbergt, machten um einiges mehr Krach, sagt er. Doch auch die würde er deshalb niemals aus seinem Garten verbannen.

Dabei gibt es offenbar auch weniger tolerante Anwohner: Im vergangenen Jahr führte das Jammern der hungrigen Jungvögel zu einem Tier-Drama in Estenfeld. Ein genervter Anwohner fühlte sich von den Tieren so gestört, dass er mit Steinwürfen und gezielten Wasserstrahlen aus dem Gartenschlauch auf sie los ging. Vogelfreund Endres kann solche Reaktionen nicht nachvollziehen:„Man muss den Leuten klar machen, dass ihnen zwar der Baum gehören mag, aber nicht der Vogel, der darauf sitzt.“ Dafür sorgt das Naturschutzgesetz. Er mahnt dringend, keine Mäuse mehr mit Giftfutter zu töten. Erst vor ein paar Tagen sei eine Waldohreule über Tage elendig unter seiner Obhut gestorben, weil sie vergiftete Mäuse gefressen hatte. Jede Hilfe war vergeblich. „Die Nahrungskette gerät dann vollkommen aus dem Gleichgewicht.“

Der Estenfelder mit dem Wasserschlauch hätte damals nur ein wenig Geduld aufbringen müssen, sagt auch Jürgen Färber von der Würzburger Greifvogelauffangstation: „Bis die Jungvögel nach drei bis vier Wochen flügge werden, durchlaufen sie verschiedene Stadien. Wenn sie das Stadium der 'Ästlinge' erreicht haben, wagen sich die Jungen vom Nest weg in benachbarte Bäume. Damit das Elternpaar den Nachwuchs in der Nacht findet und Futter bringen kann, müssen die jungen Vögel laut rufen. Diese Phase dauert aber nur zwei Wochen.“

Ganz im Gegenteil zum gestressten Gartenbesitzer im vergangenen Jahr genießt Familie Scheller die Anwesenheit ihrer tierischen Nachbarn. „Mir wird richtig was fehlen, wenn die Kleinen weiterziehen“, so Christine Scheller. „Vielleicht haben wir ja Glück und sie bleiben da“, fügt sie hoffnungsvoll hinzu. Andernfalls kommen sie im nächsten Jahr vielleicht wieder – so wie es die Sommeracher Eulen bei Dieter Mehling gemacht haben.